Kategorie-Archiv: TIPPS

Regeln und Ratschläge

Seid misstrauisch, wenn einer Einfaches kompliziert sagt!

Wer sich absichtlich kompliziert ausdrückt, will vielleicht um den heißen Brei reden. Das Zaubermittel gegen Geschwurbel heißt Portionieren. Wer aus einem komplizierten Satz mehrere einfache Sätze macht, überblickt den Inhalt besser, deckt Unstimmigkeiten auf und hat eine gute Ausgangsbasis für verständlicheres Formulieren.

„Deutschland ist mal wieder dran“

Deutschland soll sich wieder als Austragungsort für die Olympischen Spiele bewerben. In Frage kommen die Städte Hamburg und Berlin. Bild am Sonntag interviewt Alfons Hörmann, den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes. Zuerst ganz einfach:

Herr Hörmann, alle Bewerbungen für Olympische Spiele in den letzten 20 Jahren gingen krachend daneben. Wie stehen die Chancen diesmal?
Alfons Hörmann (54): Wenn wir nicht der festen Überzeugung wären, dass wir gute Chancen haben, würden wir uns nicht bewerben. Der feste Glaube an den Sieg motiviert uns, anzutreten. Ich finde, Deutschland ist mal wieder dran.
Was muss besser laufen, damit wir uns nicht wieder blamieren?
Wir müssen mit der Stadt, die wir auswählen, den Bürgerentscheid gut vorbereiten. Wir sind schon jetzt viel kommunikativer unterwegs. Sowohl in Berlin als auch in Hamburg wird schon wesentlich mehr mit den Bürgern kommuniziert als das vor einem Jahr in München der Fall gewesen ist. (Bild am Sonntag, 2.11.2014)

Bis jetzt habe ich alles verstanden. Wenn man die Bürger entscheiden lassen will, muss man halt viel kommunizieren, damit die Bürger nicht falsch entscheiden. Dann aber folgt der gloriose Satz:

Die grundsätzliche Zustimmung von nahezu 80 Prozent in Berlin und Hamburg muss nun zu einer mehrheitlichen Zustimmung auch zum konkreten Bewerbungskonzept der gewählten Stadt werden.

Die grundsätzliche Zustimmung muss zur mehrheitlichen Zustimmung werden? Was soll das? Der Redner flüchtet sich in Substantivierungen. Der Sinn erschließt sich nicht direkt.

Substantivierungen werden gebraucht, wenn man nicht konkret werden will. Sie dienen zur Verschleierung. Aufgelöst heißt der Satz:

In Berlin und Hamburg haben nahezu 80 Prozent (der von Forsa befragten) zugestimmt.
Sie haben aber nicht dem konkreten Bewerbungskonzept ihrer Stadt zugestimmt.

Wenn man nur schon auf diese Weise umformuliert, wird klar: Hier fehlen Informationen. Welche? – Lasst uns googeln!

Für jede Meinung eine passende Mehrheit

Wer über besagte Umfrage mehr wissen will, kommt  irritierenderweise zu unterschiedlichen Darstellungen – scheinbar auf Grund derselben Zahlen:

Laut einer repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa gerade im Auftrag der Berliner Zeitung durchgeführt hat, gibt es nur eine hauchdünne Mehrheit für eine Berliner Bewerbung. 52 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, 46 Prozent dagegen. Olympia-Gegner wie auch Befürworter haben in den vergangenen Wochen betont, dass eine breite Akzeptanz der Bevölkerung unerlässlich sei für eine mögliche Bewerbung. Diese Bedingung ist demnach noch nicht erfüllt. (Berliner Zeitung, 7.8.2014)

Der DOSB dagegen stellt die Sache so dar:

Einer vom DOSB in Auftrag gegebenen repräsentativen Forsa-Umfrage von Anfang September 2014 zufolge würden es mehr als drei Viertel der Bürgerinnen und Bürger in den beiden Städten begrüßen, wenn Olympische und Paralympische Spiele wieder in Deutschland stattfänden: In Hamburg sind es 80 Prozent und in Berlin 79 Prozent. Dies entspricht auch dem Ergebnis anderer repräsentativer Umfragen in ganz Deutschland. (Mitteilung des DOSB vom 28.10.2014)

Die Lösung liegt darin, dass die Befragten zwei Mal antworten mussten: einmal zur Frage, ob sie Olympische Spiele in Deutschland wollen, und dann ob sie Olympische Spiele in der eigenen Stadt wollen. Olympia in Deutschland ist fein, Olympia in der eigenen Stadt viel weniger.

Das führt dann halt zu unterschiedlichen Texten, je nachdem, auf welcher Seite man steht. Und zum Geschwurbel im Interview. Zum Glück hat der DOSB eine klare Strategie, wie es der Präsident in seinem Interview in bewährter militärischer Phraseologie demonstriert:

Entscheidend wird zudem sein, dass wir unsere eigenen Reihen team- und erfolgsorientiert geschlossen halten.

Die Reihen geschlossen halten: Wenn es nur schon für Vorgänge innerhalb des DOSB diese kriegerische Metaphorik braucht, ist es mit dem festen Glauben an den Sieg wohl nicht so weit her.

Wörtliches Zitieren kann peinlich werden

Wie wird man einem Informanten gerecht? – Meistens nicht, indem man ihn wörtlich zitiert.

Es geht um ein Standard-Herbstthema: Wie bereite ich mich als Autofahrer darauf vor, dass die Straßen rutschig werden? – In diesem Fall wohl ein Abfall-Produkt vom ARD-Morgenmagazin.

Carrera gelb

(Zu dieser Illustration hat mich die SWR-Website inspiriert, von der ich aber kein Bild klauen wollte. Der Porsche ist ein Geschenk von einer Absolventin des Aufbaustudiengangs Medienwissenschaft-Medienpraxis.)

Der ARD-Jurist Kay Rodegra hat wahrscheinlich genau das gesagt, was im folgenden Abschnitt steht (aus der Internet-Präsenz des SWR). Aber ob er sich auch in dieser Form lesen will?

