Kategorie-Archiv: HINTERGRUND

Über Sprache, Rhetorik, Journalismus…

Mutmaßliches Mutmaßen

Die Ermittlung zu den Pariser Attentaten hat Fortschritte gemacht. Für die Südwestpresse in Ulm ist es natürlich eine Nachricht wert, dass der Attentäter, der inzwischen festgenommen wurde, auch in Ulm war. Sie titelt: Rätsel um Ulmer Terror-Spur. Und darunter die Frage: Holte Paris-Mittäter mutmaßliche Komplizen ab?

Tagblatt 2016_03_13

Keiner weiß, ob er in Ulm drei Personen abgeholt hat oder nicht. Keiner weiß, ob es drei Komplizen waren oder einfach drei Freunde, die einen Ausflug machen wollten. Es ist also alles fraglich, und deshalb formuliert es die SWP auch als Frage.

Aber warum mutmaßliche Komplizen?

Es wird gemutmaßt, dass er Komplizen abgeholt hat. Und fertig. Es wird gemutmaßt, ob die mutmaßliche Abholung Komplizen betraf. Da schon die Abholung eine mutmaßliche ist, braucht es diese Bezeichnung für den Rest der Aktion nicht. (Außer man kennte diese Personen schon und ihnen wäre die Komplizenschaft schon zur Last gelegt.)

Man stelle sich vor, Salin Abdeslam hätte in Ulm mutmaßlich statt der Komplizen bei der Firma Walther ein paar Pistolen abgeholt. Es wären einfach Pistolen, keine mutmaßlichen Pistolen. Wenn es sich später herausstellt, dass es Maschinenpistolen des Typs M4 OPS waren, war die Mutmaßung falsch. Dass Walther Pistolen herstellt, ebenso wie viele andere Mordwaffen, ändert sich dadurch nicht.

Warum ist das wichtig?

Die Berichterstattung über Dinge, die man nicht sicher weiß, gehört zum journalistischen Alltagsgeschäft. Sich von einer Aussage zu distanzieren, gehört zum sprachlichen Grundwerkzeug. Man kann aber auch zu viel Distanz einbauen. Das verwässert den Stil in einem Bereich, der ohnehin schon die Lesbarkeit erschwert.

 

 

 

Mauerfall und Kitsch

42 Millionen Exemplare einer Jubiläumszeitung wurden in die deutschen Briefkästen gestopft. „Liebes Deutschland“, steht da in roter Schrift über dem Bild, von dem ich zuerst dachte, es dokumentiere den Zustand deutscher Autostraßen. Es ist aber ein Riss in der Berliner Mauer, hinterlegt mit einem hoffnungsvollen Blau, das wiederum aufgelockert wird von einem lyrischen Text in Weiß.

Bild-Sonderausgabe vom 9.11.2014
Bild-Sonderausgabe vom 9.11.2014

„Dies war einmal ein Stein, und er erzählt und seine Story,“ schreibt da Bild-Autor F.J.Wagner. „Dieser zerbrochene Mauerstein erzählt die Geschichte der glücklichen Deutschen“, lautet der letzte Satz dieser Instant-Poesie.

Eine Story. Eingerahmt von Werbe-Anzeigen für VW, UltraGrip 9 von Good Year und die Deutsche Bank.

Es wird uns zur Zeit viel Kitsch zugemutet, nicht nur in der Sonderausgabe von Bild. Die Reduktion der deutschen Teilung auf eine Linie luftiger Lichtbälle durch Berlin entfernt uns vielleicht weiter von der historischen Realität als die Tatsache, dass ein Bild-Leser oder eine Bild-Leserin im Telefon-Gewinnspiel („0,50 Euro/Anruf a.d. Festnetz, Mobil viel teurer!“) demnächst ein „historisches Mauerstück“ gewinnen kann (3,60 mal 1,20 mal 2,10, 2800 kg).

Die Freiheit, die sie meinen, ist „Freiheit aus Leidenschaft“ (so das Inserat der Deutschen Bank) oder die Freiheit des George H. W. Bush, der neben Michail Gorbatschow auf Seite 4 ein Grußwort platzieren durfte. Überschrift:

„Freiheit setzt sich immer durch.“

Man möge zur Kenntnis nehmen, dass sie sich an den meisten Orten nicht durchgesetzt hat, wo Bush interveniert ist: nicht in Somalia, nicht in Irak. Aber immerhin war er damals aktiv beteiligt und hat das Recht auf seine Phrasen. Viel weniger beteiligt war die Brillenkette fielmann, die sich ein halbseitiges Inserat geleistet hat:

Ein Tag der Freude. Jahre der Freiheit. 25 Jahre Mauerfall. Wir sind dankbar und glücklich über die Wiedervereinigung.

Dankbar und glücklich: Fielmann hat auf dem Gebiet der ehemaligen DDR weit über 100 Filialen errichten können.

Am klarsten bringt VW die Sache auf den Punkt. Auf zwei ganzseitigen Inseraten stehen zwei Sätze:

Wir sind das Volk.
Wir sind das Auto.

 

Leidenschaftliches Geschichtenerzählen

 

Das muss echt spannend sein: Du bist Moderator der SWR-Talkshow „Leute“, und anstatt einen Gast aus dem realen Leben zu interviewen, wird dir ein Thema in eigener Sache aufs Auge gedrückt. Um welchen spannenden Tatbestand ging es an diesem 3. November 2014? Moderator Wolfgang Heim drückte es so aus:

Das SWR-Fernsehen startet heute mit seinem neuen Informationsangebot, mit seinen neuen Informationssendungen: „Landesschau“, „Landesschau aktuell“…

Ich dachte: Die gibt’s doch schon. Aber irgendwie ist es verständlich, dass es der Moderator nicht so richtig hingekriegt hat. Denn es geht um den kleinen Unterschied zwischen…

Landesschau vorher

 

(TV-Programm vom 30. Oktober 2014)

… und:

Landesschau nachher

 

(TV-Programm vom 3. November 2014)

Man beachte die erste Spalte, zweite Zeile: Die „Landesschau“ ist jetzt kürzer, die Sendung mit dem fast gleichen Namen, „Landesschau aktuell“, ist jetzt länger.

Man muss schon tief in die Kiste der pathetischen Sprachkunst greifen, um dem auf Anhieb etwas abzugewinnen. Hätte sich Heim nur bei seinem obersten Chef bedient, dann hätte er die historische Bedeutung erkannt:

„Der 3. November 2014 ist für den SWR und seine Zuschauerinnen und Zuschauer eine Zeitenwende. Zum einen ganz wörtlich genommen, denn es ändert sich ja die Sendezeit unseres Nachrichten-Flaggschiffs erstmals seit vielen Jahren. Vor allem aber werden unsere traditionsreichen Landesnachrichten auch inhaltlich in eine neue Zeit aufbrechen.“

So weit Intendant Peter Boudgoust.

