Kategorie-Archiv: Theorie

Journalistische Sprache hat ihre eigenen Regeln

Wir haben unsere sprachliche Urteilskraft an literarischen Texten geschult. Im Journalismus gelten aber oft andere Regeln.
Der Grund dafür ist scheinbar banal: In literarischen Texten führt der Erzähler den Adressaten in eine Welt, die nicht mit seiner normalen Welt übereinstimmt. Im Journalismus gehören alle zu derselben Welt: Journalist und Erzähler, Leser und Adressat sowie alle Akteure, denen sie im Alltag oder im Text begegnen.

Der Journalist ist der Erzähler

Der Journalist und sein Publikum leben in derselben Welt – unabhängig davon, ob sie einander im Alltag oder im Text begegnen. Wir müssen, wenn wir uns mit journalistischen Texten befassen, die liebgewordene Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler hinterfragen.
Wir haben in der Schule gelernt, dass Karl May und Old Shatterhand nicht dieselben Personen sind. Und wenn Old Shatterhand im Roman flunkert, kann Karl May dafür nicht haftbar gemacht werden. (In Tat und Wahrheit hat Karl May selbst geflunkert, was aber Old Shatterhand wiederum egal ist.)
Wenn in einem Roman die CIA den amerikanischen Präsidenten ermordet, so kann der reale CIA dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden – ebenso wenig kann der Autor des Romans oder der Erzähler der Verleumdung bezichtigt werden.
Wenn derselbe Fall Gegenstand eines journalistischen Textes wird, hat dies völlig andere Konsequenzen – für die CIA und für den Autor.

Rubber_Duck_Florentijn_Hofman_Hong_Kong_2013d

 (Um eine solche Ente geht es weiter unten. – Foto: Antony Lau, Zenda.
Zu Quelle und Rechten siehe Wikipedia )

Merkwürdigerweise hat diese einfache Tatsache Konsequenzen für die journalistische Sprache – und zwar bis in die Niederungen der Grammatik.

Beispiel eins: die indirekte Rede

Das wichtigste sprachliche Thema im Journalismus ist die Trennung eigener und fremder Aussagen. Die Jounalistin, der Journalist hat eine Stimme in der öffentlichen Kommunikation. Sie kann neben der Stimme des Politikers, des Sportlers, des Pressesprechers bestehen. Für eine Gesellschaft ist es wichtig, ob ein Wort von einem dieser Akteure oder von einem Journalisten verwendet wurde.
Der Erzähler im Roman braucht sich nicht um diesen Unterschied nicht zu kümmern.
Man stelle sich vor, ein junger Mann wird von Polizisten angehalten. Später behauptet er, die Polizisten seien dabei tätlich geworden:

„Die Bullen haben mich geschlagen,“ behauptete der Mann.

Wenn dies Teil eines Romans ist, kann diese Aussage ohne Probleme in indirekte Rede übernommen werden:

Der Mann behauptete, die Bullen hätten ihn geschlagen.

Stellen wir uns jetzt aber vor, dass es ein aktuelles Ereignis ist. Ein journalistisches Medium berichtet darüber. Dann wird derselbe Satz in indirekter Rede problematisch. Bulle ist hier nicht eindeutig erkennbar als die Wortwahl des Akteurs. Und weil Bulle eine abwertende Bedeutung hat, heißt das: Der Journalist hat die Wertung übernommen.
Zwar zeigt die indirekte Rede (hätten) schon an, dass eine fremde Aussage wiedergegeben wird. Aber sie reicht nicht aus, um Kernausdrücke im Satz entsprechend zu kennzeichnen. In einem journalistischen Text ist der Satz deshalb erst korrekt, wenn eine zusätzliche Distanzierung vorgenommen wird:

Der Mann behauptete, die „Bullen“ hätten ihn geschlagen.

Eine konventionelle literarische Erzählung würde durch solche Anführungszeichen verfremdet. Im journalistischen Text dagegen ist sie notwendig.
Dies ist der Grund dafür, dass in vielen Meldungen und Berichte die indirekte Rede mit Anführungszeichen oder anderen Wendungen (z.B.: …wie er sich ausdrückt) ergänzt wird.