Bei Glatteis, Reifglätte, Schnee und Schneematsch muss mit Winterreifen gefahren werden, sonst riskiert man ein Bußgeld. Und womöglich sogar noch mehr Ärger mit der Polizei, warnt der ARD-Rechtsexperte und Rechtsanwalt Kay Rodegra:

„Die Polizei würde, wenn ich mit Sommerreifen unterwegs bin – und ich kriege ein Knöllchen für 60 Euro und einen Punkt, weil eben Schneematsch ist – dann ist es ja auch gefährlich, mit den Sommerreifen zu fahren und die Polizei würde sagen, jetzt bleibt das Auto rechts am Straßenrand stehen bis die Straße wieder trocken ist. Erst dann darf ich mit den Sommerreifen wieder nachhause fahren.“

Das Zitieren gesprochener Sprache bedeutet einen Medienwechsel. Im schriftlichen Medium muss der Stil behutsam den Regeln der geschriebenen Sprache angepasst werden – außer man wollte die Dynamik der mündlichen Situation einfangen oder den Sprecher als besonders spontan und salopp vorführen (was hier wohl beides nicht beabsichtigt ist).

Ein konsequenter Aufbau macht den Text lesbar

Manchmal sitzt man vor seiner Zeitung, trinkt einen Kaffee und ertappt sich plötzlich dabei, dass man einen Text von A bis Z gelesen hat. In solchen Fällen lohnt es sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Warum bleibe ich dran, wenn sich einer mit 10.000 Zeichen mit der Lage der deutschen Wirtschaft auseinander setzt?

Es hängt natürlich mit der Sachkompetenz des Autors und mit all den Fakten zusammen, die er auf den Tisch legt. Aber wer sich für das journalistische Handwerk interessiert, wird auch eine Erklärung in der sprachlichen Präsentation suchen.

Wie man 10.000 Zeichen bändigt

Philip Oltermann schreibt für The Guardian und The Observer. Von ihm ist das Buch Keeping Up With the Germans: A History of Anglo-German Encounters (London: Faber and Faber, 2013 – deutsch auf Anhieb nicht wieder zu erkennen dank dem Titel: Dichter und Denker, Spinner und Banker: Eine deutsch-englische Beziehungsgeschichte. Reinbek: Rowohlt, 2013). Er hat im Übrigen auch die Guardian-Artikelserie How to Write herausgegeben.

Im Observer vom 19. Oktober 2014 hat er besagten 10.000-Zeichen-Artikel geschrieben mit dem Titel:

As cracks in its economy widen, is Germany’s miracle about to fade?

Hauptaussage dieses aufwühlenden Textes: Noch vor kurzem wurde Deutschland für deine Fähigkeit gepriesen, der Krise zu widerstehen, die praktisch ganz Europa erfasst hat. Aber jetzt werden die Risse in der deutschen Wirtschaft immer weiter.

Und so ist der Text aufgebaut

Der Text beginnt mit einer Nahaufnahme: Der Autor berichtet von der Loschwitzer Brücke in Dresden, besser bekannt unter dem Namen Das Blaue Wunder.

Blaues_Wunder_01

Es ist ein Glanzstück der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts. Aber die Brücke verrostet und müsste dringend saniert werden – wenn es denn finanziell machbar wäre:

Locals call the cantilever truss bridge that connects the Dresden suburbs of Blasewitz and Loschwitz the “blue miracle”. Built in 1893 without the support of river piers, it is the kind of German engineering tour de force that could rightly claim a place in the British Museum’s current Memories of a Nation exhibition, were it not impossible to transport. However, in recent years the blue miracle has lost some its sheen…

Das Beispiel führt nahtlos zu den Finanzproblemen der Stadt Dresden, die nicht nur mit den Problemen dieser einen Brücke zu kämpfen hat:

Dresden city council is aware of the problem, but it is under financial pressure. Twenty-one million euros are being spent on overhauling the Albert bridge in the city centre, which was crumbling away so badly that bits of concrete were falling on the heads of cyclists passing underneath. The Augustus bridge, the jewel in Dresden’s eight- bridge crown, will have to come next after it was damaged by floods last year…

Im nächsten Abschnitt sehen wir über Dresden hinaus auf ganz Deutschland und den Zustand seiner Brücken und Autostraßen:

Crumbling bridges and potholed roads are a politically sensitive issue in Germany these days. Forty per cent of all bridges and a fifth of the motorway network are said to be in a “critical state”, causing traffic jams and delays up and down the country. Worse still, a growing choir of economists and politicians warn that such cracks in the country’s infrastructure are only the beginning of a much bigger problem. Germany, Europe’s model austerian, they say, is saving itself to death…

Und hier, beim letzten Satz dieses Abschnitts, sind wir sehr elegant zur zentralen Aussage gekommen: Deutschland steckt in Schwierigkeiten, und diese hängen mit seiner scheinbaren Stärke zusammen. Experten werden zitiert, die eine typisch deutsche Schwäche anprangern: die Sparsamkeit, wenn es darum geht, in die Infrastruktur zu investieren.

Dann wird das Thema noch einmal ausgeweitet:

But at least potholes can be spotted and filled. Missed investment in education, research and industry, on the other hand, might only be felt once it is too late…

Die mangelnden Investitionen in Bildung, Forschung und Industrie werden mit Zitaten und Zahlen belegt. Dies mündet in die Frage, wie nützlich eine „schwarze Null“ ist, Finanzminister Schäubles Haushaltsplan für 2015, in dem keine neue Verschuldung eingeplant ist.

Der Rest des Artikels ist der Diskussion dieses Themas gewidmet – nicht ohne den Rückverweis auf das zum Symbol aufgebauten Blauen Wunder:

But in October 2014 it is the pessimists who are setting the tone: the German economy is looking about as rusty as the blue miracle in Dresden…

Das letzte Wort hat ein Autor, der in die Zukunft blickt. Olaf Gersemann verweist auf die demographische Entwicklung und zeichnet ein trübes Bild:

“We’ve been talking about the pending demographic crisis for years, but we’ll only start to feel its impact in the next few years,” said Gersemann. “The baby boomer generation of the 50s and 60s will slowly start to disappear from the labour market. Total hours’ work will start to fall within a couple of years, depressing Germany’s growth potential.

Germany in 10 years’ time will feel so different that we will look back on today as the good old days.”