Wolfgang Heim versuchte den Moderator der um 15 Minuten gekürzten Sendung zu einer kritischen Anmerkung zu verleiten. Dieser aber rettete sich gekonnt mit Ausrücken wie „Ansporn“ und „Chance“ („Die Chance besteht darin, dass wir uns noch mehr konzentrieren müssen“).

Die Geschichtenerzähler

Das Neue aber an den Sendungen – und zwar in den internen Richtlinien festgeschrieben – ist nach einhelliger Meinung dies:

(Moderator Heim:) Äh wie steht es da in diesem internen äh Leitfaden: man müsse ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler sein?
(Moderator Weber:) Äh Wolfgang, zuerst mal steht über diesem Leitfaden streng vertraulich, ja? Aber da wir unter uns sind: Es ist schon so, aber das ist eine Selbstverständlichkeit, ähm dass der Moderator regional kompetent ist und leidenschaftlich Geschichten erzählt. Und das müssen wir natürlich für uns in Anspruch nehmen, und deswegen machen wir den Job. Also insbesondere diese leidenschaftliche Geschichtenerzählen ähm das ist äh ein eine Sache, die wir noch mehr intensivieren wollen in der neuen Landesschau nämlich. (SWR-1, Leute, 4.11.2014)

Die Botschaft lautet: Wir müssen in Zukunft noch leidenschaftlicher Geschichtenerzählen, obwohl wir schon von Natur aus leidenschaftliche Geschichtenerzähler sind. Oder in den Worten der Kollegin von der kürzeren, jetzt doppelt so langen Sendung:

Unsere Zuschauer können sich darauf freuen, dass wir mehr Zeit haben in dieser halben Stunde, Hintergründe zu erklären, und wir können auch die Geschichten erzählen, weil hinter jeder Nachricht steckt auch ’ne Geschichte. („Making-of-„Video)

Storytelling – damit macht man auch das lahmste journalistische Boot wieder flott, ob man es jetzt als Flaggschiff versteht oder als ein anderes kriegerisches Gefährt:

(Moderator Heim:) Äh das das das leidenschaftliche Geschichtenerzählen?
(Moderator Weber:) Äh also ich glaube, das tun wir Moderatoren schon äh immer, würde ich jetzt mal behaupten für uns. (M: Ach so.) Aber äh insbesondere darauf, dass wir nicht äh Nachrichten vermelden, ähm sondern versuchen, immer zu schauen: Was hat das mit den Menschen in Baden-Württemberg zu tun? Können wir über die Menschen in Baden-Württemberg eben das erzählen, was tagtäglich passiert? Also uns immer Protagonisten suchen, anhand derer wir Geschichten erzählen, Stichwort: Persönlich.

Es ist ja gar nicht falsch, sich am Geschichtenerzählen zu orientieren (ob es sich als Verkaufsargument eignet, ist mir allerdings nicht so klar). Aber das Beunruhigende ist, wie viel man bei der Neugestaltung und Propagierung einer Sendung auf ein formales Prinzip – auf die Personalisierung – setzt. Und wie wenig man der Tatsache vertraut, dass die Menschen auch dann einschalten würden, wenn man ihnen sagte: Wir bringen das, was wichtig ist. Wir glauben, dass Sie diese aktuellen Informationen erfahren müssen.

Und noch kurz etwas zum allgegenwärtigen „Flaggschiff“

(zu hören im Zusammenhang mit: Tagesschau, Tagesthemen, Heute, heute-journal usw. usw.)

Flaggschiff, das Kriegsschiff eines Verbandes, auf dem der führende Admiral mit seinem Stab eingeschifft ist. Das F. ist durch ein Kommandozeichen (Admiralflagge) kenntlich gemacht. (Brockhaus, Band 6, 1968)

Wenn ich bei der Landesschau oder beim heute-journal oder beim Stern arbeitete – ich würde mich immer und überall dagegen wehren, dass mein friedliches journalistisches Produkt mit einem Kriegsschiff verglichen würde.

(Außer ich hätte die Abgeklärtheit des Donald Duck, dessen Mütze einst die Aufschrift Torpedobootzerstörer Niederschlesien trug.)

Und à propos „Zeitenwende“:

In jeder politischen Zeitenwende können Worte zu Schicksalen, öffentliche Meinungen zu Leidenschaften werden.

(Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, 2. Band, Kap. 5)

 

 

 

 

Ein konsequenter Aufbau macht den Text lesbar

Manchmal sitzt man vor seiner Zeitung, trinkt einen Kaffee und ertappt sich plötzlich dabei, dass man einen Text von A bis Z gelesen hat. In solchen Fällen lohnt es sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Warum bleibe ich dran, wenn sich einer mit 10.000 Zeichen mit der Lage der deutschen Wirtschaft auseinander setzt?

Es hängt natürlich mit der Sachkompetenz des Autors und mit all den Fakten zusammen, die er auf den Tisch legt. Aber wer sich für das journalistische Handwerk interessiert, wird auch eine Erklärung in der sprachlichen Präsentation suchen.

Wie man 10.000 Zeichen bändigt

Philip Oltermann schreibt für The Guardian und The Observer. Von ihm ist das Buch Keeping Up With the Germans: A History of Anglo-German Encounters (London: Faber and Faber, 2013 – deutsch auf Anhieb nicht wieder zu erkennen dank dem Titel: Dichter und Denker, Spinner und Banker: Eine deutsch-englische Beziehungsgeschichte. Reinbek: Rowohlt, 2013). Er hat im Übrigen auch die Guardian-Artikelserie How to Write herausgegeben.

Im Observer vom 19. Oktober 2014 hat er besagten 10.000-Zeichen-Artikel geschrieben mit dem Titel:

As cracks in its economy widen, is Germany’s miracle about to fade?

Hauptaussage dieses aufwühlenden Textes: Noch vor kurzem wurde Deutschland für deine Fähigkeit gepriesen, der Krise zu widerstehen, die praktisch ganz Europa erfasst hat. Aber jetzt werden die Risse in der deutschen Wirtschaft immer weiter.

Und so ist der Text aufgebaut

Der Text beginnt mit einer Nahaufnahme: Der Autor berichtet von der Loschwitzer Brücke in Dresden, besser bekannt unter dem Namen Das Blaue Wunder.