Beispiel zwei: die Zeit

Wenn ein Ereignis in der Vergangenheit spielt, hat das Deutsche mehrere Formen zur Verfügung. Im Journalismus ist es üblich, den ersten Satz einer Meldung ins Perfekt zu setzen, den Rest ins Präteritum (Imperfekt):

Erneut ist einer Riesen-Gummiente des niederländischen Künstlers Florentijn Hofman die Luft ausgegangen. Am Dienstag explodierte in einer taiwanesischen Hafenstadt eine 18 Meter hohe Version der klassischen gelben Badeente. (Nach heute.at, 31.12.2013)

Wenn eine Information über die Vorgeschichte folgt, steht diese normalerweise im Plusquamperfekt:

Schon im November war dort ein anderes Exemplar geplatzt.

Wenn wir jetzt noch einen Schritt zurückgehen, bietet sich nach klassischer Lehre wiederum nur das Plusquamperfekt an:

Der niederländische Künstler hatte diese Enten installiert, um die Menschen zu erfreuen und politische Spannungen zu mindern.

Aber im aktuellen journalistischen Text ist hier auch eine andere Zeitform möglich:

Der niederländische Künstler hat diese Enten installiert, um die Menschen zu erfreuen und politische Spannungen zu mindern.

Hier steht also wiederum Perfekt, wie wenn es sich um den Anfang einer neuen Meldung handelte.
Dies ist möglich, weil Journalist und Leser in derselben Welt und zur gleichen Zeit leben. Statt in der Logik des Textes zu bleiben (und Plusquamperfekt zu setzen), kann man diese Hintergrundinformation auf die Zeit der Berichterstattung beziehen.
Es gibt also zwei Möglichkeiten, die Zeitverhältnisse auszudrücken: entweder in der Logik des Textes oder in der Logik der aktuellen Berichterstattung. Die Logik des Textes sagt: Das Leben und Sterben der Ente gehört ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt), ihr Vorleben ins Plusquamperfekt. Die Logik der Berichterstattung sagt: Das Leben und Sterben der Ente gehört ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt), ihr Vorleben gehört erneut ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt).
Und dies alles nur, weil Journalist und Leser in derselben Welt leben und man den journalistischen Autor für Dinge behaften kann, die der journalistische Erzähler sagt.

Theorie: Die Vorzüge des Schreibens

Als ich zu Beginn eines Schreibtrainings die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer fragte, welche Erfahrungen sie im Schreiben hätten, antworteten einige, sie hätten längere Zeit nicht mehr geschrieben. Jemand sagte sogar:

„Meine letzte Schreiberfahrung liegt schon drei Jahre zurück. Da habe ich mein Abi gemacht.“

Ich war überrascht. Hatten sie denn in der Zwischenzeit keine Briefe, SMS, Einkaufszettel oder Vorlesungsmitschriften verfasst? – Oder kam Ihnen das einfach nicht in den Sinn ? In einem solchen Seminar denkt man offenbar eher an anspruchsvollere Arten des Schreibens: Lyrik, Erzählungen, Reportagen…

Aber das Interessante am Schreiben ist ja, dass es nicht nur für einige wenige besondere Zwecke dient, sondern uns in fast allen Situationen des Alltags begleitet.

Schreiben gilt (wie Lesen und Rechnen) als eine Kulturtechnik. Es wurde wohl in den meisten Fällen aus pragmatischen Gründen erfunden – um wirtschaftliche Vorgänge besser zu organisieren. (Die Einführung von Schrift für kultische Zwecke ist ein eigenes Kapitel.)

Mit der Schrift hatte man eine effiziente Methode, um das Gedächtnis zu entlasten. Sie eignete sich aber auch für anderes – für die Verbreitung von Botschaften über räumliche und zeitliche Distanzen hinweg.