Was mich an dem Text beeindruckt, ist, wie konsequent er den Blick weitet. Er tut dies in nachvollziehbaren Schritten, ohne zu große Sprünge. Das Anfangsbeispiel, die Dresdner Brücke, bleibt immer in Erinnerung, weil es für die ganze Problematik stehen kann. Der Text liest sich flüssig, obwohl er auf viele weitere Nahaufnahmen verzichtet. Er ist linear aufgebaut. Er führt den Leser, bis er einen Überblick hat. Mehr braucht es nicht.

 

 

 

Abstrakte und konkrete Gefährdungen

In Tübingen ist das Schreibtraining des Wintersemesters angelaufen. Und plötzlich wird mir deutlich, dass dieser Blog (dieses Blog) schon seit Monaten nichts Neues zu bieten hat. Das soll anders werden – und sei es auch nur, um Themen zu ergänzen, die im Seminar nicht ausführlich genug behandelt wurden.

Wenn es um öffentliche Sprache geht – insbesondere um journalistische Sprache – gibt es ein zentrales Thema: die Trennung von eigener und fremder Rede.

Es gehört zu den journalistischen Grundkompetenzen, dass man bei jeder Aussage deutlich macht, ob sie von einem selbst oder von einem Akteur stammt. Das ist nicht nur eine Frage der Verständlichkeit, sondern vor allem auch eine Frage des Rollenverständnisses. Wer den Slang eines Politikers unhinterfragt übernimmt, macht sich zum Parteigenossen dieses Politikers. Wer die Werbephrase eines Unternehmenssprechers im eigenen Text verwendet, wird zum Mitarbeiter seines Unternehmens.

Die Regel heißt ganz einfach: Ich muss mich von allen subjektiven Äußerungen und Ausdrücken meiner Quellen distanzieren. Dies funktioniert durch direkte Rede, indirekte Rede, Anführungszeichen usw.

Aber manchmal ist die Arbeit damit nicht getan.

Fremde Rede ist oft nicht nur subjektiv, sondern auch unverständlich

Man stelle sich eine Politikerin vor, die eine Stellungnahme abgibt, und diese Stellungnahme ist ganz einfach unverständlich. Dann reicht es nicht aus, mit Mitteln der Distanzierung (indirekte Rede, Anführungszeichen usw.) die Subjektivität zu kennzeichnen. Erst wenn Verständlichkeit hergestellt ist, ist die journalistische Handlung abgeschlossen. (In seltenen Fällen kann man auch zum Mittel des Kommentars greifen und etwa die Tatsache, dass jemand absichtlch unverständlich spricht, thematisieren.)

Nur zu oft greifen Journalisten in solchen Fällen zum Werkzeug des wörtlichen Zitats. Man gibt den Satz wörtlich wieder, packt ihn zwischen Anführungszeichen. Und dann ist doch gut. Oder?

Ach ja – falls ich es noch nie gesagt habe: Der wahre Grund des Untergangs des deutschen Journalismus ist die Faulheit. Und wer einen Satz, den er nicht verstanden hat, einfach so wiedergibt, schubst den deutschen Journalismus ein Stück weiter in Richtung Abgrund.

Ein Beispiel:

In Ottawa, Kanada, erschoss am 22. Oktoeber 2014 ein Mann einen Soldat, der beim Nationalen Kriegerdenkmal Wache hielt, betrat dann das Parlamentsgebäude und wurde dort nach einem längeren Schusswechsel von einem Sicherheitsmann erschossen.

Wie immer, wenn auf der Welt etwas passiert, fragten sich darauf Journalisten in Deutschland: Was bedeutet das für uns in Deutschland? Sie riefe im Innenministerium an und baten um eine Einschätzung der Gefährdungslage.

Die Antwort wurde dann etwa so zusammengefasst:

Das Attentat in der kanadischen Hauptstadt Ottawa hat vorerst keine Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Deutschland. (dpa/t-online, 23.10.2014)

(Eine merkwürdige Formulierung; Anschläge in Deutschland wären wohl weniger die Auswirkung des Attentats in Kanada, sondern beides wäre die Auswirkung eines ihnen zu Grunde liegenden Ereignisses. Aber lassen wir das.)

Auch die Südwestpresse hat in ihre Berichterstattung pflichtbewusst einen Hinweis auf die Stellungnahme des Innenministeriums eingebaut. Sie tat dies folgendermaßen:

Die deutschen Behörden sehen nach dem Anschlag von Ottawa keine erhöhte Gefährdungslage in Deutschland.
Die Bundesrepublik „steht nach wie vor im Fokus des dschihadistischen Terrorismus“, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums.
Daraus resultiere „eine abstrakt hohe Gefährdung für die innere Sicherheit, die jederzeit in Form von Anschlägen unterschiedlicher Dimensionen und Intensität real werden kann“. (SWP, 24. 10. 2014)

Frage Nummer 1: Wie hängen der erste und der zweite Satz zusammen? (Wäre z.B. ein „aber“ nützlich?)

Frage Nummer 2: Was bedeutet „eine abstrakt hohe Gefährdung“?

Frage Nummer 3: Wenn die Gefährdung jederzeit „real werden kann“ – bedeutet das, dass sie nicht real ist? (Nun gut – das ist spitzfindig. Also zurück zur Frage Nummer 2:)

Von einer „abstrakt hohen Gefährdung“ haben viele Zeitungen und Newsportale berichtet. Das wurde wahrscheinlich genau so gesagt. Was es bedeuten mag, ist zumindest für einen Nichtjuristen schwer zu ergründen. Und ich vermute, dass keiner der Journalisten so richtig verstanden hat, was gemeint war.

Abstrakt hoch?

Wikipedia unterscheidet zwischen abstrakten und konkreten Gefährdungsdelikten. Der betreffende Artikel ist aber leider nicht gerade leicht zu verstehen, u.a., weil ein Zusammenhang mit dem Begriff „Erfolgsdelikt“ hergestellt wird und der betreffende Artikel wiederum etwas viel juristische Vorkenntnisse verlangt.