Blaues_Wunder_01

Es ist ein Glanzstück der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts. Aber die Brücke verrostet und müsste dringend saniert werden – wenn es denn finanziell machbar wäre:

Locals call the cantilever truss bridge that connects the Dresden suburbs of Blasewitz and Loschwitz the “blue miracle”. Built in 1893 without the support of river piers, it is the kind of German engineering tour de force that could rightly claim a place in the British Museum’s current Memories of a Nation exhibition, were it not impossible to transport. However, in recent years the blue miracle has lost some its sheen…

Das Beispiel führt nahtlos zu den Finanzproblemen der Stadt Dresden, die nicht nur mit den Problemen dieser einen Brücke zu kämpfen hat:

Dresden city council is aware of the problem, but it is under financial pressure. Twenty-one million euros are being spent on overhauling the Albert bridge in the city centre, which was crumbling away so badly that bits of concrete were falling on the heads of cyclists passing underneath. The Augustus bridge, the jewel in Dresden’s eight- bridge crown, will have to come next after it was damaged by floods last year…

Im nächsten Abschnitt sehen wir über Dresden hinaus auf ganz Deutschland und den Zustand seiner Brücken und Autostraßen:

Crumbling bridges and potholed roads are a politically sensitive issue in Germany these days. Forty per cent of all bridges and a fifth of the motorway network are said to be in a “critical state”, causing traffic jams and delays up and down the country. Worse still, a growing choir of economists and politicians warn that such cracks in the country’s infrastructure are only the beginning of a much bigger problem. Germany, Europe’s model austerian, they say, is saving itself to death…

Und hier, beim letzten Satz dieses Abschnitts, sind wir sehr elegant zur zentralen Aussage gekommen: Deutschland steckt in Schwierigkeiten, und diese hängen mit seiner scheinbaren Stärke zusammen. Experten werden zitiert, die eine typisch deutsche Schwäche anprangern: die Sparsamkeit, wenn es darum geht, in die Infrastruktur zu investieren.

Dann wird das Thema noch einmal ausgeweitet:

But at least potholes can be spotted and filled. Missed investment in education, research and industry, on the other hand, might only be felt once it is too late…

Die mangelnden Investitionen in Bildung, Forschung und Industrie werden mit Zitaten und Zahlen belegt. Dies mündet in die Frage, wie nützlich eine „schwarze Null“ ist, Finanzminister Schäubles Haushaltsplan für 2015, in dem keine neue Verschuldung eingeplant ist.

Der Rest des Artikels ist der Diskussion dieses Themas gewidmet – nicht ohne den Rückverweis auf das zum Symbol aufgebauten Blauen Wunder:

But in October 2014 it is the pessimists who are setting the tone: the German economy is looking about as rusty as the blue miracle in Dresden…

Das letzte Wort hat ein Autor, der in die Zukunft blickt. Olaf Gersemann verweist auf die demographische Entwicklung und zeichnet ein trübes Bild:

“We’ve been talking about the pending demographic crisis for years, but we’ll only start to feel its impact in the next few years,” said Gersemann. “The baby boomer generation of the 50s and 60s will slowly start to disappear from the labour market. Total hours’ work will start to fall within a couple of years, depressing Germany’s growth potential.

Germany in 10 years’ time will feel so different that we will look back on today as the good old days.”

Was mich an dem Text beeindruckt, ist, wie konsequent er den Blick weitet. Er tut dies in nachvollziehbaren Schritten, ohne zu große Sprünge. Das Anfangsbeispiel, die Dresdner Brücke, bleibt immer in Erinnerung, weil es für die ganze Problematik stehen kann. Der Text liest sich flüssig, obwohl er auf viele weitere Nahaufnahmen verzichtet. Er ist linear aufgebaut. Er führt den Leser, bis er einen Überblick hat. Mehr braucht es nicht.

 

 

 

Abstrakte und konkrete Gefährdungen

In Tübingen ist das Schreibtraining des Wintersemesters angelaufen. Und plötzlich wird mir deutlich, dass dieser Blog (dieses Blog) schon seit Monaten nichts Neues zu bieten hat. Das soll anders werden – und sei es auch nur, um Themen zu ergänzen, die im Seminar nicht ausführlich genug behandelt wurden.

Wenn es um öffentliche Sprache geht – insbesondere um journalistische Sprache – gibt es ein zentrales Thema: die Trennung von eigener und fremder Rede.

Es gehört zu den journalistischen Grundkompetenzen, dass man bei jeder Aussage deutlich macht, ob sie von einem selbst oder von einem Akteur stammt. Das ist nicht nur eine Frage der Verständlichkeit, sondern vor allem auch eine Frage des Rollenverständnisses. Wer den Slang eines Politikers unhinterfragt übernimmt, macht sich zum Parteigenossen dieses Politikers. Wer die Werbephrase eines Unternehmenssprechers im eigenen Text verwendet, wird zum Mitarbeiter seines Unternehmens.

Die Regel heißt ganz einfach: Ich muss mich von allen subjektiven Äußerungen und Ausdrücken meiner Quellen distanzieren. Dies funktioniert durch direkte Rede, indirekte Rede, Anführungszeichen usw.

Aber manchmal ist die Arbeit damit nicht getan.

Fremde Rede ist oft nicht nur subjektiv, sondern auch unverständlich

Man stelle sich eine Politikerin vor, die eine Stellungnahme abgibt, und diese Stellungnahme ist ganz einfach unverständlich. Dann reicht es nicht aus, mit Mitteln der Distanzierung (indirekte Rede, Anführungszeichen usw.) die Subjektivität zu kennzeichnen. Erst wenn Verständlichkeit hergestellt ist, ist die journalistische Handlung abgeschlossen. (In seltenen Fällen kann man auch zum Mittel des Kommentars greifen und etwa die Tatsache, dass jemand absichtlch unverständlich spricht, thematisieren.)

Nur zu oft greifen Journalisten in solchen Fällen zum Werkzeug des wörtlichen Zitats. Man gibt den Satz wörtlich wieder, packt ihn zwischen Anführungszeichen. Und dann ist doch gut. Oder?

Ach ja – falls ich es noch nie gesagt habe: Der wahre Grund des Untergangs des deutschen Journalismus ist die Faulheit. Und wer einen Satz, den er nicht verstanden hat, einfach so wiedergibt, schubst den deutschen Journalismus ein Stück weiter in Richtung Abgrund.

Ein Beispiel:

In Ottawa, Kanada, erschoss am 22. Oktoeber 2014 ein Mann einen Soldat, der beim Nationalen Kriegerdenkmal Wache hielt, betrat dann das Parlamentsgebäude und wurde dort nach einem längeren Schusswechsel von einem Sicherheitsmann erschossen.

Wie immer, wenn auf der Welt etwas passiert, fragten sich darauf Journalisten in Deutschland: Was bedeutet das für uns in Deutschland? Sie riefe im Innenministerium an und baten um eine Einschätzung der Gefährdungslage.

