Kategorie-Archiv: Aufbau

Ein konsequenter Aufbau macht den Text lesbar

Manchmal sitzt man vor seiner Zeitung, trinkt einen Kaffee und ertappt sich plötzlich dabei, dass man einen Text von A bis Z gelesen hat. In solchen Fällen lohnt es sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Warum bleibe ich dran, wenn sich einer mit 10.000 Zeichen mit der Lage der deutschen Wirtschaft auseinander setzt?

Es hängt natürlich mit der Sachkompetenz des Autors und mit all den Fakten zusammen, die er auf den Tisch legt. Aber wer sich für das journalistische Handwerk interessiert, wird auch eine Erklärung in der sprachlichen Präsentation suchen.

Wie man 10.000 Zeichen bändigt

Philip Oltermann schreibt für The Guardian und The Observer. Von ihm ist das Buch Keeping Up With the Germans: A History of Anglo-German Encounters (London: Faber and Faber, 2013 – deutsch auf Anhieb nicht wieder zu erkennen dank dem Titel: Dichter und Denker, Spinner und Banker: Eine deutsch-englische Beziehungsgeschichte. Reinbek: Rowohlt, 2013). Er hat im Übrigen auch die Guardian-Artikelserie How to Write herausgegeben.

Im Observer vom 19. Oktober 2014 hat er besagten 10.000-Zeichen-Artikel geschrieben mit dem Titel:

As cracks in its economy widen, is Germany’s miracle about to fade?

Hauptaussage dieses aufwühlenden Textes: Noch vor kurzem wurde Deutschland für deine Fähigkeit gepriesen, der Krise zu widerstehen, die praktisch ganz Europa erfasst hat. Aber jetzt werden die Risse in der deutschen Wirtschaft immer weiter.

Und so ist der Text aufgebaut

Der Text beginnt mit einer Nahaufnahme: Der Autor berichtet von der Loschwitzer Brücke in Dresden, besser bekannt unter dem Namen Das Blaue Wunder.

Blaues_Wunder_01

Es ist ein Glanzstück der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts. Aber die Brücke verrostet und müsste dringend saniert werden – wenn es denn finanziell machbar wäre:

Locals call the cantilever truss bridge that connects the Dresden suburbs of Blasewitz and Loschwitz the “blue miracle”. Built in 1893 without the support of river piers, it is the kind of German engineering tour de force that could rightly claim a place in the British Museum’s current Memories of a Nation exhibition, were it not impossible to transport. However, in recent years the blue miracle has lost some its sheen…

Das Beispiel führt nahtlos zu den Finanzproblemen der Stadt Dresden, die nicht nur mit den Problemen dieser einen Brücke zu kämpfen hat:

Dresden city council is aware of the problem, but it is under financial pressure. Twenty-one million euros are being spent on overhauling the Albert bridge in the city centre, which was crumbling away so badly that bits of concrete were falling on the heads of cyclists passing underneath. The Augustus bridge, the jewel in Dresden’s eight- bridge crown, will have to come next after it was damaged by floods last year…

Im nächsten Abschnitt sehen wir über Dresden hinaus auf ganz Deutschland und den Zustand seiner Brücken und Autostraßen:

Crumbling bridges and potholed roads are a politically sensitive issue in Germany these days. Forty per cent of all bridges and a fifth of the motorway network are said to be in a “critical state”, causing traffic jams and delays up and down the country. Worse still, a growing choir of economists and politicians warn that such cracks in the country’s infrastructure are only the beginning of a much bigger problem. Germany, Europe’s model austerian, they say, is saving itself to death…

Und hier, beim letzten Satz dieses Abschnitts, sind wir sehr elegant zur zentralen Aussage gekommen: Deutschland steckt in Schwierigkeiten, und diese hängen mit seiner scheinbaren Stärke zusammen. Experten werden zitiert, die eine typisch deutsche Schwäche anprangern: die Sparsamkeit, wenn es darum geht, in die Infrastruktur zu investieren.

Dann wird das Thema noch einmal ausgeweitet:

But at least potholes can be spotted and filled. Missed investment in education, research and industry, on the other hand, might only be felt once it is too late…

Die mangelnden Investitionen in Bildung, Forschung und Industrie werden mit Zitaten und Zahlen belegt. Dies mündet in die Frage, wie nützlich eine „schwarze Null“ ist, Finanzminister Schäubles Haushaltsplan für 2015, in dem keine neue Verschuldung eingeplant ist.