Aber es ging ja gar nicht um ein Delikt, sondern nur um eine Gefährdung. Und das scheint ein noch weniger klarer Begriff zu sein. Wenn man es verstanden hat, könnte man es in indirekter Rede verständlich neu formulieren. Wenn man es nicht verstanden hat, müsste man zum Telefonhörer greifen. Da die Sprecherin zudem nicht einmal von einer abstrakten Gefährdung, sondern von einer abstrakt hohen Gefährdung gesprochen hat, wäre dies sicher angezeigt.

Da müsste man aber, wie gesagt, einer großen und sehr konkreten Gefährdung des deutschen Journalismus zu Leibe rücken: der Faulheit.

Anmoderation, Lead: Eine Frage muss offen bleiben

Es wäre an der Zeit, einmal etwas Nettes über die Wirtschaftsredakteure der Süddeutschen zu sagen. Sie bieten jeden Tag ein paar Themen so an, dass auch einer neugierig wird, der keine Spezialkenntnisse hat.
Die „Aufräumarbeiten“ rund um die Pleite der Baumarktkette Praktiker sind heute das erste Thema auf der Wirtschaftsseite. Und das ist der Vorspann (oder der Lead oder die Unterzeile – na ja, einfach die luxuriösen 200 Zeichen, die die Redaktion zur Verfügung hat, um den Leser von der Überschrift in den Text zu locken):

Vor einem Jahr ging Praktiker, Deutschlands drittgrößte Baumarktkette, pleite: Tausende verloren ihren Job, Gläubiger bleiben wohl auf hohen Schulden sitzen. Nun geht die Staatsanwaltschaft einem schweren Verdacht nach.

Dieser einfache Text zeigt, wie ein gelungener Vorspann konstruiert ist. (Das Gleiche gilt aber auch für eine attraktive Anmoderation im Radio oder Fernsehen.) Die Regel lautet:

Lass eine Frage offen.

Die Lösung der Süddeutschen ist  völlig unaufgeregt  Die ersten drei Sätze bilden einfach den Anschluss an die Vorgeschichte, einfach und verständlich. Und der letzte Satz weckt die Neugier: Worin besteht dieser Verdacht?

Ich durfte diese Woche eine Diskussion unter erfahrenen Moderatorinnen und Moderatoren verfolgen, in der es genau um diese Frage geht: Wie formulieren wir „Teaser“, die das Publikum neugierig machen? Interessant war, dass diese scheinbar auf der Hand liegende Lösung nicht immer gelingt. Warum nicht? Weil man zu viel voraussetzt, eine Frage stellt, die nicht auf Anhieb verstanden wird.

Die Frage, die offenbleibt: Sie muss sich selbstverständlich an die Vorinformationen anschließen. Das ist die Kunst. Die Leserin, der Leser muss auf eine Zusatzinformation neugierig sein – nicht etwa auf die ganze Information. Die Frage, die geweckt wird, lautet also nicht: „Was ist passiert?“, sondern: „Was ist noch passiert?“ – „Wie …?“ – „Warum …?“
Nur wer genug Vorinformationen hat, an die die Frage anschließen kann, liest weiter. Für mich ist z.B. der letzte Satz im Vorspann bei focus.de völlig unverständlich:

Fünf frühere Vorstände der insolventen Praktiker-Baumärkte stehen im Verdacht der Insolvenzverschleppung. Die Staatsanwaltschaften an zwei Ex-Firmensitzen ermitteln parallel. Dabei behindert sie das muntere Bäumchen-wechsle-dich-Spiel in der Konzernspitze in den Jahren vor der Insolvenz.

Der letzte Satz weckt ganz klar eine Frage:Wie wird das Spiel behindert? Aber sie folgt nicht aus den Vorinformationen der ersten beiden Sätze sondern aus dem (vermuteten) Vorwissen des Lesers. Wer dieses nicht hat (und nicht weiß, das mit dem munteren Bäumchen-wechsle-dich-Spiel gemeint ist), wird kaum weiterlesen. Bei ihm wurden mindestens zwei Fragen geweckt. Und es wurde ihm auch demonstriert, dass er bei diesem Thema ein Außenseiter ist. (Im Übrigen ist aus rein grammatikalischen Gründen nicht ergründbar, wer im letzten Satz Subjekt ist.)

Also auch hier – wie immer bei Nachrichten: Einfach sagen, was passiert ist. Und dann Neugier wecken durch das Versprechen einer Zusatzinformation.

Storytelling, Teil 10:
 Storytelling: Versuch einer Definition

Dies ist ein aus aktuellem Anlass nachgeschobenes Kapitel: ein Versuch, einen Begriff zu klären, der längst zum Schlagwort geworden ist.

„Storytelling“ wird oft generell für gelungene professionelle Kommunikation genutzt – unabhängig davon, ob es um Stories geht oder nicht.

Dass gerade dieser Begriff aufgetaucht ist, hängt damit zusammen, dass das Erzählen als besonders attraktive Kommunikationsform gilt. (Attraktiv für das Publikum: Es erlebt, wie Menschen von einem Zustand in einem anderen geraten, was ihnen dabei angetan wird, wie sie sich dabei bewähren usw. – Attraktiv für den Kommunikator: Traditionelles Erzählen stellt einen Erzähler in den Mittelpunkt, an dessen Lippen die Zuhörer hängen. In dieser Vorstellung hat der Kommunikator eine starke Position. – Attraktiv für den Akteur (dargestellte Personen, Unternehmen usw.): Gegenstand einer Geschichte zu sein, macht einen interessanter als z.B. Gegenstand einer Folge von Behauptungen, einer Erörterung usw.

Im engeren Sinn steht Storytelling im Kontext von Journalismus, Marketing, Personalführung usw. für die vermehrte Verwendung erzählerischer, personalisierter Inhalte für Zwecke, die früher mit sachlicher Information und rationaler Argumentation erreicht wurden.

Definition:

Storytelling ist die Strategie, das Erzählen als Ersatz oder Unterstützung anderer sprachlicher Handlungsformen einzusetzen.

Beispiele für Erzählen als Ersatz:

  • Statt ein Produkt anzupreisen, erzählt man eine Geschichte, in der dieses Produkt eine wichtige Rolle spielt.
  • Statt die Funktion eines Gegenstands zu erklären, erzählt man die Geschichte eines Nutzers.
  • Statt eine Haltung zu begründen, erzählt man eine Geschichte, in der sich diese Haltung bewährt hat.