Die Antwort wurde dann etwa so zusammengefasst:

Das Attentat in der kanadischen Hauptstadt Ottawa hat vorerst keine Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Deutschland. (dpa/t-online, 23.10.2014)

(Eine merkwürdige Formulierung; Anschläge in Deutschland wären wohl weniger die Auswirkung des Attentats in Kanada, sondern beides wäre die Auswirkung eines ihnen zu Grunde liegenden Ereignisses. Aber lassen wir das.)

Auch die Südwestpresse hat in ihre Berichterstattung pflichtbewusst einen Hinweis auf die Stellungnahme des Innenministeriums eingebaut. Sie tat dies folgendermaßen:

Die deutschen Behörden sehen nach dem Anschlag von Ottawa keine erhöhte Gefährdungslage in Deutschland.
Die Bundesrepublik „steht nach wie vor im Fokus des dschihadistischen Terrorismus“, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums.
Daraus resultiere „eine abstrakt hohe Gefährdung für die innere Sicherheit, die jederzeit in Form von Anschlägen unterschiedlicher Dimensionen und Intensität real werden kann“. (SWP, 24. 10. 2014)

Frage Nummer 1: Wie hängen der erste und der zweite Satz zusammen? (Wäre z.B. ein „aber“ nützlich?)

Frage Nummer 2: Was bedeutet „eine abstrakt hohe Gefährdung“?

Frage Nummer 3: Wenn die Gefährdung jederzeit „real werden kann“ – bedeutet das, dass sie nicht real ist? (Nun gut – das ist spitzfindig. Also zurück zur Frage Nummer 2:)

Von einer „abstrakt hohen Gefährdung“ haben viele Zeitungen und Newsportale berichtet. Das wurde wahrscheinlich genau so gesagt. Was es bedeuten mag, ist zumindest für einen Nichtjuristen schwer zu ergründen. Und ich vermute, dass keiner der Journalisten so richtig verstanden hat, was gemeint war.

Abstrakt hoch?

Wikipedia unterscheidet zwischen abstrakten und konkreten Gefährdungsdelikten. Der betreffende Artikel ist aber leider nicht gerade leicht zu verstehen, u.a., weil ein Zusammenhang mit dem Begriff „Erfolgsdelikt“ hergestellt wird und der betreffende Artikel wiederum etwas viel juristische Vorkenntnisse verlangt.

Aber es ging ja gar nicht um ein Delikt, sondern nur um eine Gefährdung. Und das scheint ein noch weniger klarer Begriff zu sein. Wenn man es verstanden hat, könnte man es in indirekter Rede verständlich neu formulieren. Wenn man es nicht verstanden hat, müsste man zum Telefonhörer greifen. Da die Sprecherin zudem nicht einmal von einer abstrakten Gefährdung, sondern von einer abstrakt hohen Gefährdung gesprochen hat, wäre dies sicher angezeigt.

Da müsste man aber, wie gesagt, einer großen und sehr konkreten Gefährdung des deutschen Journalismus zu Leibe rücken: der Faulheit.

Anmoderation, Lead: Eine Frage muss offen bleiben

Es wäre an der Zeit, einmal etwas Nettes über die Wirtschaftsredakteure der Süddeutschen zu sagen. Sie bieten jeden Tag ein paar Themen so an, dass auch einer neugierig wird, der keine Spezialkenntnisse hat.
Die „Aufräumarbeiten“ rund um die Pleite der Baumarktkette Praktiker sind heute das erste Thema auf der Wirtschaftsseite. Und das ist der Vorspann (oder der Lead oder die Unterzeile – na ja, einfach die luxuriösen 200 Zeichen, die die Redaktion zur Verfügung hat, um den Leser von der Überschrift in den Text zu locken):

Vor einem Jahr ging Praktiker, Deutschlands drittgrößte Baumarktkette, pleite: Tausende verloren ihren Job, Gläubiger bleiben wohl auf hohen Schulden sitzen. Nun geht die Staatsanwaltschaft einem schweren Verdacht nach.

Dieser einfache Text zeigt, wie ein gelungener Vorspann konstruiert ist. (Das Gleiche gilt aber auch für eine attraktive Anmoderation im Radio oder Fernsehen.) Die Regel lautet:

Lass eine Frage offen.

Die Lösung der Süddeutschen ist  völlig unaufgeregt  Die ersten drei Sätze bilden einfach den Anschluss an die Vorgeschichte, einfach und verständlich. Und der letzte Satz weckt die Neugier: Worin besteht dieser Verdacht?

Ich durfte diese Woche eine Diskussion unter erfahrenen Moderatorinnen und Moderatoren verfolgen, in der es genau um diese Frage geht: Wie formulieren wir „Teaser“, die das Publikum neugierig machen? Interessant war, dass diese scheinbar auf der Hand liegende Lösung nicht immer gelingt. Warum nicht? Weil man zu viel voraussetzt, eine Frage stellt, die nicht auf Anhieb verstanden wird.

Die Frage, die offenbleibt: Sie muss sich selbstverständlich an die Vorinformationen anschließen. Das ist die Kunst. Die Leserin, der Leser muss auf eine Zusatzinformation neugierig sein – nicht etwa auf die ganze Information. Die Frage, die geweckt wird, lautet also nicht: „Was ist passiert?“, sondern: „Was ist noch passiert?“ – „Wie …?“ – „Warum …?“
Nur wer genug Vorinformationen hat, an die die Frage anschließen kann, liest weiter. Für mich ist z.B. der letzte Satz im Vorspann bei focus.de völlig unverständlich:

Fünf frühere Vorstände der insolventen Praktiker-Baumärkte stehen im Verdacht der Insolvenzverschleppung. Die Staatsanwaltschaften an zwei Ex-Firmensitzen ermitteln parallel. Dabei behindert sie das muntere Bäumchen-wechsle-dich-Spiel in der Konzernspitze in den Jahren vor der Insolvenz.

Der letzte Satz weckt ganz klar eine Frage:Wie wird das Spiel behindert? Aber sie folgt nicht aus den Vorinformationen der ersten beiden Sätze sondern aus dem (vermuteten) Vorwissen des Lesers. Wer dieses nicht hat (und nicht weiß, das mit dem munteren Bäumchen-wechsle-dich-Spiel gemeint ist), wird kaum weiterlesen. Bei ihm wurden mindestens zwei Fragen geweckt. Und es wurde ihm auch demonstriert, dass er bei diesem Thema ein Außenseiter ist. (Im Übrigen ist aus rein grammatikalischen Gründen nicht ergründbar, wer im letzten Satz Subjekt ist.)

Also auch hier – wie immer bei Nachrichten: Einfach sagen, was passiert ist. Und dann Neugier wecken durch das Versprechen einer Zusatzinformation.

Hinterher nicht mehr ganz so defensiv oder: Wie interviewt man Pep Guardiola?

