Kategorie-Archiv: HINTERGRUND

Über Sprache, Rhetorik, Journalismus…

Storytelling, Teil 6:
 Storytelling allüberall

Demnächst wird es um Storytelling im Journalismus gehen. Aber ich möchte vorher noch kurz innehalten, um noch einmal vor dem Storytelling-Hype zu warnen.

Whoever tells the best story wins.
Great brands are the ones that tell the best stories.
If you take a simple object and build a story atround it, the value increaes exponentially.

All dies sind Zitate, die den Wert des Storytelling unterstreichen. Sie stehen alle in den verschiedenen Motti, die im Buch The Fortune Cookie Principle die Kapitel einleiten. (Jiwa, Bernadette (2013): The Fortune Cookie Principle. The 20 keys to a great brand story and why your business needs one. Australia [sic!]: The Story of Telling Press. [e-book])

Storytelling ist ein gutes Werkzeug in einzelnen Bereichen der Werbung, bei der Mitarbeitermotivation, auch in gewissen Phasen der Marktforschung, im Qualitätsmanagement usw. (Vgl. Thier, Karin (2005:2010: Storytelling. Eine Methode für das Change-, Marken-, Qualitäts- und Wissensmanagement. 2., aktualisierte und ergänzte Auflage. Berlin, Heidelberg und New York: Springer.)

Aber es ist nicht die Methode, die alle bisherigen Verfahren des Marketing, des Personalmanagements, der Produktentwicklung usw. ersetzt. Sehr dient der Begriff nur dazu, den Blick zu schärfen für Dinge, die ohnehin schon lange zum Repertoire gehören.

Und in vielen Fällen ist der Appell an Storytelling schlicht Unsinn. Oder auch gefährlich.
Dies ist immer dann der Fall, wenn eine Geschichte eine Wahrheit verdeckt, verschleiert oder verschweigt.

Ein aktuelles Beispiel: Die Zeitschrift stern (Nr. 11/2014) vom 6. März 2104. Titelgeschichte: Magie und Medizin. Eckart von Hirschhausen erzählt da auf acht Seiten, „warum alternative Heilmethoden wirken und was Ihr Arzt davon lernen kann“. Natürlich findet sich da, wie immer bei Hirschhausen, viel Anregendes und Bedenkenswertes. Aber dann kommt er zum Storytelling. Und da wird’s abenteuerlich:

Kranke brauchen gute Storys

So lautet der Zwischentitel. Und an den Bericht von der schönen Erfahrung, dass kranke Kinder mit Humor und Zauberkunststücken ihrer Heilung näher gebracht werden, fügt Hirschhausen den folgenden Rundumschlag:

Und ich finde, Psychotherapeuten und Ärzte könnten ihre „Trickkiste“ um heilsame Geschichten, Witze und Überraschungen erweitern. Ich weiß, wie leicht und gern wir uns täuschen lassen. Ich kenne den Charme einer guten Geschichte, die immer die ganze Beweiskraft eines mühselig erhobenen Datensatzes aushebeln kann. Und die neue Hoffnung gibt.

Die gute Geschichte wird als Gegenmittel zur naturwissenschaftlichen Erkenntnis (dem „mühselig erhobenen Datensatz“) propagiert. Ich kann diese Passage nur so verstehen:

Der Arzt weiß, dass der Patient mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben wird. Aber er kennt die Geschichte von einem Einzelfall aus Manitoba, in dem einer überlebt hat. Und die soll er ihm erzählen. Vielleicht aber macht er es sich auf diese Weise zu einfach. Er müsste den Patienten mit der Wahrheit konfrontieren und sich dabei eingehend auf den Patienten einlassen. Er müsste sich die Zeit nehmen, um herauszufinden, wie er gerade diesem Patienten gerade diese Wahrheit vermitteln kann. Hirschhausen argumentiert so:

Leidenschaftliche Wissenschaftler mögen unter der Erkenntnis leiden, doch sie ist wahr: Menschen lieben keine nackte Statistik, sondern Storys. Die meisten von uns wollen nicht die letzte Wahrheit wissen, wir wollen an eine Version glauben, die sich für uns wahr anfühlt.

Ich bin dankbar für alle humorvollen, phantasiebegabten Ärzte, die ich kennen gelernt habe. Aber ich möchte keinen Arzt, der für mich eine Story auswählt, die sich „wahr anfühlt“. Ich möchte einen Arzt, der auf der Höhe der medizinischen Forschung ist und trotzdem verantwortungsvoll mit mir umgeht.

„Whoever tells the best story wins.“ Diese Art Storytelling ist die Methode deren, die Sieger sein wollen. Die Methode der Zauberer und Alleinunterhalten. Wenn es aber nicht darum geht, zu beschwichtigen und zu beeindrucken, dann ist Storytelling ganz einfach die Flucht vor dem Dialog. Im Journalismus (und darauf werden wir, wie versprochen, zurückkommen) ist der Rückgriff auf Geschichten oft hilfreich, um eine komplexe Sache verständlich zu machen. Aber wenn die ganze Welt auf Geschichten reduziert wird, verzichten wir auf Abstraktion, Verallgemeinerung, rationales Denken. Deshalb ist auch im Journalismus der Ruf nach vermehrtem Storytelling gefährlich.

Wer eine Geschichte wählt, weil er sein Publikum in den Bann schlagen will, hat eine beschränkte Vorstellung von Kommunikation. Er will einseitig kommunizieren und hofft auf eine unmittelbare, eindeutige Reaktion. Echte Meisterinnen und Meister der Kommunikation dagegen wählen die Geschichte da, wo sie notwendig ist. Ansonsten haben sie noch Dutzende weitere Kommunikationsformen zur Auswahl. Und sie wissen vor allen, dass das Einseitige, Monologische immer nur eine Ausnahme sein kann. Die ideale Kommunikationsform ist der Dialog.

Und dialogisch lassen sich viel mehr Kommunikationsabläufe gestalten, als sich die meisten träumen lassen. (Und dazu wirklich ein andermal. Aber wenn es Sie interessiert: Zum Thema Dialogische Rhetorik gibt es einige Notizen unter www.rhet.de)

 

 

 

Storytelling, Teil 5:
 Andere erzählen lassen (Storydoing)

Wenn ich meine Marke aufbauen wollte, würde ich nicht meine Geschichte, sondern die Geschichte von anderen erzählen.

Ich würde dafür sorgen, dass sich alle, die meine Marke erreichen soll, als Teil meiner Geschichte verstehen. Ich würde nicht meine Geschichte erzählen, sondern dafür sorgen, dass andere meine Geschichte erzählen (virales Marketing).