Beispiele für Erzählen als Unterstützung:

  • Die explizite Werbebotschaft wird plausibel gemacht, indem man sie mit einer Geschichte kombiniert.
  • Die Funktion eines Gegenstand wird erklärt und durch eine Geschichte illustriert.
  • Eine Haltung wird durch ein Argument begründet und durch eine Geschichte ergänzt.

Das Wort „Storytelling“ wird deshalb oft verwendet, wenn traditionelle Textsorten (z.B. journalistische Berichte, populärwissenschaftliche Texte) erzählerische Passagen enthalten.

In Marketing und Personalmanagement werden mit dem Etikett Storytelling Verfahren des Erzählens für Aufgaben verwendet, die lange vernachlässigt wurden oder die als schwierig gelten:

  • Eine Marke kann man aufbauen, indem rund um das Produkt Mythen (von seiner Entstehung, von seinem Kultcharakter usw.) erzählt werden.
  • In Unternehmen können alternative Praktiken bekannt gemacht werden, indem die Geschichten erfolgreicher Mitarbeiter verbreitet werden.
  • In einer beliebigen Organisation, in Vereinen, im Staat kann die Identifikation der Mitglieder gestärkt werden, indem die eigene Geschichte erzählt wird.

Historische Hinweise:

Storytelling ist in den 1990er-Jahren zum Schlagwort geworden. Parallel dazu hat in den medienwissenschaftlichen Fächern die Analyse narrativer Strukturen zugenommen (oft inspiriert von Erzähltheorien, wie sie in der Literaturwissenschaft seit den 1950er-Jahren entwickelt wurden).

Storytelling ist eng verwandt mit dem Begriff des Personal Branding: Politiker, Künstler, Jobsuchende konstruieren ihre persönliche Geschichte oder lassen sie sich von Profis auf den Leib schneidern. Ihr Ziel ist, die Wirkung ihrer öffentlichen Auftritte zu verbessern oder auch ihre private Bewerbungsstrategie zu optimieren.

Vgl. kritisch dazu die Bücher von Christian Salmon, u.a.:

  • Salmon, Christian (2008): »Storytelling. La machine à fabriquer des histoires et à formater les esprits.« Paris: La Découverte.

Storytelling, Teil 8:
 Der erzählerische Einstieg

Im Journalismus kann der Storytelling-Hype einen wichtigen positiven Effekt haben: Er erinnert an einige stilistische Stärken, die man leicht vergisst. Wer sich rechtzeitig erinnert, zu erzählen, kann diese Stärken nutzen – vorausgesetzt, er ordnet sie dem journalistischen Hauptziel (Berichten, Kommentieren usw.) unter. Wenn du weißt, was dein Ziel ist, dann bist du auch in der Lage, zu erzählen. Und zwar genau so viel wie nötig.

Ein erzählerischer Einstieg

Wer in einer Küche steht und kocht, atmet oft ungesunde Stoffe ein, zum Beispiel Fette, die in der Bratpfanne verdampfen. Deshalb gibt es Dunstabzugshauben. Diese sollen die Stoffe an der Nase vorbei saugen und festhalten oder ins Freie befördern. Leider wirbeln Dunstabzugshauben auch weitere Problemstoffe auf, die aus Küchenmöbeln und Apparaten stammen. Das macht das Kochen gefährlich.

Das ist Stoff für einen kurzen Beitrag.

So, wie ich ihn hier zusammengefasst habe, präsentiert er sich argumentativ: Es gibt das Problem A. Dagegen setzt man die Lösung B ein. Leider entsteht dadurch das Problem C.

Der Autor, der das Thema SWR2 recherchiert hat, fängt seinen Beitrag dementsprechend an:

Sie zählt zur Grundausstattung jeder Küche: die Dunstabzugshaube. Beim Braten oder Kochen am Herd saugt sie den Küchendunst ab und erzeugt so ständig einen Luftstrom. (SWR 2 Impuls, 17.3.2014)

Er präsentiert also den Gegenstand. Darauf lässt er in einem O-Ton die Hauptperson des Beitrags, einen Chemiker, zu Wort kommen:

(O-Ton:) „Die Luft strömt um uns rum. Ein Teil landet in der Dunstabzugshaube, einen Teil atmen wir auch ein. Und dieser Teil, den wir einatmen, den sehen wir als Problem.“

Damit ist klar: Der Beitrag thematisiert ein Problem und dessen Lösung.  Das ist einer der gängigen Texttypen bei einem nicht tagesaktuellen Sachthema. Es entspricht dem Denken eines Wissenschaftlers, der schließlich im Zentrum des Beitrags steht. Es entspricht der Sache. Also ist alles o.k.

Es ginge aber auch etwas attraktiver, nämlich erzählerisch. Dabei soll nicht aus einer Problemlösung eine Erzählung werden. Aber die Erzählung kann zu Problemstellung hinführen.

Beispiel 1: Die Köchin

Praktisch auf der Hand liegt die Idee, aus dem geschilderten Sachverhalt eine Geschichte zu machen:

XY, Köchin im Hotel Adler in Wolfach, brät ein 400-Gramm-Steak. Es riecht nach Gewürzen und Fett. Die Dampfabzugshaube läuft auf Hochtouren… Usw.

Damit würde ein Einstieg entstehen, der im Hörer Interesse für Protagonistin XY weckt. Ob die Idee wirklich trägt, hängt genau von diesem Interesse ab. Wenn XY im Beitrag weiter eine Rolle spielt und man Weiteres über sie erfährt, kann ein derartiger erzählerischer Einstieg hilfreich sein. Wenn nicht, bleibt er ein reiner Lockvogel, dem man anmerkt, dass er ad hoc erfunden wurde.