Ich muss gestehen, ich war schon ziemlich k.o. nach dem Spiel und all den Kommentaren zum 3:1 von Bayern München gegen Manchester United. Aber vielleicht lag es auch ein bisschen an der Interviewerin, dass ich ihre Fragen nicht mehr so ganz verstand, die sie dort auf dem Allianzrasen dem Trainer Pep Guardiola stellte. Und ob Pep sie alle in ihren feinen Nuancen verstanden hat?

Auf jeden Fall bewunderte ich ihn, wie er auf alle Feinheiten

jemals so zittern müssen…
so ein Geduldspiel…
hinterher nicht mehr ganz so defensiv, sondern auch…
(usw.)

eine Antwort wusste. Die folgende Mitschrift ist aber in erster Linie dazu da, die sprachliche Gestalt von Fragen zu dokumentieren, die einem fremdsprachigen Interviewpartner nach geschlagener Schlacht gestellt werden können:

Pep Guardiola, herzlichen Glückwunsch fürs Weiterkommen! Haben Sie jemals so zittern müssen wie heute? – Zittern, nervös gewesen heute?

G: Nein, ei o is Championsleague, Viertelfinale, David Moyes is eine Mannschaft äh ich wie er Trainer, äh unser Spiel, unser Feind, wollen weitermachen äh aus dieser Grumen und das weiter Abseits ist keine Zeit zu – you know äh – aber

Sie wussten, dass es so ein Geduldsspiel werden wird, weil die Mannschaft so defensiv spielt. Kann die Mannschaft daraus noch was lernen?

G: Ist die gleiche was passiert äh in Manchester. So it’s – achte Spieler plus äh de Heer in äh in äh Strafraum is keine Zeit so. Aber a die in den a die in den in in neinzig Minuten und dann vor allem in zweite Halbzeit, das war äh die überragend, so wir, wir haben gesprochen so bleiben in de Linie, bleiben in de Linie. Wir können spiel in de Mitte mit mit Tony mit Philipp, mit allen acht probieren einseresein einseresein, immer wieder, immer wieder und Flanke mit Mann so ne und äh und äh und Thomas in der – in versuchen kontaktieren mit Mario Gozze zwischen de Linie äh

(Unterbricht:) Wie sehr hat es Ihnen geholfen, dass Manchester hinterher nicht mehr ganz so defensiv stand, sondern auch Räume geöffnet hat?

G: Ich habe – wir trennen persönlich ich habe mehrere Mal spiel gegen englische Mannschaft denn es ist nicht einfach so it’s is a Conter sie sind sehr gute Contermannschaft, sie sind sehr sehr schnell, äh aber – sie gehen in äh in äh Strafraum in eine Spiel es ist nicht kein ist keiner keiner kein äh keine – keine Raum um um zu spielen. Aber wir waren geduldig, and äh wir waren ein bisschen gluglich, for äh unsere Torschüssen – ein Minute später da überrarende Tor äh von Debera, Ebra äh aber wir sind, wir sind Halbfinale se pffff (prustet) sehr sehr gut für de für den Verein, für de unsere Zuschauern

(Unterbricht:) Ich glaube Sie dürfen sehr, sehr stolz auf Ihre Mannschaft sein. Sind Sie überrascht, dass Ihr Ex-Club Barcelona ausgeschieden ist?

G: Ich bin sehr, sehr stolz auf meine, meine, meine Manschaft mit diese Spielsaison. Wir haben viel viel gearbeitet in diese Saison. Die Leute denken, es is okay, wir haben gewonnen äh Bundesliga is einfach für Bayern. Is nig, nie is einfach. So wir haben gesehen i Augsburg, wir haben gesehen Hoffenheim, und jedes Spiel, jedes Spiel sie haben gelauft, wir haben gelauft, und äh und wir sind da. Halbfinale und äh

Aber Barcelona nicht!

Ja – diese Atletico Madrid is äh is äh starke Mannschaft sie haben sie haben sehr sehr gut gemacht in diese Saison so sie sind – echts in de Tabelle, jetzt in Halbfinale, so – Gratulation für Atletico Madrid.

Vielen Dank und Ihnen noch mal Gratulation, dankeschön!

(Quelle: ZDF, 9. April 2014)

Nachtrag (oder auch Nachhall – siehe unten): Die Fragen an Guardiola nach dem Spiel gegen Real Madrid vom 29. April 2013:

Nun ja, es ist ja nicht einfach. Aber warum denn diese Fragen?

Herr Guardiola, Sie waren sehr häufig sehr stolz auf die Mannschaft in dieser Saison, selten enttäuscht, was sind Sie heute?

Nein, nein, heute der Trainer es war nicht gut äh Spieler äh immer immer wollen äh Spiel gut immer wollen probieren, aber die erste Halbzeit wir haben gespielt von äh ohne Ordnung mit dem Ball, ohne Ordnung. Denn die Ordnung is immer mit dem Ball. Äh äh aber okay, wir haben äh gel wir haben äh spieler der Madrid äh laufen gelassen, und aus diesem Grund is, is nich einfach.

Ihr Kollege Angelotti hat gesagt, es war wohl auch eine Frage des Kopfes. Würden Sie da zustimmen? [Man schaue sich an, wie Guardiola auf diesen Ausdruck reagiert: er versucht echt zu verstehen, was dieser deutsche Ausdruck wohl bedeuten mag: „eine Frage des Kopfes“ – nun, die Interviewerin versucht es mit ein paar Stichworten zu erklären. Und wir alle lernen dabei: „Kopf“ ist ein unübliches Wort für „mental“. Nur: Was meint sie wohl wirklich?] Würden Sie da zustimmen – mental, dass die Mannschaft von Real Madrid mental stärker war?

Na, aber ich weiß nicht. Ich weiß nicht es ist noch es is nicht einfach nach äh fünf Minuten zwei Tor äh schießen is is is is einfach nich äh es war nich einfach äh. Aber wir haben nich kontrollieren gut und aus diesem Grund wir haben – you know äh dieser Ergebnis.

Ich muss gestehen: Ich weiß nicht, wie tiefsinnig die Diskussion ein paar Minuten nach dem Spiel sein kann. Aber vielleicht könnte man sich in diesem Fall am Gesprächspartner orientieren. Er ist offenbar bereit, über das Spiel zu sprechen. Dann könnte man ihn direkt über die Spielweise befragen und nicht über Stolz und Enttäuschung und Fragen des Kopfes.

Im Folgenden die restlichen Fragen. Mir gefällt „ein bisschen irritiert“ und vor allem das schöne deutsche Wort „Nachhall“:

Es war bislang eine richtig tolle Saison des FC Bayern München. Waren Sie ein bisschen irritiert, dass jetzt so viele über Ihr System diskutiert haben? – [Pause] Mit viel Ballbesitz? Dieses System, dass so viele drüber diskutiert haben?