In unserem Seminar ging es in einer ersten Übung darum, einfache, konkrete Fragen zum Schreiben zu beantworten und dadurch auf einzelne Vorzüge der Schrift (besonders im Kontrast zum gesprochenen Wort) aufmerksam zu werden:

Die Schrift verwandelt flüchtige akustische Botschaften in dauerhafte visuelle Botschaften. Möglich ist dies nur, weil wir über die Sprache verfügen: Unsere Schrift eignet sich nicht für sämtliche möglichen (z.B. körpersprachlichen) Äußerungen, sondern nur für solche, die wir zuvor in Sprache kodiert haben. (Ein Kopfnicken z.B. muss umkodiert werden zum Wort ja oder zu einem sprachlichen Bericht: Er nickte mit dem Kopf.)

Die Schrift nutzt den Code der Sprache. Was wir an der Schrift praktisch finden, ist zunächst der Sprache zu verdanken – der Tatsache, dass wir unsere Botschaften mit einem beschränkten Grundinventar von Lauten herstellen können.

Die Schrift ist flexibel. Sie kann alle sprachlichen Aussagen wiedergeben, ohne dass man für jede Aussage ein eigenes Zeichen lernt (im Gegensatz etwa zu den Symbolen im Straßenverkehr).

1. Inuksuk – vom Menschen losgelöst

Die Schrift erinnert also an akustische Botschaften: Sie verweist damit auf die Kommunikation zwischen Menschen, die sich so nah sind, dass sie einander hören. Dies führt zum ersten (natürlich nicht exklusiven) Merkmal der Schrift: Wer schreiben kann, kann Botschaften herstellen, die sich vom Menschen loslösen lassen. Wer einem Menschen etwas sagen will, ihn z.B. in seinem Büro aufsucht und da nicht findet, ist dank der Schrift nicht aufgeschmissen. Er braucht nicht zu warten, bis er wieder da ist, sondern schreibt seine Botschaft auf einen Zettel und lässt diesen auf dem Schreibtisch. Die Botschaft hat sich vom „Sprecher“ gelöst und kann örtlich und zeitlich unabhängig verwendet werden.

Diese Sicht auf Zeichen haben die Inuit im nördlichen Amerika und Grönland, deren Steinfiguren berühmt sind, die z.B. als Orientierungshilfe am Wegrand stehen. Sie nennen diese Inuksuk oder Inukshuk (Plura: Inuksuit). Dies bedeutet ungefähr: Ersatz für einen Menschen. Ein Inuksuk ist also ein Ding, das eine Aufgabe übernimmt, die sonst ein Mensch tun müsste.

Weiterführende Informationen finden Sie auf der Website des Musée canadien des civilisations / Canadian Museum of Civilization:
http://www.civilization.ca/cmc/exhibitions/archeo/inuksuit/inukinte.shtml
… und bei der Ethnologin Judith Varney Burch:
http://www.arcticinuitart.com/culture/inuk.html

Bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver hieß übrigens das offizielle Symbol Inukshuk

1.1 Präzision

An der Straßenkreuzung steht ein Wegweiser. Darauf steht „Reutlingen“. Was für andere Möglichkeiten hätten die Behörden, um sicherzustellen, dass die Reisenden nach Reutlingen gelangen?

Diese Frage stellte ich in einem Bachelor-Seminar, als wir die Vorzüge des Schreibens diskutierten.

Die Gruppe wählte zunächst unterschiedliche Symbole, die für Reutlingen stehen könnten (ein charakteristischer Berg bei Reutlingen, das Krankenhaus, das Stadtwappen…) – lauter Ersatz-Zeichen, die regional zwar funktionieren könnten, die aber nicht so präzise wären wie die schriftliche Wiedergabe des Namens. Eine deutliche Illustration dafür, dass die schriftliche Lösung präziser wäre, ist die Abbildung der Achalm, des „Hausbergs“ von Reutlingen: Das Schild weist zu einem Ort gleich nebenan.