Der Rest des Artikels ist der Diskussion dieses Themas gewidmet – nicht ohne den Rückverweis auf das zum Symbol aufgebauten Blauen Wunder:

But in October 2014 it is the pessimists who are setting the tone: the German economy is looking about as rusty as the blue miracle in Dresden…

Das letzte Wort hat ein Autor, der in die Zukunft blickt. Olaf Gersemann verweist auf die demographische Entwicklung und zeichnet ein trübes Bild:

“We’ve been talking about the pending demographic crisis for years, but we’ll only start to feel its impact in the next few years,” said Gersemann. “The baby boomer generation of the 50s and 60s will slowly start to disappear from the labour market. Total hours’ work will start to fall within a couple of years, depressing Germany’s growth potential.

Germany in 10 years’ time will feel so different that we will look back on today as the good old days.”

Was mich an dem Text beeindruckt, ist, wie konsequent er den Blick weitet. Er tut dies in nachvollziehbaren Schritten, ohne zu große Sprünge. Das Anfangsbeispiel, die Dresdner Brücke, bleibt immer in Erinnerung, weil es für die ganze Problematik stehen kann. Der Text liest sich flüssig, obwohl er auf viele weitere Nahaufnahmen verzichtet. Er ist linear aufgebaut. Er führt den Leser, bis er einen Überblick hat. Mehr braucht es nicht.

 

 

 

Ein juristisches Thema – einfach und verständlich

Wenn es um Recht und Gerechtigkeit geht, sollten alle mitreden können. Dennoch gilt die Sprache der Juristen als besonders kompliziert. Juristische Texte sind für Normalbürger oft wenig verständlich. Um so schöner, wenn es gerade ein Artikel zu einem juristischen Thema ist, der als Paradebeispiel für Verständlichkeit dienen kann:

Mord und Totschlag – Maas will Strafrecht reformieren

Heribert Prantl und Robert Rossmann informieren auf der Titelseite der Süddeutschen in einem kurzen Text über ein spannendes Stück Strafrecht.

Mord und Totschlag:

Eine Menge an Verständlichkeitsproblemen entstehen dadurch, dass die juristische Fachsprache viele Begriffe enthält, die gleich klingen wie Alltagswörter aus unserer Umgangssprache. Als Journalist übernimmt man leicht einen solchen Begriff und übersieht, dass man ihn erklären muss. Mord ist ein solcher Stolperstein.

Sherlock Holmes und Professor Moriarty im Kampf an den Reichenbachfällen
Sherlock Holmes und Professor Moriarty im Kampf an den Reichenbachfällen. (Public Domain, zu finden bei Wikipedia.)

Wer diesen Text Schritt für Schritt liest, kann daraus lernen, wie man einen Hintergrundbericht verständlich schreibt.

1. Die Nachricht

Der Text beginnt mit einem Nachrichtensatz:

Bundesjustizminister Heiko Maas will die Paragrafen zu Mord und Totschlag ändern.

Damit haben wir den Küchenzuruf. Es ist alles drin, was in den ersten Satz einer Nachricht gehört. In elf Wörtern ist die Frage: Wer tut was? beantwortet.

2. Der Anlass

Der zweite Satz verweist auf den Anlass der Nachricht und auf ihre Quelle.

Der SPD-Politiker sagte der Süddeutschen Zeitung, bei den Tötungsdelikten im Strafgesetzbuch gebe es einen „gesetzgeberischen Regelungsbedarf“. Er strebe deshalb „noch in dieser Legislaturperiode“ eine Änderung an.

(Der SPD-Politiker sagte der Süddeutschen Zeitung… ist nicht nur eine Quellenangabe, sondern auch ein Hinweis in eigener Sache: Mit diesem Artikel auf der Titelseite soll das Interview mit dem Politiker, das im Innern der selben Ausgabe steht, verkauft werden.)

Zugegeben – diese Absichtserklärung hätte man auch ohne die hässlichen Politikerausdrücke wiedergeben können. Aber dann fangen sich die Autoren wieder auf. Sie sagen knapp, worum es geht:

Ziel sei es, Mord besser zu definieren.

3. Die Leserperspektive

Als einfacher Bürger und Krimileser fragt man sich: Warum das Ganze? – Deshalb wird jetzt die Perspektive gewechselt und die Sache gerade mit dieser Fragestellung weiter erklärt:

Maas sagte, viele Laien verstünden unter Mord eine geplante, genau überlegte Tötung – und unter Totschlag eine Tötung im Affekt.

Ist es denn nicht so? Mich hat dieser Satz überrascht. Deshalb habe ich weitergelesen:

Ungefähr so sei es auch bis 1941 geltendes Recht gewesen. Dann haben die Nationalsozialisten jedoch die Mordmerkmale geändert.