Sie haben jetzt schon zusammengesessen mit Uli Hoeness, mit Karl-Heinz Rumenigge, mit Matthias Sammer. Gab es schon eine Fehleranalyse?

Haben Sie ein bisschen Angst, dass das noch Nachhall haben wird in Bezug auf das Pokalfinale, dass die Spieler ein bisschen an Bewusstsein, Selbstbewusstsein verloren haben?

Die begehrte Notrufsäule

Zunächst ist es nur ein sprachkritischer Reflex. Man greift nach der Zeitung und liest auf der ersten Seite (Südwestpresse, 23.4.2014) die Überschrift:

Begehrteste Notrufsäule der Republik.

Wie kommt eine Redaktion gerade zu dieser Wortkombination? Notrufsäulen werden sind doch nicht Objekt einer Begierde. Wer eine Notrufsäule braucht, ist, wie der Name sagt, in Not – oder fühlt sich zumindest so.

Man erinnert sich an die 107-jährige Kurdin, deren Flucht die Südwestpresse frivol mit „belebenden Angeboten für Körper, Geist und Seele“ verglichen hat.

Notrufsäule

 
Ok, vielleicht ist das alles ganz harmlos. Vielleicht haben sich die Leute alle einen Jux gemacht, und es ist eines der leichten Themen, die wir so lieben. Deshalb verweist dieser kurze Text ja auch auf die Seite „Im Brennpunkt“. Da findet sich denn auch ein dpa-Artikel von immerhin 2000 Zeichen zum Thema:

Entlang der Autobahn: Helfer in Orange

Darunter steht ein kurzer Lead:

Warum Langenau? Die Notrufsäule beim Autobahnkreuz Elchingen wurde 2013 am meisten genutzt, bei Pannen oder Orientierungsproblemen.

Jetzt wollen wir’s aber wissen!

Wir hoffen, dass uns der Autor im Text endlich sagt, was dahinter steckt. Aber nein. Es ist ein ganz allgemeiner Text, hergestellt in irgendeinem dpa-Büro, auf der Basis von Informationen einer Hamburger Firma, die GDV heißt und bei der alle Notrufe eingehen. Das Thema „Langenau“ wird im Text noch zwei Mal erwähnt. Zuerst gleich im zweiten Abschnitt, nachdem das Thema eingeführt worden ist:

Die schmalen Helfer werden jedes Jahr tausendfach benutzt. Eine davon besonders häufig: Sie steht an der Autobahn 7 bei Langenau in Baden-Württemberg und trägt das Prädikat Deutschlands meistgenutzte Autobahn-Notrufsäule.

Und dann nochmals zwei Abschnitte später:

Kurz hinter dem Autobahnkreuz Ulm-Elchingen an der Ausfahrt Langenau wurden 125 Pannen- und Notrufe abgesetzt. Warum gerade dort besonders häufig Hilfe angefordert wird, ist nicht bekannt.

Der Rest ist ein nett aufbereitetes Textlein über die Zahl der Notrufsäulen und ihrer Nutzung in Deutschland im Jahr 2013.

Also: Warum sich die Zeitung herausnimmt, die Benutzer von Notrufsäulen nicht ernst zu nehmen, wird nicht gesagt. Auf ein Minimum an Recherche im Umkreis dieser „begehrten“ Notrufsäule wird verzichtet. Ein interessantes Thema, das nah an den wenigen Menschen sein könnte, die die Zeitung noch in die Hand nehmen, ist routinemäßig verwurschtet worden.

Meine Vermutung:

  1. Der dpa-Autor schreibt den Bericht anlässlich der diesjährigen Statistik der Firma GDV.
  2. Er fügt für die schwäbischen Abnehmer einen Regionalbezug ein, hat aber anderes zu tun, als nach Langenau zu fahren, um weiter zu recherchieren.
  3. Die Redakteure der Südwestpresse erkennen den Regionalbezug und platzieren einen Anreißer auf ihrer Frontseite – mit einem Bild und einer Grafik, die die GDV der Presse zur Verfügung stellt.
  4. Die Notrufsäule, um die es hier geht, steht ca. 15 km Luflinie von der Ulmer Redaktion der Südwestpresse entfernt. Auf die Idee, die Geschichte durch eigene Recherche anzureichern, kam keiner.

 

Storytelling, Teil 9:
 Erzählen ist besser als Faseln. Oder: Wie die Südwestpresse aus der Flucht einer Kurdin eine Seniorenfreizeit macht

Ein journalistischer Text ist eine Szene. In ihr kommen vor: Kommunikator, Akteur und Rezipient. Jeder Text wird dadurch charakterisiert, wie diese drei Figuren zueinander in Beziehung stehen.

Wer einen journalistischen Text schreibt, sollte überprüfen, wie er darin seine Rolle ausübt: Welche Beziehung stellst zum Akteur her, über den du schreibst (nah/distanziert, neutral/wertend usw.)?
Welche Beziehung stellst du zum Rezipienten her, für den du schreibst (mitteilend/überzeugend/belehrend usw.)

Im deutschen Journalismus ist es üblich geworden, dass man seine Beziehung zum Leser grundlegend verändert, sobald das Thema keine aktuelle politische Nachricht mehr ist. Plötzlich drängt es den Journalisten, den Leser mit seiner Meinung zu plagen. Man wird zum Philosophen oder zum politischen Kommentator. Statt einfach zu erzählen.

Oft demonstrieren dann die Texte nichts anderes als Gedankenlosigkeit.

Asylantrag mit 107

Asylantrag mit 107: Der Titel sagt es in weniger als 20 Zeichen: Eine 107-jährige Frau ist in Düsseldorf gelandet und hat einen Asylantrag gestellt.

Als ob das nicht interessant genug wäre, beginnt die Südwestpresse die Unterzeile mit der (in diesem Zusammenhang schon ans Infame grenzenden) Plattitüde:

Hochbetagte können hochaktiv sein (SWP, 18.3.2014)

Erstens ist das in diesem Zusammenhang absolut uninteressant. Zweitens ist die Geschichte, wie man später erfährt, meilenweit entfernt von einer Seniorenbelustigung:

Die Kurdin gehört zur verfolgten Religionsgemeinschaft der Yesiden und stammt aus einem Dorf nahe der Türkei. Mehr als sechs Monate war sie auf der Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg. Auf dem Mittelmeer kenterte das Boot, in dem sie nach Italien wollte. In letzter Minute wurde sie dann von der griechischen Polizei gerettet…

Wäre der (zusammen mit der Agentur epd mit seinem Namen zeichnende) Redakteur in seiner Ausbildung auf den Begriff „erzählen“ gestoßen – er hätte sich vielleicht etwas mehr im Hintergrund gehalten. Er wäre der Geschichte mit mehr Respekt begegnet und hätte ganz einfach berichtet, was zu berichten ist.