Ty Montague propagiert den Übergang vom Storytelling zum Storydoing. (Vgl. sein Buch True Story.)

Er fragt seine Unternehmenskunden:

Wer bist du heute?
Für wen bist du da?
Auf welcher Bühne trittst du auf?
Was hast du der Welt zu geben?

Aus diesen vier Fragen (die ich hier extrem vereinfacht habe) entsteht das, was er Metastory nennt. Sie setzt sich zusammen aus dem Protagonisten (dem Unternehmen mit seinen einzigartigen Eigenschaften und Möglichkeiten), den Teilnehmern (den Mitgliedern der Zielgruppe mit ihrer eigenen Story), der Bühne (dem wirtschaftlichen und kulturellen Kontext, in dem sich das Unternehmen bewegt) und dem Ziel (der Leidenschaft, einen Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten).

Auch wer diesen idealistischen Ansatz nicht voll und ganz übernimmt, erkennt den Unterschied zum klassischen Erzählen.

Eine Marke, die so aufgebaut wird, wird zu einem Gegenstand, der in Social Media verhandelt wird. Das Erzählen bekommt dort ein Eigenleben – zum Wohl oder manchmal auch zum Schaden der Marke.

Storytelling, Teil 4:
 Vom Argumentieren zum Erzählen

Erzählen kann verschiedene Funktionen haben. Hier sollen einfache Beispiele aus der Werbung zeigen, wie sich das Erzählen allmählich selbständig gemacht hat.

Beginnen müssen wir bei der klassischen Vorstellung des Argumentierens. Die Annahme ist: Ein Produkt soll gekauft werden. Der Kunde wird mit einer Mini-Überzeugungsrede konfrontiert. Das einfachste Modell besteht aus einer Aussage, die mit einer Argumentation gestützt wird.

In einem zweiten Schritt werden wir sehen, dass diese Argumentation auch durch eine Erzählung ersetzt werden kann.

Im dritten Fall stützt die Erzählung nicht mehr direkt eine Aussage, sondern das Gesamtbild des Produkts bzw. der Marke.

Im vierten Fall werden Geschichten erzählt, die nicht mehr die Geschichte der Marke sind, sondern die nur noch lose – über die Werte, die sie verkörpert – mit der Marke verbunden sind.

Letztlich werden die Konsumenten Geschichten rund um die Marke erzählen, ohne dass sie von dieser initiiert worden sind. Vom Storytelling zum Storydoing.

1. Ein Argument stützt eine Aussage

Guinness is good for you ist eine Aussage (zu Deutsch: Guinness ist gesund.)

Gives you strength ist eine zweite Aussage (zu Deutsch: [G.] verleiht Kraft.) Im Originalplakat steht sie direkt hinter der ersten. Aussage. Sie stützt sie. Also: Guinness ist gesund, weil es Kraft verleiht.

Eine Aussage, die eine andere stützt, nennt man Argument.

(Klassische rationale Argumentation benötigt eine weitere Aussage, eine sog. Argumentregel. Sie schafft die Verbindung zwischen den beiden anderen Aussagen, der These und dem Argumentsatz. Hier wäre es die Argumentregel:
Alles, was dir Kraft verleiht, ist gesund.
In der alltäglichen Argumentation lässt man die Argumentregel aber oft weg, weil sie als bekannt und akzeptiert vorausgesetzt wird.)

2. Auch eine Geschichte kann eine Aussage stützen

Auch der Satz: Ich erlebe die Freiheit in diesem Auto ist eine Aussage. Sie stammt aus einem Werbespot für Mercedes. (Youtube) Resa Safari, ein Taxiunternehmer aus Hamburg sagt es über seinen Mercedes E 350. Um es zu begründen, erzählt er:

„Deswegen – viele haben gedacht, ich wäre ein Schauspieler. Wie kann es denn angehen, dass der immer so gut drauf ist? Und mittlerweile glauben sie daran, dass ich meinen Job gerne mache, dass ich da drinne wirklich die Erfüllung hab’…“

Auch diese Erzählung ist dazu da, eine Aussage zu stützen. Sie ist ausführlicher als ein klassisches Argument. Sie verzichtet meistens auf allgemeine Fakten. Ihre Stärke bekommt sie, weil sie persönlich ist und nachvollziehbar. Beweischarakter hat sie nicht. Sie ist überzeugend, weil sie als Beispiel nah heranführt.

Auf diese Weise „argumentieren“ wir im Alltag sehr häufig: Du kannst nicht schlafen? Nimm Baldrian. Mir hat’s geholfen.

3. Ein Produkt erzählt seine Geschichte

In vielen klassischen Werbetexten wird die Geschichte einer Firma oder ihres Produkts erzählt. Die Marke wird gestärkt dadurch, dass sie zu einer Art Persönlichkeit mit eigener Biografie wird. Dies zeigen schöne Beispiele aus den 1950er-Jahren. Dazu gehören die Spots oder Anzeigen von 4711:

1792: Um diese Zeit wurde die Stadt Köln am Rhein von der französischen Revolutionsarmee besetzt. Der Stadtkommandant General Dorier erteilte die Order: „Herr Bürgermeister! Hiermit befehle ich, die ganze Stadt Cologne, Haus für Haus durchzunummerieren.“ So ritt befehlsgemäß ein französischer Korporal durch die Glockengasse zu Köln, parierte vor dem Patrizierhaus in Mühlen sein Pferd und schrieb über das Tor die Zahl 4711. So entstand aus einer schlichten Hausnummer das weltbekannte Zeichen für 4711 echt Kölnisch Wasser.

Man weiß mehr über die Marke, erfährt, wieviel Tradition angeblich dahinter steckt. Man verbindet die Werte, den man aus ihrer Geschichte liest, mit den Werten des Produkts.

4. Die Marke erzählt die Geschichte von anderen

Schließlich kann die Marke Geschichten erzählen, in denen ganz andere Protagonisten vorkommen und die nichts direkt über sie selbst sagen. Nur die Werte, die diese Geschichten transportieren, sind wichtig. Sie sollen sich mit dem eigenen Namen, mit der Marke, mit dem Produkt verbinden. Ähnlich wie bestimmte Landschaften und Marlboro zusammengehören, verbinden sich Gute Taten mit Coca-Cola, Abenteuerlust mit Red Bull usw.

