Hat Merkel wirklich gewarnt?

Verben der Redewiedergabe bauschen oft Unspektakuläres auf.

Angela Merkel hat mit dem ukrainischen Staatspräsidenten telefoniert:

Sie drückte ihre Bestürzung über die jüngsten Gewaltausbrüche in Kiew aus und verurteilte sie scharf. Die Bundeskanzlerin betonte, es liege in der Verantwortung des Staates, die freie Meinungsäußerung und friedliche Versammlungen zu schützen.

So schreibt es die Pressestelle Angela Merkel selbst sagte am Donnerstag, 23. Januar 2014.

In den aktuellen Nachrichten heißt es:

Merkel warnt Janukowitsch vor weiterem Blutvergießen (faz.net, 22.1.2014)

Hat sie wirklich gewarnt? Das kann natürlich außer ihr und ihrem Gesprächspartner niemand sagen. An der Pressekonferenz hat sie selbst Folgendes gesagt:

Wir erwarten von der ukrainischen Regierung, dass sie die demokratischen Freiheiten, insbesondere die Möglichkeiten zur Demonstration, zu friedlichen Demonstrationen, sichert, dass sie Leben schützt, dass Gewaltanwendung äh nicht stattfindet…

Sie hat also eine Erwartung ausgedrückt. Und danach in ihrer eigenen Darstellung gesagt:

… und wir sind aufs Äußerste besorgt, und nicht nur besorgt, sondern auch äh empört darüber, in welcher Art und Weise Gesetze durchgepeitscht wurden, die diese Grundfreiheiten doch in Frage stellen.

Das ist keine Warnung. Auch das Folgende nicht:

Deshalb wird die Bundesrepublik Deutschland äh intensiv darauf hinwirken, dass das, was ein Grundrecht ist, nämlich das Demonstrationsrecht, von der ukrainischen Opposition genutzt werden kann.

Vielleicht ist das ein Versprechen. Eine Warnung ist das wohl auch nicht. Und zum Schluss pädiert und betont sie:r

Wir plädieren dafür, dass darüber auch Gespräche geführt werden zwischen der ukrainischen Regierung und der Opposition. Und ich betone noch einmal, dass es die Aufgabe jedweder Regierung ist, solche Möglichkeiten der freiheitlichen Meinungsäußerung auch sicherzustellen und dass dies zur Zeit nach unserer Auffassung innerhalb der Ukraine nicht äh möglich ist und nicht ausreichend möglich ist.

Wo ist da die Warnung?

Wir erwarten, wir sind besorgt, wir werden intensiv darauf hinwirken…– Das sind viele verschiedene Verben der politischen Verlautbarung. Eine Warnung ist etwas anderes. Dennoch schreiben Journalistinnen und Journalisten in solchen Fällen reflexartig: Merkel warnt…

Warum fragt eigentlich in solchen Fällen niemand, wovor hier gewarnt wird? Eine Warnung wäre es gewesen, wenn Merkel gesagt hätte:

Pass auf, wenn du weiter so vorgehst, wird etwas Schlimmes passieren.

Sie hat das ziemlich sicher nicht gesagt. Sie hat offenbar auch nicht gedroht, was sich etwa so angehört hätte:

Pass auf, wenn du weiter so vorgehst, werden wir dich…

Wahrscheinlich hat sie wenig Mittel für eine Drohung und sieht auch den Sinn für eine Warnung nicht ein. Laut ihren Worten hat sie ihm ins Gewissen geredet. Und laut einhelliger Meinung der Presse waren es ungewöhnlich deutliche Worte. Sachgemäß sind wohl die Meldungen, in denen einfach steht:

Merkel kritisiert Janukowitsch

Ob es außerhalb Deutschlands wahrgenommen wird, weiß kein Mensch. Wir aber merken uns ein kleines Verb der Redewiedergabe, das fast immer falsch verwendet wird, das Verb warnen.

Warnen wird oft verwechselt mit Drohen. Politikerinnen und Politiker tun dies meist absichtlich. Sie sagen warnen, wenn sie eigentlich drohen. Und die Berichterstatter übernehmen das. Wahrscheinlich hätte Merkel dem ukrainischen Präsidenten gerne gedroht. Das haben die Journalisten intuitiv gespürt. Und deshalb ist ihnen das Verb warnen ganz automatisch in die Finger geflossen.