1.2 Freiheit

Die letzte Lösung, die die Gruppe präsentierte, war in ihrer Radikalität verblüffend: Sie schlug vor, die Kreuzung, an der das Schild steht, aufzuheben, so dass nur noch eine Straße übrig bleibt, die nach Reutlingen und sonst nirgendshin führt.
Schrift kann also auch ersetzt werden durch diktatorische Maßnahmen – oder im Umkehrschluss: Die Schrift zur Verfügung zu haben, das vom Menschen losgelöste Kommunikationssystem, ermöglicht auch größere Freiheit.

2. Reflektiert

Das Schreiben ermöglicht es nicht nur, Distanzen zu überbrücken. Indem die Botschaft vom Menschen losgelöst wird, erleichtert es auch die Distanzierung des Autors von seiner Botschaft: Man hat sie vor sich und kann sie bearbeiten. Im Gegensatz zum Sprechen, das auf ein flüchtiges Verbreitungsmedium – die Stimme – angewiesen ist, benutzt das Schreiben Speichermedien: Stein, Holz, Papier usw. Wer etwas schreibt, braucht das nicht für andere zu tun, sondern hat auch für sich selbst ein nützliches Hilfsmittel. Fast jedes Schreiben hat zunächst etwas Vorläufiges. Es wird oft sogleich korrigiert, gekürzt, verlängert, abgeschrieben. Das ermöglicht eine völlig andere Art der Reflexion über den eigenen Text als beim Sprechen. Darauf sollte eine zweite Frage hinweisen:

Wer die Erzählung Unterm Birnbaum von Theod or Fontane abschreiben will, benötigt etwa einen Arbeitstag. Fontane brauchte zwei Jahre, bis er die Novelle geschrieben hatte. Warum?

Wir halten es für völlig normal, dass das Verfassen eines Buchs mehr Zeit braucht, als es die reine Schreibarbeit erfordern würde. (Für die meisten von uns ist es eine Ausnahme, wenn man in der Art der écriture automatique ohne innezuhalten Seite um Seite füllt.) Fontane recherchierte und schrieb ähnlich wie ein heutiger Journalist.

2.1 Schreiben erfordert Recherche

Dies weist uns darauf hin, dass das Schreiben in ganz vielen Situationen – vor allem aber das Schreiben für die Öffentlichkeit – ein Privileg ist. Nicht jeder kann in einer weit verbreiteten Zeitschrift (Unterm Birnbaum kam zuerst in Fortsetzungen in der Gartenlaube heraus) publizieren. Dies allein schon erfordert ein verantwortungsvolles Umgehen mit den Inhalten. Deshalb fühlen sich Autoren und ihre Herausgeber gewöhnlich zu sorgfältiger Recherche verpflichtet.

2.2 Einschränkungen der Freiheit

Das Beispiel führt uns zurück zur Frage der Freiheit: Abstrakte Überlegungen haben uns unter 1.2 dazu geführt, die Schrift mit Freiheit in Zusammenhang zu bringen: Die Botschaft ist vom Menschen losgelöst, kann von ihm unabhängiger verwendet werden, als wenn sie ständig mit seiner körperlichen Tätigkeit verbunden wäre (wie das beim Sprechen der Fall ist). Aber damit, dass der Text losgelöst, auf einem Speichermedium festgehalten wird, kann er auch als handelbare Ware dienen. Viele Texte sind darauf angewiesen, dass sie jemand kauft und weiter verkauft.

3. Ein ausgelagertes Gedächtnis

Die Geschichte der Entwicklung der Schriften und Schriftkulturen wird immer mit dem Gedächtnis in Zusammenhang gebracht. Diejenigen, die in einer Gesellschaft als erste Mittel der Aufzeichnung brauchten, waren Meister der Erinnerung: Sie waren zum Beispiel als wirtschaftliche Verwalter gezwungen, den Überblick über Vorräte zu waren oder Abmachungen mit Handelspartnern festzuhalten. Andere waren die Bewahrer religiöser Überlieferungen und bewahrten die mündlich überlieferten Erzählungen der Ahnen. Schreiben war also im Hinblick auf eine größere Gemeinschaft notwendig, die eine gewisse Komplexität erreicht hatte.
Diese Funktion der Schrift wird von der Forschung gewöhnlich betont, die sich für den Übergang von den oralen zu den schriftlichen Kulturen interessiert. (Von einigen wird aber auch zur Vorsicht gemahnt: Man ist leicht versucht, die Entwicklung ergebnisorientiert zu missverstehen und etwa die oralen Kulturen für unvollkommene Kulturen zu halten, die erst durch die Schrift vollwertig würden.)