Beispiel 2: Der Wissenschaftler

Eine interessante Erzählmöglichkeit enthält aber der Originalbeitrag selbst, gleich etwas später. Da heißt es nämlich:

Walter Vetter, Professor für Lebensmittelchemie an der Universität Hohenheim. Der Hochschullehrer ist besorgt, weil seine Arbeitsgruppe untersucht hat, welche Schadstoffe in der Küchenluft vorhanden sein können. Dabei stieß sie auf bedenkliche Flammschutzmittel…

Mit anderen Worten:

Lebensmittelchemiker Walter Vetter steht im Labor. Er untersucht, was alles Schädliches in der Küche herumschwirrt. Um das herauszufinden, geht er dorthin, wo sich die Schadstoffe am konzentriertesten sammeln: am Filter der Dunstabzugshaube. Er findet aromatische Kohlenwasserstoffe und Nitrosamine – all die üblichen Verdächtigen. Aber Vetter staunt nicht schlecht, als er auch auf Gifte stößt, die nichts mit den Nahrungsmitteln zu tun haben….

Der Autor ist auf eine Entdecker-Geschichte gestoßen. Er kann von einer Forschungsreise erzählen, die eine überraschende Wendung nimmt. Dies ergibt einen Einstieg aus der Perspektive der Forscher. Er hat den Vorzug, dass der Held im Beitrag ohnehin eine tragende Rolle spielen wird.

Ein erzählerischer Einstieg ist fast immer besser als ein Einstieg über eine Definition (in diesem Fall noch die Definition eines sehr vertrauten Gegenstands). Er funktioniert dann, wenn etwas Spezifisches geschildert wird (also kein 05.15-Beispiel, dem man sofort anmerkt, dass es erfunden ist). Er hat seine Berechtigung dann, wenn die Menschen und das Ereignis auch im Rest des Textes vorkommen.

Ein juristisches Thema – einfach und verständlich

Wenn es um Recht und Gerechtigkeit geht, sollten alle mitreden können. Dennoch gilt die Sprache der Juristen als besonders kompliziert. Juristische Texte sind für Normalbürger oft wenig verständlich. Um so schöner, wenn es gerade ein Artikel zu einem juristischen Thema ist, der als Paradebeispiel für Verständlichkeit dienen kann:

Mord und Totschlag – Maas will Strafrecht reformieren

Heribert Prantl und Robert Rossmann informieren auf der Titelseite der Süddeutschen in einem kurzen Text über ein spannendes Stück Strafrecht.

Mord und Totschlag:

Eine Menge an Verständlichkeitsproblemen entstehen dadurch, dass die juristische Fachsprache viele Begriffe enthält, die gleich klingen wie Alltagswörter aus unserer Umgangssprache. Als Journalist übernimmt man leicht einen solchen Begriff und übersieht, dass man ihn erklären muss. Mord ist ein solcher Stolperstein.

Sherlock Holmes und Professor Moriarty im Kampf an den Reichenbachfällen
Sherlock Holmes und Professor Moriarty im Kampf an den Reichenbachfällen. (Public Domain, zu finden bei Wikipedia.)

Wer diesen Text Schritt für Schritt liest, kann daraus lernen, wie man einen Hintergrundbericht verständlich schreibt.

1. Die Nachricht

Der Text beginnt mit einem Nachrichtensatz:

Bundesjustizminister Heiko Maas will die Paragrafen zu Mord und Totschlag ändern.

Damit haben wir den Küchenzuruf. Es ist alles drin, was in den ersten Satz einer Nachricht gehört. In elf Wörtern ist die Frage: Wer tut was? beantwortet.

2. Der Anlass

Der zweite Satz verweist auf den Anlass der Nachricht und auf ihre Quelle.

Der SPD-Politiker sagte der Süddeutschen Zeitung, bei den Tötungsdelikten im Strafgesetzbuch gebe es einen „gesetzgeberischen Regelungsbedarf“. Er strebe deshalb „noch in dieser Legislaturperiode“ eine Änderung an.

(Der SPD-Politiker sagte der Süddeutschen Zeitung… ist nicht nur eine Quellenangabe, sondern auch ein Hinweis in eigener Sache: Mit diesem Artikel auf der Titelseite soll das Interview mit dem Politiker, das im Innern der selben Ausgabe steht, verkauft werden.)

Zugegeben – diese Absichtserklärung hätte man auch ohne die hässlichen Politikerausdrücke wiedergeben können. Aber dann fangen sich die Autoren wieder auf. Sie sagen knapp, worum es geht:

Ziel sei es, Mord besser zu definieren.

3. Die Leserperspektive

Als einfacher Bürger und Krimileser fragt man sich: Warum das Ganze? – Deshalb wird jetzt die Perspektive gewechselt und die Sache gerade mit dieser Fragestellung weiter erklärt:

Maas sagte, viele Laien verstünden unter Mord eine geplante, genau überlegte Tötung – und unter Totschlag eine Tötung im Affekt.

Ist es denn nicht so? Mich hat dieser Satz überrascht. Deshalb habe ich weitergelesen:

Ungefähr so sei es auch bis 1941 geltendes Recht gewesen. Dann haben die Nationalsozialisten jedoch die Mordmerkmale geändert.

Es geht also um eine Altlast von den Nazis. Eine weitere juristische Altlast, fast 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Für mich ist das ein Köder, ein Satz, der mich motiviert, weiterzulesen.

4. Die Erklärung

Fast unmerklich ist die indirekte Rede in eigene Rede übergegangen. Vom Konjunktiv sei… im vorletzten Satz ging es über zum Indikativ haben… im nächsten Satz. Die Autoren zitieren nicht mehr. Sie sprechen selbst. Denn es ist ihre Aufgabe, den juristischen Sachverhalt zu erklären. Ein Minister ist keine akzeptable Quelle für Rechtsgeschichte. Er soll zu seinen eigenen Argumenten Auskunft geben; für die fachlichen Erklärungen sind die Journalisten zuständig.

Prantl und Rossmann zitieren das Strafgesetzbuch – so, wie es von den Nazis formuliert worden ist:

Seitdem heißt es im Strafgesetzbuch, Mörder sei, „wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam (…) einen Menschen tötet“.

Und dann folgt der Kern des Problems:

Die Rechtsprechung zum Mord orientiert sich deshalb bis heute am Leitbegriff der „niedrigen Beweggründe“, der einen Tätertyp beschreibt, wie ihn sich die Juristen im Dritten Reich vorstellten.