Die Süddeutsche, die am 27. Januar 2014 auf die schwierige Interessenlage hinweist (Die EU will es sich mit Janukowitsch nicht gänzlich verscherzen), titelt deshalb treffend:

Drohen, aber nur ein bisschen

 

Ist Merkel empört?

Wer sich um klare journalistische Sprache bemüht, hat eine große Hauptaufgabe: eigene und fremde Aussagen zu trennen.

Im Anschluss an die Regierungsklausur in Meseberg hat sich die deutsche Bundeskanzlerin zu den Ereignissen in der Ukraine geäußert. Sie sagte bei einer Pressekonferenz, die Regierung in Berlin sei empört darüber, wie in Kiew Gesetze durchgepeitscht wurden, welche demokratische Freiheiten, vor allem das der friedlichen Demonstrationen, infrage stellten. (nzz.ch, 24.1.2014)

Wie geben wir das wieder?

Reflexartig würde man schreiben: Merkel ist empört…

Damit wäre aber der Zitatcharakter nicht mehr erkennbar. Empörung ist ein innerer Zustand, und ob ein Politiker wirklich empört ist oder sich nur so gibt, lässt sich nicht überprüfen. Deshalb ist es korrekt, dass die Süddeutsche (und mit ihr überraschend viele andere Zeitungen) schreibt:

Die Kanzlerin […] zeigt sich empört darüber, wie der Präsident die Grundrechte missachte.

Sie zitiert. Sie distanziert sich klar. Nicht: ist empört, sondern: zeigt sich empört.

Auch im Nebensatz wird klar gemacht, dass zitiert wird:

…wie der Präsident die Grundrechte missachte.

Konjunktiv. Das ist zwar nicht besonders elegant, aber trennt die eigene von der fremden Meinung. Dass auch die Redaktion der Süddeutschen meint, dass Janukowitsch die Grundrechte missachte, kann angenommen werden. Es tut hier aber nichts zur Sache. Wer in dieser Frage nicht konsequent ist (und zum Beispiel sich nur dann zitiert, wenn er die Meinung nicht teilt), schwächt den eigenen journalistischen Standpunkt.

Journalistische Sprache hat ihre eigenen Regeln

Wir haben unsere sprachliche Urteilskraft an literarischen Texten geschult. Im Journalismus gelten aber oft andere Regeln.
Der Grund dafür ist scheinbar banal: In literarischen Texten führt der Erzähler den Adressaten in eine Welt, die nicht mit seiner normalen Welt übereinstimmt. Im Journalismus gehören alle zu derselben Welt: Journalist und Erzähler, Leser und Adressat sowie alle Akteure, denen sie im Alltag oder im Text begegnen.

Der Journalist ist der Erzähler

Der Journalist und sein Publikum leben in derselben Welt – unabhängig davon, ob sie einander im Alltag oder im Text begegnen. Wir müssen, wenn wir uns mit journalistischen Texten befassen, die liebgewordene Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler hinterfragen.
Wir haben in der Schule gelernt, dass Karl May und Old Shatterhand nicht dieselben Personen sind. Und wenn Old Shatterhand im Roman flunkert, kann Karl May dafür nicht haftbar gemacht werden. (In Tat und Wahrheit hat Karl May selbst geflunkert, was aber Old Shatterhand wiederum egal ist.)
Wenn in einem Roman die CIA den amerikanischen Präsidenten ermordet, so kann der reale CIA dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden – ebenso wenig kann der Autor des Romans oder der Erzähler der Verleumdung bezichtigt werden.
Wenn derselbe Fall Gegenstand eines journalistischen Textes wird, hat dies völlig andere Konsequenzen – für die CIA und für den Autor.

Rubber_Duck_Florentijn_Hofman_Hong_Kong_2013d

 (Um eine solche Ente geht es weiter unten. – Foto: Antony Lau, Zenda.
Zu Quelle und Rechten siehe Wikipedia )

Merkwürdigerweise hat diese einfache Tatsache Konsequenzen für die journalistische Sprache – und zwar bis in die Niederungen der Grammatik.