3.1 Abstraktion

Wir leben in einer Kultur, in der es seit Jahrhunderten üblich ist, Dinge, deren Erinnerung man sichern will, schriftlich (und bildlich) festzuhalten. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, dass z.B. die Lehren des Buddha zweihundert bis dreihundert Jahre lang mit wahrscheinlich sehr hoher Präzision mündlich überliefert wurden, bevor sie zum ersten Mal niedergeschrieben wurden. Wir haben auch die Vorstellung, dass die schriftliche Aufzeichnung einer Rede die genauestmögliche ist. Dabei gibt es viele Fälle, in denen der Mitschrift das Wichtigste fehlt – zum Beispiel die Sprechweise. Es gibt (nicht nur in fernen Kulturen) Texte, bei denen die Art, wie sie mündlich präsentiert werden (Rhythmus, Melodie), und die Dialogsituation, in der sie wiedergegeben werden (ritueller Austausch), mindestens so wichtig sind wie der verbale Inhalt. (Dass der Bräutigam vor dem Altar ja oder ja, ich will gesagt hat, hat im Bericht über eine europäische Hochzeit keinen Informationswert, wie er es gesagt hat, schon.)
Für uns ist wichtig, dass das Schreiben im Hinblick auf andere Formen der Kommunikation neben dem Vorteil der Speicherung immer eine Abstraktion enthält. Es ist eine Reduktion Vergleich zum Fotografieren, zur Tonaufnahme oder auch zur persönlichen Wiedergabe aus dem Gedächtnis. Dies ist quasi die Kehrseite der Präzision, die das Schreiben dabei ermöglicht.

3.2 Aufwertung

Unsere nächste Frage lautete:

A ist zur Geburtstagsfeier bei B eingeladen. A überreicht B ein Geburtstagsgeschenk und sagt „Herzlichen Glückwunsch!“ Im Geschenk steckt zudem eine Karte, auf der genau diese Worte nochmals stehen. Warum?

In unserem Alltag gibt es Dutzende von solchen scheinbar überflüssigen Handlungen, bei denen man eine mündliche Geste bekräftigt, indem man den Wortlaut dem Angesprochenen in schriftlicher Form überreicht. Man denke etwa an öffentliche Ehrungen, die mit der Übergabe einer Urkunde verbunden sind. Die Schrift kann eine sprachliche Handlung aufwerten. Wer eine Glückwunschkarte bekommen hat, behält sie oft jahrelang – auch wenn er diejenigen, die sie geschrieben haben, immer noch um sich hat.

Die Studentinnen und Studenten, die sich mit der Frage befassten, wiesen darauf hin, dass eine persönlich gemeinte Äußerung in schriftlicher Form auch leicht zur Floskel verkommen kann. Die Distanzierung, die mit der Schrift einhergeht, kann nicht nur zur Aufwertung der Botschaft dienen (ihr also einen offiziellen Charakter verleihen), sondern auch zur Entpersönlichung.

3.3 Öffentlichkeit

In unserer Zeit werden alle wichtigen Abmachungen aufgeschrieben. Es gibt zum Beispiel den Texttyp Vertrag, den es für viele Zwecke gibt – und der mit vielen Gesetzesparagraphen abgesichert ist. Dass auch ein mündlich abgeschlossener Vertrag in vielen Fällen rechtlich ebenso bindend ist wie ein schriftlicher, vergessen wir dabei oft. Das Schriftstück erachten wir dagegen als sicheren Beweis, den wir anderen Menschen und Institutionen gegenüber als Beweis anführen können.

