Anmoderation, Lead: Eine Frage muss offen bleiben

Es wäre an der Zeit, einmal etwas Nettes über die Wirtschaftsredakteure der Süddeutschen zu sagen. Sie bieten jeden Tag ein paar Themen so an, dass auch einer neugierig wird, der keine Spezialkenntnisse hat.
Die „Aufräumarbeiten“ rund um die Pleite der Baumarktkette Praktiker sind heute das erste Thema auf der Wirtschaftsseite. Und das ist der Vorspann (oder der Lead oder die Unterzeile – na ja, einfach die luxuriösen 200 Zeichen, die die Redaktion zur Verfügung hat, um den Leser von der Überschrift in den Text zu locken):

Vor einem Jahr ging Praktiker, Deutschlands drittgrößte Baumarktkette, pleite: Tausende verloren ihren Job, Gläubiger bleiben wohl auf hohen Schulden sitzen. Nun geht die Staatsanwaltschaft einem schweren Verdacht nach.

Dieser einfache Text zeigt, wie ein gelungener Vorspann konstruiert ist. (Das Gleiche gilt aber auch für eine attraktive Anmoderation im Radio oder Fernsehen.) Die Regel lautet:

Lass eine Frage offen.

Die Lösung der Süddeutschen ist  völlig unaufgeregt  Die ersten drei Sätze bilden einfach den Anschluss an die Vorgeschichte, einfach und verständlich. Und der letzte Satz weckt die Neugier: Worin besteht dieser Verdacht?

Ich durfte diese Woche eine Diskussion unter erfahrenen Moderatorinnen und Moderatoren verfolgen, in der es genau um diese Frage geht: Wie formulieren wir „Teaser“, die das Publikum neugierig machen? Interessant war, dass diese scheinbar auf der Hand liegende Lösung nicht immer gelingt. Warum nicht? Weil man zu viel voraussetzt, eine Frage stellt, die nicht auf Anhieb verstanden wird.

Die Frage, die offenbleibt: Sie muss sich selbstverständlich an die Vorinformationen anschließen. Das ist die Kunst. Die Leserin, der Leser muss auf eine Zusatzinformation neugierig sein – nicht etwa auf die ganze Information. Die Frage, die geweckt wird, lautet also nicht: „Was ist passiert?“, sondern: „Was ist noch passiert?“ – „Wie …?“ – „Warum …?“
Nur wer genug Vorinformationen hat, an die die Frage anschließen kann, liest weiter. Für mich ist z.B. der letzte Satz im Vorspann bei focus.de völlig unverständlich:

Fünf frühere Vorstände der insolventen Praktiker-Baumärkte stehen im Verdacht der Insolvenzverschleppung. Die Staatsanwaltschaften an zwei Ex-Firmensitzen ermitteln parallel. Dabei behindert sie das muntere Bäumchen-wechsle-dich-Spiel in der Konzernspitze in den Jahren vor der Insolvenz.

Der letzte Satz weckt ganz klar eine Frage:Wie wird das Spiel behindert? Aber sie folgt nicht aus den Vorinformationen der ersten beiden Sätze sondern aus dem (vermuteten) Vorwissen des Lesers. Wer dieses nicht hat (und nicht weiß, das mit dem munteren Bäumchen-wechsle-dich-Spiel gemeint ist), wird kaum weiterlesen. Bei ihm wurden mindestens zwei Fragen geweckt. Und es wurde ihm auch demonstriert, dass er bei diesem Thema ein Außenseiter ist. (Im Übrigen ist aus rein grammatikalischen Gründen nicht ergründbar, wer im letzten Satz Subjekt ist.)

Also auch hier – wie immer bei Nachrichten: Einfach sagen, was passiert ist. Und dann Neugier wecken durch das Versprechen einer Zusatzinformation.