Das Folgende ist so eine Erzählung. Der Filmschauspieler Nicolas Cage wird im Red-Bull-Bulletin zitiert. Er spricht über seine Art, sich beim Drehen zu motivieren:

An dem bewussten Drehtag stand bei „Joe“ eine sehr komplizierte Szene auf dem Programm, und irgendwie war mein Adrenalin-Level nicht hoch genug. Ich war nicht so konzentriert, wie ich sein wollte. Da hatte ich die Idee mit der Schlange und fragte Regisseur David Gordon Green, ob er ­etwas dagegen hätte. Er meinte: „Versprich mir nur, dass du nicht stirbst. Sonst stehe ich da wie ein kompletter Idiot.“ Ich versprach ihm, nicht zu sterben, nahm die Schlange … und bang – es funktionierte, das Adrenalin schoss mir ein. Ich kann auf Adrenalin surfen…

Diese Erzählung steht nicht im Zusammenhang mit Red Bull. Nicolas Cage wird nicht als einer dargestellt, der Red Bull trinkt. Die Verbindung ergibt sich dadurch, dass beide, Cage und Bull im gleichen semantischen Feld grasen.

Vom Argumentieren zum Geschichtenerzählen: nochmals Coca-Cola

Im Frühjahr 1912 wirbt Coca-Cola in den amerikanischen Zeitungen mit fulminanten Überzeugungsreden:

The Old Oaken Bucket Filled to the brim with c o l d, c l e a r purity – no such water nowadays. Bring back the old days with a glass or bottle of Coca-Cola. It makes one think of everything that’s pure and wholesome and delightful. Bright, sparkling, teeming with palate joy – it’s your soda fountain old oaken bucket. [The Daily Courier-Gazette, McKinney, Texas, 21.05.1912, p.3]

Im Dezember 2013 erzählt die „Journey Redaktion“ von Coca-Cola Deutschland auf ihrer Website die Geschichte des Straßenmusikers Davide, der sein gewichtiges Instrument von Ort zu Ort transportiert, um „seine Musik mit Menschen auf der ganzen Welt zu teilen“:

Ein sonniger Herbsttag in Konstanz. Der Bodensee glitzert geheimnisvoll, ein Zauber liegt in der Luft, untermalt durch die Klänge eines Klaviers. Moment mal, wieso Klavierklänge? Die Temperatur ist unter zehn Grad, weit und breit keine Konzerthalle zu sehen … Davide Martello sitzt mitten auf der Fahrradbrücke an seinem Flügel – und die Menschen bleiben stehen. […] Davide chauffiert seinen geliebten Flügel quer durch die Lande – um den Menschen seine Musik nahe zu bringen. Denn anderen eine Freude zu machen, das ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Und in der Weihnachtszeit entdeckt der Klavierspieler den Santa in sich: Er bringt die Menschen auf der Straße trotz bitterer Kälte immer wieder dazu, kurz inne zu halten und mit einem Lächeln im Gesicht seinen Klängen zu lauschen. Wer mehr über den „bewegenden“ Konstanzer Künstler erfahren möchte, schaut einfach mal auf http://www.klavierkunst.com/ oder https://www.facebook.com/klavierkunst vorbei.

Die klassische Aufforderung „Trinkt Coca-Cola!“ findet sich nirgends auf der Seite. Nur zuunterst in kleiner Schrift ein paar nüchterne Informationen über das Unternehmen mit einem Schwerpunkt auf der Nachhaltigkeit (Coca-Cola Deutschland wurde von der VERBRAUCHERINITIATIVE e.V. als Nachhaltiger Hersteller 2011 in Silber ausgezeichnet).

Coca-Cola ist die Marke, die sich von anderen dadurch unterscheidet, dass sie Optimismus und Lebensfreude verkörpert. Coca-Cola erzählt Geschichten. Sie spielen im Umfeld von Sport, modernen Städten und Entertainment. Dies alles strahlt auf die Produkte aus. Sie sind mit den Werten und Stimmungen dieser Geschichten aufgeladen. („Die Botschaft ist eindeutig: Wer sich für Coca-Cola entscheidet, entscheidet sich für die schönen Seiten des Lebens!“)

Storytelling, Teil 3:
 Werbung, Branding

Einer der meistdiskutierten Werbefilme während der Superbowl-Übertragung 2014 zeigte eine Folge von Bildern vom schönen, glücklichen Freizeit-Amerika – von den wilden Bergen über die Wellen des Pazifiks bis zum Familienglück im Fast-Food-Lokal. Dazu wurde von Kinderstimmen America the Beautiful (Youtube) gesungen. Die Stimmen wechselten so ab, dass der englische Text ins Spanische und dann in weitere sieben Sprachen von ImmigrantInnen überging.

Viele Patriotinnen und Patrioten kamen allerdings nicht damit klar, dass die USA so dargestellt wurden, in einem „Schnappschuss aus dem realen Leben von Amerikanern, die die verschiedensten Volksgruppen, Religionen, Rassen und Familien vertreten, die alle in den Vereinigten Staaten zu finden sind“. Ein scheinbar harmloser und schönfärberischer Film war der Anstoß zu einer großen Debatte. Er hat aber auch eine weitere Facette zum Image der Marke Coca-Cola hinzugefügt.

Coca-Cola ist kein Getränk. Coca-Cola ist eine Persönlichkeit mit einer langen Biografie, und sie begegnet dir fröhlich und offen für alle Menschen auf dieser Welt. In dem Werbefilm wird das Wort Coca-Cola nur in den letzten vier Sekunden zu lesen. Der Slogan daneben lautet: America Is Beautiful.

Klassische Werbung hätte gesagt: Drink Coca-Cola. Genau diesen Spruch kennen wir noch aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Heutige Werbung erzählt eine Geschichte – hier die Geschichte des Melting Pot, des multikulturellen Amerika. Es ist keine Geschichte über eine Marke. Sondern es ist eine Geschichte, die ihre eigenen Werte vermittelt. Diese sollen dann auf die Marke abstrahlen.

Storytelling als Teil des Branding

Das Beispiel illustriert zwei Aspekte des Begriffs Storytelling in der Werbung:

1. Auf der Ebene des Films (bzw. Textes, Songs usw.): Eine Geschichte wird im Namen einer Marke erzählt. Es wird nicht zum Kauf aufgefordert. Es wird keine Eigenschaft des Produkts direkt genannt.

2. Auf der Ebene des Branding: Eine Marke wird mit bestimmten Werten assoziiert. Die Marke wird zu einer eigenen Persönlichkeit mit ähnlichen Eigenschaften, wie sie die Konsumenten haben oder anstreben. Die Marke vereinigt ihre Anhängerinnen und Anhänger zu gemeinsamen Aktionen, bei denen der Konsum des Produkts sekundär ist.