4. Prestige

In der heutigen Zeit leben wir in einer Flut von Schriftstücken. Dennoch sind das Geschriebene und das Schreiben immer noch mit einem gewissen Prestige verbunden. Wer nicht lesen und schreiben kann, fühlt sich nicht nur oft unsicher und ausgeschlossen, sondern hat meistens auch Minderwertigkeitsgefühle. Eine scheinbar triviale Frage aus dem Seminar:

Menschen, die in Deutschland leben und nicht lesen und schreiben können, verheimlichen das sehr oft. Warum?

hat auf die Werbespots hingewiesen, die für die Bekämpfung des Analphabetismus in Deutschland produziert wurden und die für Verständnis werben:

http://www.alphabetisierung.de/kampagne/tv.html

Über vier Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht lesen und schreiben. Und sehr viel mehr Menschen werden diskriminiert, weil sie schlecht lesen und schreiben können. Man denke etwa daran, wie wichtig bei der Beurteilung von Bewerbungsschreiben die korrekte Handhabung von Grammatik und Orthographie genommen wird – auch wenn dies für den betreffenden Job gar nicht im Zentrum steht.
Einst konnten nur kleine, privilegierte Gruppen in der Gesellschaft lesen und schreiben. Sie hatten eine Art Geheimwissen. In den letzten Jahrhundeten wurde der Zugang dazu immer leichter. Und dennoch ist das Prestige, das mit dieser Kunst einst verbunden war, nicht ganz verschwunden.

Hier lässt sich eine andere Frage anschließen:

Das Judentum, das Christentum und der Islam werden als Buchreligionen bezeichnet. Das heißt, dass ihre Kernaussagen aufgeschrieben sind. In welcher Hinsicht unterscheidet sie das von anderen Religionen?

Einige Religionen zeichnen sich dadurch aus, dass es für sie eine „Heilige Schrift“ gibt und keine Götzen oder Naturereignisse, die man anbetet. In unserem Zusammenhang ist es interessant, dass das Christentum lange Zeit von Priestern, Mönchen und Nonnen vermittelt wurde, die Zugang zur Schrift hatten, während das Volk, dem sie predigten, nicht lesen und schreiben konnte. Unterdessen ist dies anders. Die Bibel ist allgemein zugänglich – wie Geschriebenes überhaupt.

5. Erstarrte Kommunikation?

Wer schreibt, muss innehalten. Im Gegensatz zu all den vorbereitenden Handlungen (Recherche, Gespräch) ist das Schreiben eine stille Tätigkeit, bei der man konzentriert vor sich hin blickt. Darauf weist die folgende Frage hin:

Beschreiben Sie einen Menschen, der schreibt. Warum werden gerade diese Körperhaltung, diese Mimik, diese Bewegungen usw. ausgeführt?

Die Studierenden entdeckten im Schreiben allerdings überraschend viel Bewegung. Sie erinnerten daran, dass (durch die portablen Schreibtechniken unserer Zeit) viele Körperhaltungen möglicht sind, nicht nur das vornübergebeugte Sitzen.
Interessanterweise empfehlen verschiedene Schreibtrainer (z.B. Natalie Goldberg, Daniel Perrin) ein bewegtes Schreiben.

6. Stumme Kommunikation

Schreiben ist heutzutage eine stumme Tätigkeit. Ich empfehle zwar immer, beim Schreiben zu reden und sich selbst zuzuhören. Aber dies ist durchaus nicht notwendig, um einen Text hinzukriegen. Es wird ganz im Gegenteil als Errungenschaft der Schriftkultur gesehen, dass diese Verknüpfung zwischen dem Schreiben und dem Reden weitgehend aufgehoben werden kann.

Diese Gedanken liegen der folgenden Frage zugrunde:

Welches sind die Vorteile eines SMS gegenüber einem Telefonanruf?

Die Antworten im Seminar waren vielfältig. Viele Vorzüge der Schrift wurden auch hier genannt. Aber ein Schwerpunkt ist, dass es eine stumme Form Kommunikation ist: Wer ein SMS schreibt – zum Beispiel in der Eisenbahn – stört die Umgebung kaum. In der Vorlesung kann man problemlos unter dem Tisch SMS verschicken, ohne dass es bemerkt wird (schwierig ist dies nur für den Dozenten).