Belebend für Körper, Geist und Seele

Aber nein: Weil er sich dafür entschlossen hat, das Thema als unterhaltend zu behandeln, beginnt der Text auch gar nicht mit dem Ereignis, sondern mit einem Blick auf die deutsche Heimlandschaft:

Es soll ja Heime geben, die renommieren mit Bewohnern, die es in ihrer Obhut geschafft haben, 101 zu werden – dank oder trotz belebender Angebote für Körper, Geist und Seele. Sie dürfen neidisch nach Nordrhein- Westfalen blicken: In Düsseldorf landete gestern Deutschlands älteste Asylbewerberin, die 107-jährige Syrerin Sabria Khalaf, womit deren hier lebende Familie komplett ist: Sie seien „froh und glücklich, dass die Oma nun endlich bei uns ist“, befand eine der Enkelinnen.

Die Struktur des ganzen Artikels orientiert sich an den Geistesblitzen des Redakteurs:

– Nicht nur das Alter der Großmutter ist rekordverdächtig…
– Die Reise hat der Frau einiges abverlangt und ist alles andere als freiwillig…
– Weil in Deutschland selbst in den extremsten Fällen nichts ohne Papierkram geht…

Der Autor drängt sich in den Vordergrund. Merkwürdigerweise ist das die Regel, sobald das Thema als „leicht“ befunden wird. Und wie das Beispiel zeigt, wird das Thema als „leichtes“ behandelt, wenn die Heldin über 100 ist. Dass sie auf ihrem Abenteuerurlaub beinahe umgekommen ist, ist für die Ulmer Redaktion zweitranging

Am Schluss erfährt man, dass die alte Frau ihre Angehörigen besuchen wird. Es folgt ein letzter Kommentar.

… – aktiv mit 107. Dass noch mehr drin ist, zeigt eine Meldung der „Berliner Zeitung“: Vergangene Woche starb in Potsdam die bis dahin älteste Frau Deutschlands im Alter von 110 Jahren.

Aktiv mit 107, tot mit 110: Irgendwie sollen wir damit verstehen, dass für die Asylbewerberin noch mindestens drei Jahre „drin sind“.

Es ist aber noch viel mehr drin: In Deutschland sind Asylbewerber sogar so aktiv, dass sie sich mit Benzin übergießen und anzünden.

(Übrigens: Der Autor,  der für diesen Artikel verantwortlich zeichnet, wird in der Südwestpresse als Politikredakteur bezeichnet.)

 

 

 

Storytelling, Teil 8:
 Der erzählerische Einstieg

Im Journalismus kann der Storytelling-Hype einen wichtigen positiven Effekt haben: Er erinnert an einige stilistische Stärken, die man leicht vergisst. Wer sich rechtzeitig erinnert, zu erzählen, kann diese Stärken nutzen – vorausgesetzt, er ordnet sie dem journalistischen Hauptziel (Berichten, Kommentieren usw.) unter. Wenn du weißt, was dein Ziel ist, dann bist du auch in der Lage, zu erzählen. Und zwar genau so viel wie nötig.

Ein erzählerischer Einstieg

Wer in einer Küche steht und kocht, atmet oft ungesunde Stoffe ein, zum Beispiel Fette, die in der Bratpfanne verdampfen. Deshalb gibt es Dunstabzugshauben. Diese sollen die Stoffe an der Nase vorbei saugen und festhalten oder ins Freie befördern. Leider wirbeln Dunstabzugshauben auch weitere Problemstoffe auf, die aus Küchenmöbeln und Apparaten stammen. Das macht das Kochen gefährlich.

Das ist Stoff für einen kurzen Beitrag.

So, wie ich ihn hier zusammengefasst habe, präsentiert er sich argumentativ: Es gibt das Problem A. Dagegen setzt man die Lösung B ein. Leider entsteht dadurch das Problem C.

Der Autor, der das Thema SWR2 recherchiert hat, fängt seinen Beitrag dementsprechend an:

Sie zählt zur Grundausstattung jeder Küche: die Dunstabzugshaube. Beim Braten oder Kochen am Herd saugt sie den Küchendunst ab und erzeugt so ständig einen Luftstrom. (SWR 2 Impuls, 17.3.2014)

Er präsentiert also den Gegenstand. Darauf lässt er in einem O-Ton die Hauptperson des Beitrags, einen Chemiker, zu Wort kommen:

(O-Ton:) „Die Luft strömt um uns rum. Ein Teil landet in der Dunstabzugshaube, einen Teil atmen wir auch ein. Und dieser Teil, den wir einatmen, den sehen wir als Problem.“

Damit ist klar: Der Beitrag thematisiert ein Problem und dessen Lösung.  Das ist einer der gängigen Texttypen bei einem nicht tagesaktuellen Sachthema. Es entspricht dem Denken eines Wissenschaftlers, der schließlich im Zentrum des Beitrags steht. Es entspricht der Sache. Also ist alles o.k.

Es ginge aber auch etwas attraktiver, nämlich erzählerisch. Dabei soll nicht aus einer Problemlösung eine Erzählung werden. Aber die Erzählung kann zu Problemstellung hinführen.

Beispiel 1: Die Köchin

Praktisch auf der Hand liegt die Idee, aus dem geschilderten Sachverhalt eine Geschichte zu machen:

XY, Köchin im Hotel Adler in Wolfach, brät ein 400-Gramm-Steak. Es riecht nach Gewürzen und Fett. Die Dampfabzugshaube läuft auf Hochtouren… Usw.

Damit würde ein Einstieg entstehen, der im Hörer Interesse für Protagonistin XY weckt. Ob die Idee wirklich trägt, hängt genau von diesem Interesse ab. Wenn XY im Beitrag weiter eine Rolle spielt und man Weiteres über sie erfährt, kann ein derartiger erzählerischer Einstieg hilfreich sein. Wenn nicht, bleibt er ein reiner Lockvogel, dem man anmerkt, dass er ad hoc erfunden wurde.

Beispiel 2: Der Wissenschaftler

Eine interessante Erzählmöglichkeit enthält aber der Originalbeitrag selbst, gleich etwas später. Da heißt es nämlich:

Walter Vetter, Professor für Lebensmittelchemie an der Universität Hohenheim. Der Hochschullehrer ist besorgt, weil seine Arbeitsgruppe untersucht hat, welche Schadstoffe in der Küchenluft vorhanden sein können. Dabei stieß sie auf bedenkliche Flammschutzmittel…

Mit anderen Worten:

Lebensmittelchemiker Walter Vetter steht im Labor. Er untersucht, was alles Schädliches in der Küche herumschwirrt. Um das herauszufinden, geht er dorthin, wo sich die Schadstoffe am konzentriertesten sammeln: am Filter der Dunstabzugshaube. Er findet aromatische Kohlenwasserstoffe und Nitrosamine – all die üblichen Verdächtigen. Aber Vetter staunt nicht schlecht, als er auch auf Gifte stößt, die nichts mit den Nahrungsmitteln zu tun haben….