Und Storytelling im Journalismus?

Der kann zwar von all diesen Erkenntnissen profitieren. Aber er muss sich darüber im Klaren sein, dass dies nichts zu tun hat mit dem Erzählen in journalistischen Texten. Journalistische Texte haben nicht diese Art von Storytelling zum Ziel. Noch nicht. Wer einen Bericht für die Süddeutsche schreibt, sollte nicht in erster Linie darauf abzielen, das Image der Süddeutschen zu stärken. Aber dazu später mehr.

Storytelling, Teil 2:
 Was bedeutet Erzählen?

„Erzählen“ hat im Deutschen mehrere Bedeutungen. Für die Diskussion über Storytelling ist es wichtig, die Begriffe zu klären und auseinanderzuhalten.

Erzählen ist eine der sprachlichen Handlungsformen, die man als Journalistin oder Journalist beherrscht.

Wer erzählt, gibt die Entwicklung einer Geschichte von einem Anfangszustand zu einem Endzustand dar.

Wer nicht erzählt, vollzieht eine andere Handlung, z.B. melden:

Wer meldet, gibt den Kern eines Ereignisses wieder.

Wer nicht erzählt oder meldet, vollzieht eine andere Handlung, Z. B.: berichten:

Wer berichtet, gibt ein Ereignis von seinem Resultat her wieder.
Wer nicht berichtet, vollzieht eine andere Handlung, z.B. kommentieren.

Wer kommentiert, nimmt zu einem Ereignis Stellung.
usw.

Wir gehen davon aus, dass jeder journalistische Text auf eine Haupthandlung reduziert werden kann. Deshalb unterscheiden wir verschiedene Texttypen: Meldung, Bericht, Kommentar usw.

Oft enthalten diese Texte Erzählpassagen – oder sie haben (wie z. B. viele Reportagen) das Erzählen als Hauptfunktion.

Von den Kernaufgaben des Journalismus aus gesehen (vom Melden, Berichten) erfüllen erzählerische Passagen oder erzählerische Texte eine Zusatzleistung.

Wenn in Nachrichten oder in Berichten nur noch erzählt würde, wenn nur noch erzählerische Reportagen o.ä. produziert würden, verlöre der Journalismus eine wichtige Funktion, nämlich die Vermittlung aktueller Fakten.

Diese Begriffsklärung soll als Grundlage dienen für die Diskussion über Storytelling im Journalismus.

Storytelling, so attraktiv es ist, kann im Informationsjournalismus nicht das Hauptziel sein. Zwar gibt es in jeder Kultur Kommunikationsformen, in denen sich alles um das Erzählen dreht (z.B. den Stammtisch, das Lagerfeuer), aber im Journalismus ist es eine Zusatzhandlung. Es dient der Präsentation, der Illustration, der Verarbeitung aktueller Fakten.

Die Autorin Susanne Stiefel begleitet einen papierlosen Algerier durch die Stuttgarter Innenstadt. Sie schildert hautnah, was es bedeutet, sich zu ständig davor zu fürchten, kontrolliert, festgenommen, abgeschoben zu werden.

Die Reportage macht erfahrbar, was es heißt, „illegal“ zu sein. Ein nüchterner Bericht vermag dies nicht in dieser Intensität. Dennoch braucht es neben solchen Reportagen Texte über die aktuelle politische Entwicklung. Die Erzählung zeigt den Einzelfall. Für sie gibt es die Reportage. Die politische Information enthält eine Abstraktion. In der Nachricht und im Bericht kommt man nicht um sie herum.

Storytelling, Teil 1:
 Wichtig, aber im Journalismus sekundär

Storytelling ist in aller Munde. Geschichten zu erzählen, gilt im Journalismus als Zaubermittel für attraktive Informationsvermittlung und in der Werbung als Rückgrat der Markenkommunikation.

Man soll also Geschichten erzählen – möglichst überall und in jedem Zusammenhang.

Statt den Slogan „Trinkt Coca-Cola!“ auf die Wände zu schreiben, präsentiert Coca-Cola „Geschichten über Menschen, die anderen eine Freude machen“.

Was ist der Unterschied?

Für den Werber gibt es keinen, solange die Sache funktioniert. Wenn die Marke bekannt bleibt und die Produkte gekauft werden, ist es egal, ob die Hauptaussage eine mit Argumenten gestützte Kaufaufforderung ist oder eine nette kleine Geschichte, die von der Marke präsentiert wird.

Im Informationsjournalismus ist es anders. Denn hier ist der Text selbst das Produkt, er ist nicht bloß dazu da, zum Konsum eines anderen Produkts zu animieren.

(Natürlich gibt es auch hier werbende Texte – zum Beispiel Anmoderationen. Die tun genau das: Sie animieren zum Sehen/Hören/Lesen anderer Texte. Aber sie sind diesen Texten auch klar untergeordnet.)

In meinen Blog-Beiträgen zum Thema Storytelling wende ich mich in erster Linie and Journalistinnen und Journalisten. Für sie ist dieser Unterschied wichtig: Ist der Text mein Produkt oder ist er ein Vehikel für meine Marke? Da sie aber massiv mit Begriffen aus der strategischen Kommunikation konfrontiert werden, gibt es zuerst einige Ausflüge in die Sprache der Werbung.

Integrationsfähigkeit: Ein Beitrag zum legalen Rassismus

Die schweizerische Bundesverfassung enthält ein paar diskriminierende Sätze mehr. Über die Volksinitiative „gegen Masseneinwanderung“ ist schon viel gesagt worden. Aber da es in diesem Blog schon einmal um juristische Ungeheuerlichkeiten geht, muss ein kleines Wörtchen aus dem Initiativtext herausgenommen werden:

Welche Bedingungen müssen in Zukunft erfüllt sein, wenn eine Ausländerin oder ein Ausländer in der Schweiz eine Aufenthaltsbewilligung ergattern will?

Beschlossen wurde vom Schweizervolk am 9. Februar 2014 der folgende Satz:

Massgebende Kriterien für die Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen sind insbesondere das Gesuch eines Arbeitgebers, die Integrationsfähigkeit und eine ausreichende, eigenständige Existenzgrundlage.

Abgesehen davon, dass hier nicht nur ein Arbeitgeber, sondern auch eine Existenzgrundlage vorausgesetzt wird (und damit nicht erwartet wird, dass diese gerade vom Arbeitgeber ermöglicht wird), erwartet man von den arbeitswilligen Ausländern ein äußerst interessantes Abstraktum:

Integrationsfähigkeit

Wenn ich den Text richtig deute, will man überprüfen, ob sich ein Mensch aus einem anderen Land „integrieren“ kann. Wie man das tun will, bleibt wohl den Gesetzen und Ausführungsbestimmungen vorbehalten.