Noch im Jahr 2014 wird also in der Rechtssprechung die Nazipsychologie verwendet:

In der Praxis ist der Unterschied zwischen einem Mord und einem Totschlag auch deshalb oft nicht genau zu ziehen. „Mord und Totschlag entsprechen so, wie sie in den Paragrafen 211 und 212 definiert sind, nicht der Systematik des Strafgesetzbuches“, sagte Maas. Es seien „täterbezogene Delikte“, das Strafgesetzbuch gehe „ansonsten aber von tatbezogenen Delikten aus“.

Und hier lassen die Autoren wieder den Minister zu Wort kommen. Weil es darum geht, diese Vorgaben zu bewerten, wird hier wieder zitiert:

Der geltende Mordparagraf beschreibe „also nicht, wann eine Tat ein Mord ist“. Stattdessen beschreibe er „einen Menschentypus mit moralisch aufgeladenen Gesinnungsmerkmalen wie ,niedrige Beweggründe‘ oder ,Heimtücke‘“. Das sei „noch immer die beklemmende Beschreibung eines Mörders, wie ihn sich die Nazis vorgestellt haben“.

Wahrscheinlich ist dies auch die Meinung der Autoren des Artikels. Aber da es eine subjektive Beurteilung ist, zitieren sie hier wieder den Minister. Immerhin ist er es ja, der den Anstoß zur Änderung der Paragrafen geben will:

Es sei „ein Verdienst der Gerichte, dass sie dieses schlechte Gesetz überhaupt anwendbar gemacht haben“, sagte Maas. Es sei jetzt Aufgabe des Gesetzgebers, „den Gerichten bessere Regelungen an die Hand zu geben“. Deswegen würden die Tötungsdelikte „einer grundlegenden Reform“ unterzogen.

5. Die Illustration

Nach einem kurzen Abschnitt über das weitere Verfahren, folgt ein drastisches, auch Laien einleuchtendes Beispiel:

Maas begründete die Reform auch mit dem sogenannten Haustyrannen-Dilemma. Ein Mann, der seine Frau erschlägt, kommt bisher womöglich mit Totschlag davon, also mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe. Die Ehefrau, die jahrzehntelang von ihrem Mann gequält worden ist, und den Haustyrannen vergiftet, bekommt aber automatisch „lebenslänglich“, da der Einsatz von Gift als heimtückisch gilt und damit immer als Mord geahndet werden muss. Der Minister will mit der Reform des Mordparagrafen auch dieses Dilemma lösen.

6. Ginge es noch attraktiver?

Der Artikel ist einfach und linear aufgebaut. Das Thema wird genannt, eingeordnet, erklärt, illustriert. Das macht ihn verständlich, aber natürlich könnte man ihn sich attraktiver vorstellen. Dass er diese sachliche Struktur hat, hängt damit zusammen, dass er auf der Titelseite steht und den Anspruch hat, eine Nachricht wiederzugeben.

Wenn dies nicht so wäre, hätten die Autoren die Informationen anders angeordnet. Sie wären mit einem attraktiven Sachverhalt eingestiegen (mit den niedrigen Beweggründen oder mit dem Haustyrannen-Dilemma) und hätten daraus das Problem entwickelt. Dennoch ist es auch hier gelungen, ein Thema einzugrenzen und auf einige wesentliche Aussagen zu reduzieren, so dass es informativ und verständlich rüberkommt.

Hat Merkel wirklich gewarnt?

Verben der Redewiedergabe bauschen oft Unspektakuläres auf.

Angela Merkel hat mit dem ukrainischen Staatspräsidenten telefoniert:

Sie drückte ihre Bestürzung über die jüngsten Gewaltausbrüche in Kiew aus und verurteilte sie scharf. Die Bundeskanzlerin betonte, es liege in der Verantwortung des Staates, die freie Meinungsäußerung und friedliche Versammlungen zu schützen.

So schreibt es die Pressestelle Angela Merkel selbst sagte am Donnerstag, 23. Januar 2014.

In den aktuellen Nachrichten heißt es:

Merkel warnt Janukowitsch vor weiterem Blutvergießen (faz.net, 22.1.2014)

Hat sie wirklich gewarnt? Das kann natürlich außer ihr und ihrem Gesprächspartner niemand sagen. An der Pressekonferenz hat sie selbst Folgendes gesagt:

Wir erwarten von der ukrainischen Regierung, dass sie die demokratischen Freiheiten, insbesondere die Möglichkeiten zur Demonstration, zu friedlichen Demonstrationen, sichert, dass sie Leben schützt, dass Gewaltanwendung äh nicht stattfindet…

Sie hat also eine Erwartung ausgedrückt. Und danach in ihrer eigenen Darstellung gesagt:

… und wir sind aufs Äußerste besorgt, und nicht nur besorgt, sondern auch äh empört darüber, in welcher Art und Weise Gesetze durchgepeitscht wurden, die diese Grundfreiheiten doch in Frage stellen.

Das ist keine Warnung. Auch das Folgende nicht:

Deshalb wird die Bundesrepublik Deutschland äh intensiv darauf hinwirken, dass das, was ein Grundrecht ist, nämlich das Demonstrationsrecht, von der ukrainischen Opposition genutzt werden kann.

Vielleicht ist das ein Versprechen. Eine Warnung ist das wohl auch nicht. Und zum Schluss pädiert und betont sie:r

Wir plädieren dafür, dass darüber auch Gespräche geführt werden zwischen der ukrainischen Regierung und der Opposition. Und ich betone noch einmal, dass es die Aufgabe jedweder Regierung ist, solche Möglichkeiten der freiheitlichen Meinungsäußerung auch sicherzustellen und dass dies zur Zeit nach unserer Auffassung innerhalb der Ukraine nicht äh möglich ist und nicht ausreichend möglich ist.

Wo ist da die Warnung?

Wir erwarten, wir sind besorgt, wir werden intensiv darauf hinwirken…– Das sind viele verschiedene Verben der politischen Verlautbarung. Eine Warnung ist etwas anderes. Dennoch schreiben Journalistinnen und Journalisten in solchen Fällen reflexartig: Merkel warnt…

Warum fragt eigentlich in solchen Fällen niemand, wovor hier gewarnt wird? Eine Warnung wäre es gewesen, wenn Merkel gesagt hätte:

Pass auf, wenn du weiter so vorgehst, wird etwas Schlimmes passieren.