Beispiel eins: die indirekte Rede

Das wichtigste sprachliche Thema im Journalismus ist die Trennung eigener und fremder Aussagen. Die Jounalistin, der Journalist hat eine Stimme in der öffentlichen Kommunikation. Sie kann neben der Stimme des Politikers, des Sportlers, des Pressesprechers bestehen. Für eine Gesellschaft ist es wichtig, ob ein Wort von einem dieser Akteure oder von einem Journalisten verwendet wurde.
Der Erzähler im Roman braucht sich nicht um diesen Unterschied nicht zu kümmern.
Man stelle sich vor, ein junger Mann wird von Polizisten angehalten. Später behauptet er, die Polizisten seien dabei tätlich geworden:

„Die Bullen haben mich geschlagen,“ behauptete der Mann.

Wenn dies Teil eines Romans ist, kann diese Aussage ohne Probleme in indirekte Rede übernommen werden:

Der Mann behauptete, die Bullen hätten ihn geschlagen.

Stellen wir uns jetzt aber vor, dass es ein aktuelles Ereignis ist. Ein journalistisches Medium berichtet darüber. Dann wird derselbe Satz in indirekter Rede problematisch. Bulle ist hier nicht eindeutig erkennbar als die Wortwahl des Akteurs. Und weil Bulle eine abwertende Bedeutung hat, heißt das: Der Journalist hat die Wertung übernommen.
Zwar zeigt die indirekte Rede (hätten) schon an, dass eine fremde Aussage wiedergegeben wird. Aber sie reicht nicht aus, um Kernausdrücke im Satz entsprechend zu kennzeichnen. In einem journalistischen Text ist der Satz deshalb erst korrekt, wenn eine zusätzliche Distanzierung vorgenommen wird:

Der Mann behauptete, die „Bullen“ hätten ihn geschlagen.

Eine konventionelle literarische Erzählung würde durch solche Anführungszeichen verfremdet. Im journalistischen Text dagegen ist sie notwendig.
Dies ist der Grund dafür, dass in vielen Meldungen und Berichte die indirekte Rede mit Anführungszeichen oder anderen Wendungen (z.B.: …wie er sich ausdrückt) ergänzt wird.

Beispiel zwei: die Zeit

Wenn ein Ereignis in der Vergangenheit spielt, hat das Deutsche mehrere Formen zur Verfügung. Im Journalismus ist es üblich, den ersten Satz einer Meldung ins Perfekt zu setzen, den Rest ins Präteritum (Imperfekt):

Erneut ist einer Riesen-Gummiente des niederländischen Künstlers Florentijn Hofman die Luft ausgegangen. Am Dienstag explodierte in einer taiwanesischen Hafenstadt eine 18 Meter hohe Version der klassischen gelben Badeente. (Nach heute.at, 31.12.2013)

Wenn eine Information über die Vorgeschichte folgt, steht diese normalerweise im Plusquamperfekt:

Schon im November war dort ein anderes Exemplar geplatzt.

Wenn wir jetzt noch einen Schritt zurückgehen, bietet sich nach klassischer Lehre wiederum nur das Plusquamperfekt an:

Der niederländische Künstler hatte diese Enten installiert, um die Menschen zu erfreuen und politische Spannungen zu mindern.

Aber im aktuellen journalistischen Text ist hier auch eine andere Zeitform möglich:

Der niederländische Künstler hat diese Enten installiert, um die Menschen zu erfreuen und politische Spannungen zu mindern.

Hier steht also wiederum Perfekt, wie wenn es sich um den Anfang einer neuen Meldung handelte.
Dies ist möglich, weil Journalist und Leser in derselben Welt und zur gleichen Zeit leben. Statt in der Logik des Textes zu bleiben (und Plusquamperfekt zu setzen), kann man diese Hintergrundinformation auf die Zeit der Berichterstattung beziehen.
Es gibt also zwei Möglichkeiten, die Zeitverhältnisse auszudrücken: entweder in der Logik des Textes oder in der Logik der aktuellen Berichterstattung. Die Logik des Textes sagt: Das Leben und Sterben der Ente gehört ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt), ihr Vorleben ins Plusquamperfekt. Die Logik der Berichterstattung sagt: Das Leben und Sterben der Ente gehört ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt), ihr Vorleben gehört erneut ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt).
Und dies alles nur, weil Journalist und Leser in derselben Welt leben und man den journalistischen Autor für Dinge behaften kann, die der journalistische Erzähler sagt.