Vielleicht werden in Zukunft Schweizer Psychologen Integrationstests durchführen. Oder man fertigt einfach eine Liste an von all den Ländern, deren Bürger von Natur aus nicht integrierbar sind.

Integrationsfähigkeit ist letztlich aber nur ein Substantiv, das den Begriff der Integration enthält. Irgendjemand oder irgendetwas muss fähig sein, zu … und was folgt jetzt? Integriert zu werden? Oder etwa zu integrieren? (Das wäre ja auch eine Lösung: Man lässt nur Leute ins Land, denen es gelingt, dass sich die zerstrittenen Schweizer wieder integrieren.)

Die Verfasser des Initiativtextes haben natürlich nie Deutsch für Profis oder Journalistisches Texten oder E.A. Rauters Bücher gelesen. Sonst hätten sie gewusst, dass derartige unpersönliche Formulierungen einen riesigen Interpretationsspielraum offen lassen. Sie sagen nicht, wer etwas tut, sie sagen nicht, ob er es aktiv tut oder passiv erfährt.

Abstrakte Substantive sind ein hervorragendes Mittel, um Rassismus zu kaschieren. Mehr davon bei der Schweizerischen Volkspartei und gewiss demnächst in der Schweizer Verfassung.

 

Ein juristisches Thema – einfach und verständlich

Wenn es um Recht und Gerechtigkeit geht, sollten alle mitreden können. Dennoch gilt die Sprache der Juristen als besonders kompliziert. Juristische Texte sind für Normalbürger oft wenig verständlich. Um so schöner, wenn es gerade ein Artikel zu einem juristischen Thema ist, der als Paradebeispiel für Verständlichkeit dienen kann:

Mord und Totschlag – Maas will Strafrecht reformieren

Heribert Prantl und Robert Rossmann informieren auf der Titelseite der Süddeutschen in einem kurzen Text über ein spannendes Stück Strafrecht.

Mord und Totschlag:

Eine Menge an Verständlichkeitsproblemen entstehen dadurch, dass die juristische Fachsprache viele Begriffe enthält, die gleich klingen wie Alltagswörter aus unserer Umgangssprache. Als Journalist übernimmt man leicht einen solchen Begriff und übersieht, dass man ihn erklären muss. Mord ist ein solcher Stolperstein.

Sherlock Holmes und Professor Moriarty im Kampf an den Reichenbachfällen
Sherlock Holmes und Professor Moriarty im Kampf an den Reichenbachfällen. (Public Domain, zu finden bei Wikipedia.)

Wer diesen Text Schritt für Schritt liest, kann daraus lernen, wie man einen Hintergrundbericht verständlich schreibt.

1. Die Nachricht

Der Text beginnt mit einem Nachrichtensatz:

Bundesjustizminister Heiko Maas will die Paragrafen zu Mord und Totschlag ändern.

Damit haben wir den Küchenzuruf. Es ist alles drin, was in den ersten Satz einer Nachricht gehört. In elf Wörtern ist die Frage: Wer tut was? beantwortet.

2. Der Anlass

Der zweite Satz verweist auf den Anlass der Nachricht und auf ihre Quelle.

Der SPD-Politiker sagte der Süddeutschen Zeitung, bei den Tötungsdelikten im Strafgesetzbuch gebe es einen „gesetzgeberischen Regelungsbedarf“. Er strebe deshalb „noch in dieser Legislaturperiode“ eine Änderung an.

(Der SPD-Politiker sagte der Süddeutschen Zeitung… ist nicht nur eine Quellenangabe, sondern auch ein Hinweis in eigener Sache: Mit diesem Artikel auf der Titelseite soll das Interview mit dem Politiker, das im Innern der selben Ausgabe steht, verkauft werden.)

Zugegeben – diese Absichtserklärung hätte man auch ohne die hässlichen Politikerausdrücke wiedergeben können. Aber dann fangen sich die Autoren wieder auf. Sie sagen knapp, worum es geht:

Ziel sei es, Mord besser zu definieren.

3. Die Leserperspektive

Als einfacher Bürger und Krimileser fragt man sich: Warum das Ganze? – Deshalb wird jetzt die Perspektive gewechselt und die Sache gerade mit dieser Fragestellung weiter erklärt:

Maas sagte, viele Laien verstünden unter Mord eine geplante, genau überlegte Tötung – und unter Totschlag eine Tötung im Affekt.

Ist es denn nicht so? Mich hat dieser Satz überrascht. Deshalb habe ich weitergelesen:

Ungefähr so sei es auch bis 1941 geltendes Recht gewesen. Dann haben die Nationalsozialisten jedoch die Mordmerkmale geändert.

Es geht also um eine Altlast von den Nazis. Eine weitere juristische Altlast, fast 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Für mich ist das ein Köder, ein Satz, der mich motiviert, weiterzulesen.

4. Die Erklärung

Fast unmerklich ist die indirekte Rede in eigene Rede übergegangen. Vom Konjunktiv sei… im vorletzten Satz ging es über zum Indikativ haben… im nächsten Satz. Die Autoren zitieren nicht mehr. Sie sprechen selbst. Denn es ist ihre Aufgabe, den juristischen Sachverhalt zu erklären. Ein Minister ist keine akzeptable Quelle für Rechtsgeschichte. Er soll zu seinen eigenen Argumenten Auskunft geben; für die fachlichen Erklärungen sind die Journalisten zuständig.

Prantl und Rossmann zitieren das Strafgesetzbuch – so, wie es von den Nazis formuliert worden ist:

Seitdem heißt es im Strafgesetzbuch, Mörder sei, „wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam (…) einen Menschen tötet“.

Und dann folgt der Kern des Problems:

Die Rechtsprechung zum Mord orientiert sich deshalb bis heute am Leitbegriff der „niedrigen Beweggründe“, der einen Tätertyp beschreibt, wie ihn sich die Juristen im Dritten Reich vorstellten.

Noch im Jahr 2014 wird also in der Rechtssprechung die Nazipsychologie verwendet:

In der Praxis ist der Unterschied zwischen einem Mord und einem Totschlag auch deshalb oft nicht genau zu ziehen. „Mord und Totschlag entsprechen so, wie sie in den Paragrafen 211 und 212 definiert sind, nicht der Systematik des Strafgesetzbuches“, sagte Maas. Es seien „täterbezogene Delikte“, das Strafgesetzbuch gehe „ansonsten aber von tatbezogenen Delikten aus“.

