Abstrakte und konkrete Gefährdungen

In Tübingen ist das Schreibtraining des Wintersemesters angelaufen. Und plötzlich wird mir deutlich, dass dieser Blog (dieses Blog) schon seit Monaten nichts Neues zu bieten hat. Das soll anders werden – und sei es auch nur, um Themen zu ergänzen, die im Seminar nicht ausführlich genug behandelt wurden.

Wenn es um öffentliche Sprache geht – insbesondere um journalistische Sprache – gibt es ein zentrales Thema: die Trennung von eigener und fremder Rede.

Es gehört zu den journalistischen Grundkompetenzen, dass man bei jeder Aussage deutlich macht, ob sie von einem selbst oder von einem Akteur stammt. Das ist nicht nur eine Frage der Verständlichkeit, sondern vor allem auch eine Frage des Rollenverständnisses. Wer den Slang eines Politikers unhinterfragt übernimmt, macht sich zum Parteigenossen dieses Politikers. Wer die Werbephrase eines Unternehmenssprechers im eigenen Text verwendet, wird zum Mitarbeiter seines Unternehmens.

Die Regel heißt ganz einfach: Ich muss mich von allen subjektiven Äußerungen und Ausdrücken meiner Quellen distanzieren. Dies funktioniert durch direkte Rede, indirekte Rede, Anführungszeichen usw.

Aber manchmal ist die Arbeit damit nicht getan.

Fremde Rede ist oft nicht nur subjektiv, sondern auch unverständlich

Man stelle sich eine Politikerin vor, die eine Stellungnahme abgibt, und diese Stellungnahme ist ganz einfach unverständlich. Dann reicht es nicht aus, mit Mitteln der Distanzierung (indirekte Rede, Anführungszeichen usw.) die Subjektivität zu kennzeichnen. Erst wenn Verständlichkeit hergestellt ist, ist die journalistische Handlung abgeschlossen. (In seltenen Fällen kann man auch zum Mittel des Kommentars greifen und etwa die Tatsache, dass jemand absichtlch unverständlich spricht, thematisieren.)

Nur zu oft greifen Journalisten in solchen Fällen zum Werkzeug des wörtlichen Zitats. Man gibt den Satz wörtlich wieder, packt ihn zwischen Anführungszeichen. Und dann ist doch gut. Oder?

Ach ja – falls ich es noch nie gesagt habe: Der wahre Grund des Untergangs des deutschen Journalismus ist die Faulheit. Und wer einen Satz, den er nicht verstanden hat, einfach so wiedergibt, schubst den deutschen Journalismus ein Stück weiter in Richtung Abgrund.

Ein Beispiel:

In Ottawa, Kanada, erschoss am 22. Oktoeber 2014 ein Mann einen Soldat, der beim Nationalen Kriegerdenkmal Wache hielt, betrat dann das Parlamentsgebäude und wurde dort nach einem längeren Schusswechsel von einem Sicherheitsmann erschossen.

Wie immer, wenn auf der Welt etwas passiert, fragten sich darauf Journalisten in Deutschland: Was bedeutet das für uns in Deutschland? Sie riefe im Innenministerium an und baten um eine Einschätzung der Gefährdungslage.

Die Antwort wurde dann etwa so zusammengefasst:

Das Attentat in der kanadischen Hauptstadt Ottawa hat vorerst keine Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Deutschland. (dpa/t-online, 23.10.2014)

(Eine merkwürdige Formulierung; Anschläge in Deutschland wären wohl weniger die Auswirkung des Attentats in Kanada, sondern beides wäre die Auswirkung eines ihnen zu Grunde liegenden Ereignisses. Aber lassen wir das.)

Auch die Südwestpresse hat in ihre Berichterstattung pflichtbewusst einen Hinweis auf die Stellungnahme des Innenministeriums eingebaut. Sie tat dies folgendermaßen:

Die deutschen Behörden sehen nach dem Anschlag von Ottawa keine erhöhte Gefährdungslage in Deutschland.
Die Bundesrepublik „steht nach wie vor im Fokus des dschihadistischen Terrorismus“, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums.
Daraus resultiere „eine abstrakt hohe Gefährdung für die innere Sicherheit, die jederzeit in Form von Anschlägen unterschiedlicher Dimensionen und Intensität real werden kann“. (SWP, 24. 10. 2014)

Frage Nummer 1: Wie hängen der erste und der zweite Satz zusammen? (Wäre z.B. ein „aber“ nützlich?)

Frage Nummer 2: Was bedeutet „eine abstrakt hohe Gefährdung“?

Frage Nummer 3: Wenn die Gefährdung jederzeit „real werden kann“ – bedeutet das, dass sie nicht real ist? (Nun gut – das ist spitzfindig. Also zurück zur Frage Nummer 2:)

Von einer „abstrakt hohen Gefährdung“ haben viele Zeitungen und Newsportale berichtet. Das wurde wahrscheinlich genau so gesagt. Was es bedeuten mag, ist zumindest für einen Nichtjuristen schwer zu ergründen. Und ich vermute, dass keiner der Journalisten so richtig verstanden hat, was gemeint war.

Abstrakt hoch?

Wikipedia unterscheidet zwischen abstrakten und konkreten Gefährdungsdelikten. Der betreffende Artikel ist aber leider nicht gerade leicht zu verstehen, u.a., weil ein Zusammenhang mit dem Begriff „Erfolgsdelikt“ hergestellt wird und der betreffende Artikel wiederum etwas viel juristische Vorkenntnisse verlangt.

Aber es ging ja gar nicht um ein Delikt, sondern nur um eine Gefährdung. Und das scheint ein noch weniger klarer Begriff zu sein. Wenn man es verstanden hat, könnte man es in indirekter Rede verständlich neu formulieren. Wenn man es nicht verstanden hat, müsste man zum Telefonhörer greifen. Da die Sprecherin zudem nicht einmal von einer abstrakten Gefährdung, sondern von einer abstrakt hohen Gefährdung gesprochen hat, wäre dies sicher angezeigt.

Da müsste man aber, wie gesagt, einer großen und sehr konkreten Gefährdung des deutschen Journalismus zu Leibe rücken: der Faulheit.