Genres: Das Porträt

In fast allen journalistischen Texten kommen Einzelpersonen vor. Sie sind aber in den meisten Fällen interessant, weil sie eine bestimmte Kategorie von Akteuren (z.B. Touristen, Wahlberechtigte, Opfer von Unglücksfällen usw.) repräsentieren oder für eine Organisation (z.B. Firma, politische Institution usw.) stehen. Das Porträt aber widmet sich einer einzelnen Person, weil ein Interesse gerade an ihr und keinem anderen besteht. Oft liegt der Beweggrund, ein Porträt zu lesen, in der Frage: „Was ist das für ein Mensch, der diese Maschine erfunden hat/der an der Spitze jener Organisation steht/der alle diese Hits schreibt (usw.)?“

Die Form Porträt ist also dann gerechtfertigt, wenn das Beispiel über sich selbst hinausweist. Dies bedeutet zwar nicht, dass die porträtierte Person prominent sein muss. Aber sie muss mit einem wichtigen übergeordneten Thema zu tun haben. Und sie muss dem Rezipienten auf irgendeiner Art auch später wieder begegnen.

Eine Zusatzform

Das Porträt ist (wie der Kommentar) eine Zusatzform. Es interesiert, weil das Thema (und oft die Person selbst) in anderen Texten behandelt worden ist. Deshalb macht diese journalistische Form nur dann Sinn, wenn Sie (oder die porträtierte Person) nicht zu viel erklären müssen.

Interessant ist das Subjektive, das durch die Zitate, die biographischen, die atmosphärischen Details zum Ausdruck kommt. Für neuen Nachrichtenstoff oder Hintergrundinformationen, die Sie über das Thema recherchiert haben, gibt es andere Textsorten.

Sprachliche Gestalt

Was der/die Porträtierte in Ihrem Text sagt, ist subjektiv: Meinungen, Hoffnungen, Erfahrungen – schlicht alles, was nur er oder sie sagen kann.
Was Sie selbst sagen, ist scharf beobachtet. Ihre Meinungen, Vermutungen oder Introspektionen sind nicht von Interesse. (Indirekt wird aber Ihre Beziehung zum Porträtierten mit jedem Wort, das Sie wählen, deutlich.)

Das Porträt entsteht aus Ihrer Begegnung mit dem Porträtierten. Die wichtigsten Elemente sind deshalb: Szene, O-Ton, Charakterisierung.

Ein Porträt kann nie den ganzen Menschen erfassen. Aber es kann nahe herangehen an Eigenheiten, die etwas für ihn Typisches aussagen. Deshalb ist es wichtig, dass Sie so viel wie möglich beobachten – und dann alles aus dem Text streichen, was nicht für diesen Menschen spezifisch und für dieses Thema interessant ist. (Typische Streichkandidaten: Begrüßung, Bewirtung durch den Gastgeber, Doppelungen ähnlicher Szenen oder Nahaufnahmen).

Aufbau

Ausgangspunkt eines Porträts ist meistens ein längeres Gespräch – oft mehrere. Deshalb sollte der Text NICHT dem Gesprächsablauf folgen. Solche Porträts gibt es genug: Sie beginnen mit dem Händedruck an der Wohnungstür und hören auf, wie der Journalist auf das Haus zurückblickt.

Viele andere Dinge können dem Porträt eine Struktur geben:

  • Handlung: eine kurzer Szenenausschnitt aus der Begegnung
  • Zeitlich: ein besonderes Ereignis im Leben des Porträtierten
  • Zeitlich: eine parallel zum Leben des Porträtierten verlaufene Geschichte
  • Örtlich: verschiedene Stationen in der Wohnung, im Garten, am Arbeitsplatz…

Literatur

Bleher, Christian/Linden, Peter (2004): Das Porträt in den Printmedien. Berlin: ZV.
Egli von Matt, Sylvia et al. (2008): Das Porträt. 2. Auflage. Konstanz: UVK.