Und hier lassen die Autoren wieder den Minister zu Wort kommen. Weil es darum geht, diese Vorgaben zu bewerten, wird hier wieder zitiert:

Der geltende Mordparagraf beschreibe „also nicht, wann eine Tat ein Mord ist“. Stattdessen beschreibe er „einen Menschentypus mit moralisch aufgeladenen Gesinnungsmerkmalen wie ,niedrige Beweggründe‘ oder ,Heimtücke‘“. Das sei „noch immer die beklemmende Beschreibung eines Mörders, wie ihn sich die Nazis vorgestellt haben“.

Wahrscheinlich ist dies auch die Meinung der Autoren des Artikels. Aber da es eine subjektive Beurteilung ist, zitieren sie hier wieder den Minister. Immerhin ist er es ja, der den Anstoß zur Änderung der Paragrafen geben will:

Es sei „ein Verdienst der Gerichte, dass sie dieses schlechte Gesetz überhaupt anwendbar gemacht haben“, sagte Maas. Es sei jetzt Aufgabe des Gesetzgebers, „den Gerichten bessere Regelungen an die Hand zu geben“. Deswegen würden die Tötungsdelikte „einer grundlegenden Reform“ unterzogen.

5. Die Illustration

Nach einem kurzen Abschnitt über das weitere Verfahren, folgt ein drastisches, auch Laien einleuchtendes Beispiel:

Maas begründete die Reform auch mit dem sogenannten Haustyrannen-Dilemma. Ein Mann, der seine Frau erschlägt, kommt bisher womöglich mit Totschlag davon, also mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe. Die Ehefrau, die jahrzehntelang von ihrem Mann gequält worden ist, und den Haustyrannen vergiftet, bekommt aber automatisch „lebenslänglich“, da der Einsatz von Gift als heimtückisch gilt und damit immer als Mord geahndet werden muss. Der Minister will mit der Reform des Mordparagrafen auch dieses Dilemma lösen.

6. Ginge es noch attraktiver?

Der Artikel ist einfach und linear aufgebaut. Das Thema wird genannt, eingeordnet, erklärt, illustriert. Das macht ihn verständlich, aber natürlich könnte man ihn sich attraktiver vorstellen. Dass er diese sachliche Struktur hat, hängt damit zusammen, dass er auf der Titelseite steht und den Anspruch hat, eine Nachricht wiederzugeben.

Wenn dies nicht so wäre, hätten die Autoren die Informationen anders angeordnet. Sie wären mit einem attraktiven Sachverhalt eingestiegen (mit den niedrigen Beweggründen oder mit dem Haustyrannen-Dilemma) und hätten daraus das Problem entwickelt. Dennoch ist es auch hier gelungen, ein Thema einzugrenzen und auf einige wesentliche Aussagen zu reduzieren, so dass es informativ und verständlich rüberkommt.

Journalistische Sprache hat ihre eigenen Regeln

Wir haben unsere sprachliche Urteilskraft an literarischen Texten geschult. Im Journalismus gelten aber oft andere Regeln.
Der Grund dafür ist scheinbar banal: In literarischen Texten führt der Erzähler den Adressaten in eine Welt, die nicht mit seiner normalen Welt übereinstimmt. Im Journalismus gehören alle zu derselben Welt: Journalist und Erzähler, Leser und Adressat sowie alle Akteure, denen sie im Alltag oder im Text begegnen.

Der Journalist ist der Erzähler

Der Journalist und sein Publikum leben in derselben Welt – unabhängig davon, ob sie einander im Alltag oder im Text begegnen. Wir müssen, wenn wir uns mit journalistischen Texten befassen, die liebgewordene Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler hinterfragen.
Wir haben in der Schule gelernt, dass Karl May und Old Shatterhand nicht dieselben Personen sind. Und wenn Old Shatterhand im Roman flunkert, kann Karl May dafür nicht haftbar gemacht werden. (In Tat und Wahrheit hat Karl May selbst geflunkert, was aber Old Shatterhand wiederum egal ist.)
Wenn in einem Roman die CIA den amerikanischen Präsidenten ermordet, so kann der reale CIA dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden – ebenso wenig kann der Autor des Romans oder der Erzähler der Verleumdung bezichtigt werden.
Wenn derselbe Fall Gegenstand eines journalistischen Textes wird, hat dies völlig andere Konsequenzen – für die CIA und für den Autor.

Rubber_Duck_Florentijn_Hofman_Hong_Kong_2013d

 (Um eine solche Ente geht es weiter unten. – Foto: Antony Lau, Zenda.
Zu Quelle und Rechten siehe Wikipedia )

Merkwürdigerweise hat diese einfache Tatsache Konsequenzen für die journalistische Sprache – und zwar bis in die Niederungen der Grammatik.

Beispiel eins: die indirekte Rede

Das wichtigste sprachliche Thema im Journalismus ist die Trennung eigener und fremder Aussagen. Die Jounalistin, der Journalist hat eine Stimme in der öffentlichen Kommunikation. Sie kann neben der Stimme des Politikers, des Sportlers, des Pressesprechers bestehen. Für eine Gesellschaft ist es wichtig, ob ein Wort von einem dieser Akteure oder von einem Journalisten verwendet wurde.
Der Erzähler im Roman braucht sich nicht um diesen Unterschied nicht zu kümmern.
Man stelle sich vor, ein junger Mann wird von Polizisten angehalten. Später behauptet er, die Polizisten seien dabei tätlich geworden:

„Die Bullen haben mich geschlagen,“ behauptete der Mann.

Wenn dies Teil eines Romans ist, kann diese Aussage ohne Probleme in indirekte Rede übernommen werden:

Der Mann behauptete, die Bullen hätten ihn geschlagen.

Stellen wir uns jetzt aber vor, dass es ein aktuelles Ereignis ist. Ein journalistisches Medium berichtet darüber. Dann wird derselbe Satz in indirekter Rede problematisch. Bulle ist hier nicht eindeutig erkennbar als die Wortwahl des Akteurs. Und weil Bulle eine abwertende Bedeutung hat, heißt das: Der Journalist hat die Wertung übernommen.
Zwar zeigt die indirekte Rede (hätten) schon an, dass eine fremde Aussage wiedergegeben wird. Aber sie reicht nicht aus, um Kernausdrücke im Satz entsprechend zu kennzeichnen. In einem journalistischen Text ist der Satz deshalb erst korrekt, wenn eine zusätzliche Distanzierung vorgenommen wird:

Der Mann behauptete, die „Bullen“ hätten ihn geschlagen.