Es geht also um eine Altlast von den Nazis. Eine weitere juristische Altlast, fast 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Für mich ist das ein Köder, ein Satz, der mich motiviert, weiterzulesen.

4. Die Erklärung

Fast unmerklich ist die indirekte Rede in eigene Rede übergegangen. Vom Konjunktiv sei… im vorletzten Satz ging es über zum Indikativ haben… im nächsten Satz. Die Autoren zitieren nicht mehr. Sie sprechen selbst. Denn es ist ihre Aufgabe, den juristischen Sachverhalt zu erklären. Ein Minister ist keine akzeptable Quelle für Rechtsgeschichte. Er soll zu seinen eigenen Argumenten Auskunft geben; für die fachlichen Erklärungen sind die Journalisten zuständig.

Prantl und Rossmann zitieren das Strafgesetzbuch – so, wie es von den Nazis formuliert worden ist:

Seitdem heißt es im Strafgesetzbuch, Mörder sei, „wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam (…) einen Menschen tötet“.

Und dann folgt der Kern des Problems:

Die Rechtsprechung zum Mord orientiert sich deshalb bis heute am Leitbegriff der „niedrigen Beweggründe“, der einen Tätertyp beschreibt, wie ihn sich die Juristen im Dritten Reich vorstellten.

Noch im Jahr 2014 wird also in der Rechtssprechung die Nazipsychologie verwendet:

In der Praxis ist der Unterschied zwischen einem Mord und einem Totschlag auch deshalb oft nicht genau zu ziehen. „Mord und Totschlag entsprechen so, wie sie in den Paragrafen 211 und 212 definiert sind, nicht der Systematik des Strafgesetzbuches“, sagte Maas. Es seien „täterbezogene Delikte“, das Strafgesetzbuch gehe „ansonsten aber von tatbezogenen Delikten aus“.

Und hier lassen die Autoren wieder den Minister zu Wort kommen. Weil es darum geht, diese Vorgaben zu bewerten, wird hier wieder zitiert:

Der geltende Mordparagraf beschreibe „also nicht, wann eine Tat ein Mord ist“. Stattdessen beschreibe er „einen Menschentypus mit moralisch aufgeladenen Gesinnungsmerkmalen wie ,niedrige Beweggründe‘ oder ,Heimtücke‘“. Das sei „noch immer die beklemmende Beschreibung eines Mörders, wie ihn sich die Nazis vorgestellt haben“.

Wahrscheinlich ist dies auch die Meinung der Autoren des Artikels. Aber da es eine subjektive Beurteilung ist, zitieren sie hier wieder den Minister. Immerhin ist er es ja, der den Anstoß zur Änderung der Paragrafen geben will:

Es sei „ein Verdienst der Gerichte, dass sie dieses schlechte Gesetz überhaupt anwendbar gemacht haben“, sagte Maas. Es sei jetzt Aufgabe des Gesetzgebers, „den Gerichten bessere Regelungen an die Hand zu geben“. Deswegen würden die Tötungsdelikte „einer grundlegenden Reform“ unterzogen.

5. Die Illustration

Nach einem kurzen Abschnitt über das weitere Verfahren, folgt ein drastisches, auch Laien einleuchtendes Beispiel:

Maas begründete die Reform auch mit dem sogenannten Haustyrannen-Dilemma. Ein Mann, der seine Frau erschlägt, kommt bisher womöglich mit Totschlag davon, also mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe. Die Ehefrau, die jahrzehntelang von ihrem Mann gequält worden ist, und den Haustyrannen vergiftet, bekommt aber automatisch „lebenslänglich“, da der Einsatz von Gift als heimtückisch gilt und damit immer als Mord geahndet werden muss. Der Minister will mit der Reform des Mordparagrafen auch dieses Dilemma lösen.

6. Ginge es noch attraktiver?

Der Artikel ist einfach und linear aufgebaut. Das Thema wird genannt, eingeordnet, erklärt, illustriert. Das macht ihn verständlich, aber natürlich könnte man ihn sich attraktiver vorstellen. Dass er diese sachliche Struktur hat, hängt damit zusammen, dass er auf der Titelseite steht und den Anspruch hat, eine Nachricht wiederzugeben.

Wenn dies nicht so wäre, hätten die Autoren die Informationen anders angeordnet. Sie wären mit einem attraktiven Sachverhalt eingestiegen (mit den niedrigen Beweggründen oder mit dem Haustyrannen-Dilemma) und hätten daraus das Problem entwickelt. Dennoch ist es auch hier gelungen, ein Thema einzugrenzen und auf einige wesentliche Aussagen zu reduzieren, so dass es informativ und verständlich rüberkommt.