Diese Eigenschaft der Schrift wurde auch bei dieser Frage genannt:

In manchen Bussen des Stadtverkehrs werden die Haltestellen nicht ausgerufen, sondern mit einer Leuchtschrift angezeigt. Warum?

Allerdings fiel es da auch auf, dass durch die Schrift gewisse Menschen ausgeschlossen werden können – in diesem Fall Blinde und Sehbehinderte. Dagegen können sich Gehörlose auf diese Weise besser orientieren. Interessanterweise fiel auch auf, dass ein elektronisches Schriftband im Bus als fortschrittlich interpretiert wird. Nicht nur, dass der Busfahrer entlastet ist: Auch die Fahrgäste haben den Eindruck, in einem supermodernen Fahrzeug zu sitzen.

7. Das klassische Medium für Information

Wir leben in einer Zeit der audiovisuellen Medien. Und damit meinen wir animierte Bilder, die meistens von Tönen begleitet werden. Dennoch wird die meiste Information schriftlich festgehalten. Gerade da, wo scheinbar alles möglich ist – im Fernsehen oder im Internet – ist es doch eigentlich erstaunlich, wie viel über die Schrift funktioniert. Deshalb die Frage:

Das World Wide Web ist audiovisuell. Aber die meisten Inhalte im World Wide Web sind geschriebene Texte. Warum?

Die Antworten der Gruppe gingen in ganz verschiedene Richtungen. Sie nannte u.a. technische, ökonomische, rechtliche Gründe.

7.1 Schreiben ist praktisch

Schreiben ist nicht nur eine raffinierte Form, sprachliche Information präzise wiederzugeben, sondern es ist auch eine schnelle und billige Technik, die leicht überall anzuwenden ist (wenn man sie erst einmal erlernt hat). Am Computer braucht man nicht mehr als die Tastatur und einen einfachen Text-Editor. Im sonstigen Alltag reichen ein Blatt Papier und irgendein Stift – im Notfall auch ein sandiger Boden und ein Finger. Wer nur Texte ins Internet setzt, braucht sich nicht mit Photoshop oder Audacity herumzuschlagen, sondern kann eine Fähigkeit, die er von klein auf erworben hat, anwenden

7.2 Schreiben ist eindeutig

Hier wurde auch nochmals darauf erwähnt, dass das Schreiben Komplexität reduziert. Während ein Bild für viele Interpretationen zugänglich ist, bringt ein Satz das Gemeinte (oft) auf den Punkt. Hinzu kommt, dass sich mit der Verwendung von Bildern sehr schnell die Frage der Urheberrechte aufdrängt, während man die Rechte am eigenen Text leichter überschaut.

8. Schrift lässt neue Stile entstehen

Schreiben steht aber vor allem im Gegensatz zum Sprechen. Im Laufe der Zeit haben sich nicht nur viele Verwendungsmöglichkeiten der Schrift entwickelt (schöne Literatur, Fachliteratur usw.), sondern auch unterschiedliche Stile. Heutzutage kann man zudem in mancher Hinsicht generell „geschriebene“ Sprache von „gesprochener“ Sprache unterscheiden. Deshalb die Frage:

Wenn ein Redner einen geschriebenen Text abliest, anstatt frei zu formulieren, merkt man das gewöhnlich sofort. Woran?

Die Antwort enthielt nicht nur die Beobachtung, dass Abgelesenes anders klingt (Rhythmus, Melodie, Lautstärke), sondern auch dass am Satzbau und anderen Merkmalen leicht erkennbar wird, dass ein Text aufgeschrieben und nicht spontan gesprochen ist. Die Schrift hat darauf hingewirkt, dass Aufbau, Argumentationsstruktur, Synax, Wortschatz usw. sich ganz anders ausgeprägt haben. Gerade die Beobachtung von „gesprochener“ Sprache in der Öffentlichkeit (Radio, Parlament), zeigt deutlich, dass die geschriebene Sprache auch wieder die gesprochene beeinflusst.