Eine konventionelle literarische Erzählung würde durch solche Anführungszeichen verfremdet. Im journalistischen Text dagegen ist sie notwendig.
Dies ist der Grund dafür, dass in vielen Meldungen und Berichte die indirekte Rede mit Anführungszeichen oder anderen Wendungen (z.B.: …wie er sich ausdrückt) ergänzt wird.

Beispiel zwei: die Zeit

Wenn ein Ereignis in der Vergangenheit spielt, hat das Deutsche mehrere Formen zur Verfügung. Im Journalismus ist es üblich, den ersten Satz einer Meldung ins Perfekt zu setzen, den Rest ins Präteritum (Imperfekt):

Erneut ist einer Riesen-Gummiente des niederländischen Künstlers Florentijn Hofman die Luft ausgegangen. Am Dienstag explodierte in einer taiwanesischen Hafenstadt eine 18 Meter hohe Version der klassischen gelben Badeente. (Nach heute.at, 31.12.2013)

Wenn eine Information über die Vorgeschichte folgt, steht diese normalerweise im Plusquamperfekt:

Schon im November war dort ein anderes Exemplar geplatzt.

Wenn wir jetzt noch einen Schritt zurückgehen, bietet sich nach klassischer Lehre wiederum nur das Plusquamperfekt an:

Der niederländische Künstler hatte diese Enten installiert, um die Menschen zu erfreuen und politische Spannungen zu mindern.

Aber im aktuellen journalistischen Text ist hier auch eine andere Zeitform möglich:

Der niederländische Künstler hat diese Enten installiert, um die Menschen zu erfreuen und politische Spannungen zu mindern.

Hier steht also wiederum Perfekt, wie wenn es sich um den Anfang einer neuen Meldung handelte.
Dies ist möglich, weil Journalist und Leser in derselben Welt und zur gleichen Zeit leben. Statt in der Logik des Textes zu bleiben (und Plusquamperfekt zu setzen), kann man diese Hintergrundinformation auf die Zeit der Berichterstattung beziehen.
Es gibt also zwei Möglichkeiten, die Zeitverhältnisse auszudrücken: entweder in der Logik des Textes oder in der Logik der aktuellen Berichterstattung. Die Logik des Textes sagt: Das Leben und Sterben der Ente gehört ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt), ihr Vorleben ins Plusquamperfekt. Die Logik der Berichterstattung sagt: Das Leben und Sterben der Ente gehört ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt), ihr Vorleben gehört erneut ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt).
Und dies alles nur, weil Journalist und Leser in derselben Welt leben und man den journalistischen Autor für Dinge behaften kann, die der journalistische Erzähler sagt.

Wieviel Mathematik braucht ein Journalist?

Die Brücke, die unweit der Victoria Falls über den Sambesi führt, ist 128 Meter hoch. Sie war seit ihrer Einweihung 1905 ein wichtiges Verbindungsstück auf dem Weg von Süd- nach Nordafrika und spielte oft eine wichtige Rolle in der jüngeren Geschichte der Region (zum Beispiel noch 1975, als während des rhodesischen Bürgerkriegs in einem Eisenbahnwagen auf der Brücke Friedensverhandlungen geführt wurden).

Was tut man, wenn man als Tourist an einer solchen Brücke vorbeikommt?
Man springt an einem Bungee-Seil in die Tiefe.

Genau das tat auch die 22-jährige Erin Langworthy aus West-Australien am letzten Tag des Jahres 2011. Aber das Seil riss und Erin stürzte weiter, in das kühle, sonst nur von Krokodilen bevölkerte Wasser.

Bungee-Sprung von der Victoria-Falls-Brücke
Bungee-Sprung von der Victoria-Falls-Brücke

Foto: Spy007au

Lizenz: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erin Langworthy überlebte, und die Geschichte füllte unzählige Zeitungsspalten auf der ganzen Welt.

Für die Organisatoren und für Zambias Tourismusindustrie war es keine Erfolgsgeschichte. Man fürchtete, dass in Zukunft einige Menschen einen Bogen um die Attraktion machten (und immerhin waren bisher jeden Tag knapp 140 Menschen nur angereist, um sich für 90 Euro von der Brücke fallen zu lassen). Das führte dazu, dass der Minister für Tourismus sich wenige Tage darauf aufmachte, die Harmlosigkeit des Unternehmens zu beweisen und selbst einen Bungee-Sprung von der Brücke zu tun. (Info und Video im Web)

Dementsprechend gipfelten auch die Agenturmeldungen, die die deutschen Redaktionen verarbeiteten, in einem offiziellen Beschwichtigungsstatement:

Langworthy ist laut Sambias Tourimusminister Given Lubinda die erste, deren Seil gerissen ist. Seit zehn Jahren sprängen an der Stelle jedes Jahr 50 000 Menschen. Lubindadie: „Die Chance, dass das Seil reißt, liegt bei 1:500 000.“ (SWP)

Wie bitte?

Der Minister hat also zwei Dinge gesagt:
1. Seit zehn Jahren springen hier jedes Jahr 50 000 Menschen.
2. Die Wahrscheinlichkeit für einen Seilriss liegt bei 1:500 000.

Und die Redaktionen übernehmen das ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne Ironiesignal. Ohne darauf hinzuweisen, dass der Minister nichts anderes getan hat, als den einzigen Fall, den er kennt, durch die Zahl aller bisherigen Sprünge zu dividieren.
Das ergibt 1:500 000. Und natürlich stimmt das rückblickend für diese zehn Jahre und für dieses Bungee-Unternehmen aufs Haar. Aber sonst lässt sich nichts daraus schließen.

Trotzdem haben es Dutzende professioneller Internetdienste wiederholt:

„The probability of an incident is one in 500,000 jumps.“ (So z.B. die Webseiten von The Sun, The Guardian, Christian Science Monitor usw.)

Journalistinnen und Journalisten brauchen keine höhere Mathematik. Ihnen reicht, was sie in der Schule gelernt haben: die einfachen Grundrechenarten, Schätzen, simple Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Was ihnen zu wünschen wäre, ist die Lust, diese Kenntnisse auch anzuwenden.

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PS: Dieser Beitrag ist im Zusammenhang mit einer Hausaufgabe des letzten Schreibtraining-Seminars in Tübingen entstanden. Deshalb das nicht mehr taufrische Ausgangsbeispiel.