Der Autor ist auf eine Entdecker-Geschichte gestoßen. Er kann von einer Forschungsreise erzählen, die eine überraschende Wendung nimmt. Dies ergibt einen Einstieg aus der Perspektive der Forscher. Er hat den Vorzug, dass der Held im Beitrag ohnehin eine tragende Rolle spielen wird.

Ein erzählerischer Einstieg ist fast immer besser als ein Einstieg über eine Definition (in diesem Fall noch die Definition eines sehr vertrauten Gegenstands). Er funktioniert dann, wenn etwas Spezifisches geschildert wird (also kein 05.15-Beispiel, dem man sofort anmerkt, dass es erfunden ist). Er hat seine Berechtigung dann, wenn die Menschen und das Ereignis auch im Rest des Textes vorkommen.

Storytelling, Teil 7:
 Storytelling im Journalismus?

Auch bei Journalistinnen und Journalisten ist die Botschaft unterdessen angekommen: Wer Geschichten erzählen kann, dem hören die Menschen lieber zu.

Und seit der Begriff Storytelling sogar in die Chefetagen multinationaler Unternehmen gedrungen ist, wird auch in den Redaktionen oft völlig unkritisch damit umgegangen. Wer das dokumentiert haben will, lese die Berichte über die Herzberg-Tagung vom 7. November 2012

Wer auf jener Tagung den gestandenen Qualitätsjournalisten zuhörte, bekam den Eindruck, Storytelling sei das Tigerbalsam der Journalisten. Die Müh und Plag, eine komplexe Welt zu erklären, ist mit etwas Storytelling wie weggeblasen.

Wer sich heute als Journalist zum Storyteller neu definieren will, sollte sich zuerst die Rahmenbedingungen bewusst machen:

Die Gefahr, professionellen Storys auf den Leim zu gehen:
Geschichten sind längst nicht mehr nur, was Journalistinnen und Journalisten durch gründliche Recherche erarbeiten. Viele Geschichten werden ihnen von Werbern und Öffentlichkeitsarbeitern pfannenfertig serviert. Sie haben sie erfunden, um die Art, wie über ihre Anliegen und Akteure so berichtet wird, wie es in ihre Strategie passt. Jede Geschichte, die eine PR-Abteilung verbreitet, steht in Konkurrenz zu einer alternativen, journalistischen Aussage. Wenn du die vorgefertigte Geschichte der Werbung oder PR übernimmst, überlässt du deine eigene Recherche-Arbeit deinen Akteuren.

Die Gefahr, durch Personalisierung zu verfälschen:
Geschichten fördern die Personalisierung. Es ist zwar attraktiver, eine Sache anhand der Akteure, der Beteiligten, der Betroffenen zu behandeln. Die Sache wird dadurch plastischer, menschlicher. Aber oft wird sie damit ganz einfach falsch wiedergegeben. Ein Vorgang, für den eine größere Organisation verantwortlich ist, wird auf die Entscheidung einer einzelnen Person reduziert. Z.B. wird Putin für die russische Rechtsprechung zum Thema Homosexualität verantwortlich gemacht. Die Vorstellung liegt nahe, dass sich alles ändert, sobald statt Putin irgendein Oligarch Präsident wäre.

Die Gefahr, informative Textsorten durch unterhaltende zu ersetzen:
Die Propagandisten des Storytelling zeigen die Kraft der Erzählung bevorzugt mit schönen, langen Reportagen. Mal abgesehen davon, dass die meisten Journalisten nur selten in die Lage kommen, schöne, lange Reportagen zu verfassen und abzusetzen: Die Welt braucht auch klare, verständliche Meldungen, überzeugende Kommentare, sachgerechte Berichte usw. Für aktuelle Themen der Politik, der Kultur, der Wissenschaft, des Sports usw. sind die klassischen journalistischen Textsorten entwickelt worden. Zu diesen gehören auch die Reportage, die Glosse, das Porträt und viele andere erzählerische Formen. Aber im Vergleich zu den anderen genannten Textsorten ist ihre Bedeutung sekundär. Sie sind weniger aktuell und sie eignen sich weniger gut für präzise Information, die sich nicht vor Abstraktion und rationaler Argumentation scheut. Dass innerhalb dieser Texte erzählt werden darf, ist selbstverständlich. Aber es ist in den meisten Fällen ein Mittel zum Zweck, nicht die Hauptsache. (Und falls Sie der Meinung sind, eine Nachrichtenmeldung sei schließlich auch eine Erzählung: Sie ist es nicht!)

Erzählen verändert die Position des Journalisten:
Es ist eine gute alte Sitte, Berichterstattung und Meinung zu trennen. Mit dieser Tradition (die in vielen Ländern noch nicht sehr alt ist) wird oft ohne Not gebrochen. Wer erzählerisch vorgeht, läuft Gefahr, unwillentlich zu kommentieren. Die Rolle des Erzählers fördert eine belehrende Haltung. Wer belehrt, verwendet schnell wertende Ausdrücke. Dies muss nicht so sein. Aber es zeigt sich, dass in vielen erzählenden Texten Information und Wertung vermischt werden, auch dann, wenn schon andere stilistische Mittel (Perspektive!) die notwendige Wirkung erzeugen.

Das Wertvolle am Journalismus ist nicht die tolle Erzählleistung vor einem staunenden Publikum, sondern der Dialog:
Journalismus dient der Meinungsbildung. In öffentlichen Diskussionen steuert Journalismus wesentliche Elemente bei. Das können einzelne Informationen sein oder Denkanstöße, Gespräche oder aktuelle Berichte. Aber immer sind es nur Beiträge zum Dialog, nie ein Ersatz des Dialogs. Wer sich aber vor allem hofft, mit tollen Geschichten die Menschheit zum Staunen zu bringen, setzt auf eine ganz andere Art der Wirkung. Er möchte mit einem einzigen Monolog eine Veränderung hervorrufen. In einem demokratischen System ist das aber nicht wünschenswert.
Natürlich sind nicht alle Verfechter des Storytelling Antidemokraten. Aber es lohnt sich, die dialogische Kraft des Journalismus stärker zu betonen. Dann wird man unter anderem herausfinden, dass es Textsorten gibt, die in sich schon dialogisch sind: z.B. Interviews oder Berichte mit O-Ton. Sie sind, wenn sie gut gemacht sind, nicht weniger spannend als erzählerische Texte. Aber in ihnen wohnt eine wichtige Kraft des Journalismus: die Kraft, den Meinungsaustausch anzustoßen.