Übrigens: Zum Thema Mathematik und Journalismus gibt es einige Klassiker, deren Lektüre ich sehr empfehle (Seite „Literatur“).

Wo ist der Skandal?

Warum es sich lohnt, konkret zu formulieren

Es geht um Fußball. Und um den „größten Wettskandal der Sportgeschichte“. Er führt die Nachrichtenmeldungen von Radio und Fernsehen an. Er steht in den Zeitungen auf der Titelseite.
Ich habe die dpa-Meldung vom 4.2.2013 gelesen und ich verstehe nicht, wer was getan hat:

Die Ermittlungen unter dem Codenamen „Veto“ offenbaren den größten Wettskandal der Sport-Geschichte und stürzen die Fußball-Welt in eine weitere tiefe Glaubwürdigkeitskrise.

Das ist der Lead-Satz. Man beachte: Die Meldung ist von einem Skandal, also einem Phänomen der Wirkung einer Information. Es ist etwas (angeblich) Skandalöses geschehen. Was das ist, wird nicht gesagt, nur dass es im Zusammenhang mit Wetten steht.
Deshalb müssen wir weiterlesen:

Die europäische Polizeibehörde Europol hat nach eigenen Angaben rund 700 verdächtige Spiele von 2008 bis 2011 registriert. Darunter sind 300 völlig neue Fälle weltweit sowie alleine in Europa mehr als 380 Partien, die in den Ländern meist schon bekannt waren.

Da kommt die erste konkrete Aussage: Europol hat 700 Spiele registriert. Das kann jeder tun. Ich bin in der Lage, zehntausende von Fußballspielen aus den Jahren 2008 bis 2011 zu registrieren. Und sie verdächtig zu nennen, ist noch keine Leistung. Also weiter:

Betroffen vom Wettskandal sind Begegnungen der WM- und EM-Qualifikation sowie zwei Champions-League-Spiele, davon ein Treffen in England.

Noch immer nichts Konkretes. Der Begriff „Wettskandal“ wird wiederholt, zusammen mit dem Partizip „betroffen“, das immer wieder dafür herhalten muss, wenn kein aktives Verb zur Verfügung steht.

Konkret zu sagen, was passiert ist, würde zum Beispiel bedeuten:

„Eine kriminelle Organisation hat zwanzig Schiedsrichter geschmiert. Jeder hat mehrere Spiele so gepfiffen, wie es seine Auftraggeber wollten. Ein Schiedsrichter bekam dafür einen Plasmafernseher und pro Spiel etwa 10.000 Euro. Die kriminellen Auftraggeber haben Wetten auf diese Spiele organisiert und dabei Hunderttausende verdient.“

Und wenn das nicht geht, weil die Machenschaften zu unterschiedlich sind, könnte man wenigstens einen einzelnen Fall schildern. Einfach, damit auch Nichtbeteiligte verstehen, was los ist. (Insider verstehen es natürlich, weshalb die dpa als nächsten Satz gleich einen O-Ton von Oliver Bierhoff bringen kann:„Wenn die Zahl echt wäre, wäre das beängstigend.“)

Vor allem aber damit die Journalisten ihrer Pflicht nachkommen, um den Wert dieser Nachricht zu überprüfen. Wer konkret sagen muss, was passiert ist, kann sich nicht mit Floskeln retten. Er muss zum Beispiel überlegen, warum eigentlich keine Fußballvereine, keine Spieler, keine Funktionäre aktiv vorkommen. Man beachte die Verben in den folgenden Sätzen:

Alleine in Deutschland stehen … 70 Partien unter Verdacht.

An den Manipulationen und dem Wettbetrug sollen insgesamt 425 Club-Funktionäre, ehemalige oder heutige Spieler und Schiedsrichter … beteiligt gewesen sein.

Betroffen seien aber auch Spanien, Großbritannien und die Niederlande…

Wer daraus versucht, konkrete, aktive Sätze zu machen, muss etwas recherchieren. Er wird herausfinden, dass viele dieser Sachverhalte längst bekannt sind. Mit ein paar Klicks im Internet findet man nicht nur heraus, was wer getan hat, sondern auch, dass eine große Zahl dieser Taten längst vor Gericht behandelt wurden und die Täter zum Teil schon hinter Gittern sitzen.

Die Nachricht enthält vor allem einen Zwischenbericht der Polizei. Europol hat in Den Haag eine Pressekonferenz veranstaltet und dabei in etwa gesagt: Wir haben ermittelt und dabei auch neue Fälle aufgedeckt.

Leicht verbrämt ist dies auch im dpa-Text enthalten:

Darunter sind 300 völlig neue Fälle weltweit sowie alleine in Europa mehr als 380 Partien, die in den Ländern meist schon bekannt waren.

Die Hauptnachricht besteht darin, dass diese Pressekonferenz stattgefunden hat. Das ist das Ereignis. Die Leistung der Ermittler besteht darin, dass sie alte und neue Daten analysiert haben. Das wäre durchaus berichtenswert. Und das ist auch der Grund dafür, dass die einzigen Akteure, die hier aktiv vorkommen, die Ermittler sind. Dies reicht halt nicht für eine skandalträchtige Schlagzeile. „680 Spiele manipuliert“, titelt etwa die Südwestpresse. Korrekt wäre der Zusatz: „Aber von mehr als der Hälfte wussten wir’s längst.“

Was lernen wir daraus?

Eine Pressekonferenz ist kein Selbstläufer. Sie liefert keine fertigen journalistischen  Meldungen, sondern nur Informationen, die journalistisch aufbereitet werden müssen. Einfach gesagt: Die Nachricht besteht darin, dass eine Pressekonferenz stattgefunden hat. Der Rest muss überprüft werden.

Wenn die Hauptakteure Polizisten sind, ist meistens etwas faul, zumindest sprachlich. Im Ereignis, über das sie informieren, sind ganz andere Leute die Hauptakteure. Das muss zumindest herausgearbeitet werden.

Europol und andere große Organisationen kann man nicht daran hindern, aus ihrer Perspektive zu berichten. Es ist ihr Recht, zu schreiben:“„Wir haben ein dichtes kriminelles Netzwerk aufgedeckt“. Aber es ist die Pflicht der Journalisten, dieses Netzwerk und seine kriminellen Tätigkeiten zu beschreiben.

Dabei hilft es, einer solchen Skandalmeldung mit der Frage nach der Perspektive, nach den Subjekten, nach den Verben auf den Zahn zu fühlen.

Und sich daran zu erinnern: Das Wort „Skandal“ bezeichnet nicht nur das Ereignis, sondern gleichzeitig die Reaktion darauf.