Sie hat das ziemlich sicher nicht gesagt. Sie hat offenbar auch nicht gedroht, was sich etwa so angehört hätte:

Pass auf, wenn du weiter so vorgehst, werden wir dich…

Wahrscheinlich hat sie wenig Mittel für eine Drohung und sieht auch den Sinn für eine Warnung nicht ein. Laut ihren Worten hat sie ihm ins Gewissen geredet. Und laut einhelliger Meinung der Presse waren es ungewöhnlich deutliche Worte. Sachgemäß sind wohl die Meldungen, in denen einfach steht:

Merkel kritisiert Janukowitsch

Ob es außerhalb Deutschlands wahrgenommen wird, weiß kein Mensch. Wir aber merken uns ein kleines Verb der Redewiedergabe, das fast immer falsch verwendet wird, das Verb warnen.

Warnen wird oft verwechselt mit Drohen. Politikerinnen und Politiker tun dies meist absichtlich. Sie sagen warnen, wenn sie eigentlich drohen. Und die Berichterstatter übernehmen das. Wahrscheinlich hätte Merkel dem ukrainischen Präsidenten gerne gedroht. Das haben die Journalisten intuitiv gespürt. Und deshalb ist ihnen das Verb warnen ganz automatisch in die Finger geflossen.

Die Süddeutsche, die am 27. Januar 2014 auf die schwierige Interessenlage hinweist (Die EU will es sich mit Janukowitsch nicht gänzlich verscherzen), titelt deshalb treffend:

Drohen, aber nur ein bisschen

 

Ist Merkel empört?

Wer sich um klare journalistische Sprache bemüht, hat eine große Hauptaufgabe: eigene und fremde Aussagen zu trennen.

Im Anschluss an die Regierungsklausur in Meseberg hat sich die deutsche Bundeskanzlerin zu den Ereignissen in der Ukraine geäußert. Sie sagte bei einer Pressekonferenz, die Regierung in Berlin sei empört darüber, wie in Kiew Gesetze durchgepeitscht wurden, welche demokratische Freiheiten, vor allem das der friedlichen Demonstrationen, infrage stellten. (nzz.ch, 24.1.2014)

Wie geben wir das wieder?

Reflexartig würde man schreiben: Merkel ist empört…

Damit wäre aber der Zitatcharakter nicht mehr erkennbar. Empörung ist ein innerer Zustand, und ob ein Politiker wirklich empört ist oder sich nur so gibt, lässt sich nicht überprüfen. Deshalb ist es korrekt, dass die Süddeutsche (und mit ihr überraschend viele andere Zeitungen) schreibt:

Die Kanzlerin […] zeigt sich empört darüber, wie der Präsident die Grundrechte missachte.

Sie zitiert. Sie distanziert sich klar. Nicht: ist empört, sondern: zeigt sich empört.

Auch im Nebensatz wird klar gemacht, dass zitiert wird:

…wie der Präsident die Grundrechte missachte.

Konjunktiv. Das ist zwar nicht besonders elegant, aber trennt die eigene von der fremden Meinung. Dass auch die Redaktion der Süddeutschen meint, dass Janukowitsch die Grundrechte missachte, kann angenommen werden. Es tut hier aber nichts zur Sache. Wer in dieser Frage nicht konsequent ist (und zum Beispiel sich nur dann zitiert, wenn er die Meinung nicht teilt), schwächt den eigenen journalistischen Standpunkt.

Journalistische Sprache hat ihre eigenen Regeln

Wir haben unsere sprachliche Urteilskraft an literarischen Texten geschult. Im Journalismus gelten aber oft andere Regeln.
Der Grund dafür ist scheinbar banal: In literarischen Texten führt der Erzähler den Adressaten in eine Welt, die nicht mit seiner normalen Welt übereinstimmt. Im Journalismus gehören alle zu derselben Welt: Journalist und Erzähler, Leser und Adressat sowie alle Akteure, denen sie im Alltag oder im Text begegnen.

Der Journalist ist der Erzähler

Der Journalist und sein Publikum leben in derselben Welt – unabhängig davon, ob sie einander im Alltag oder im Text begegnen. Wir müssen, wenn wir uns mit journalistischen Texten befassen, die liebgewordene Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler hinterfragen.
Wir haben in der Schule gelernt, dass Karl May und Old Shatterhand nicht dieselben Personen sind. Und wenn Old Shatterhand im Roman flunkert, kann Karl May dafür nicht haftbar gemacht werden. (In Tat und Wahrheit hat Karl May selbst geflunkert, was aber Old Shatterhand wiederum egal ist.)
Wenn in einem Roman die CIA den amerikanischen Präsidenten ermordet, so kann der reale CIA dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden – ebenso wenig kann der Autor des Romans oder der Erzähler der Verleumdung bezichtigt werden.
Wenn derselbe Fall Gegenstand eines journalistischen Textes wird, hat dies völlig andere Konsequenzen – für die CIA und für den Autor.

Rubber_Duck_Florentijn_Hofman_Hong_Kong_2013d

 (Um eine solche Ente geht es weiter unten. – Foto: Antony Lau, Zenda.
Zu Quelle und Rechten siehe Wikipedia )

Merkwürdigerweise hat diese einfache Tatsache Konsequenzen für die journalistische Sprache – und zwar bis in die Niederungen der Grammatik.

Beispiel eins: die indirekte Rede

Das wichtigste sprachliche Thema im Journalismus ist die Trennung eigener und fremder Aussagen. Die Jounalistin, der Journalist hat eine Stimme in der öffentlichen Kommunikation. Sie kann neben der Stimme des Politikers, des Sportlers, des Pressesprechers bestehen. Für eine Gesellschaft ist es wichtig, ob ein Wort von einem dieser Akteure oder von einem Journalisten verwendet wurde.
Der Erzähler im Roman braucht sich nicht um diesen Unterschied nicht zu kümmern.
Man stelle sich vor, ein junger Mann wird von Polizisten angehalten. Später behauptet er, die Polizisten seien dabei tätlich geworden:

„Die Bullen haben mich geschlagen,“ behauptete der Mann.

Wenn dies Teil eines Romans ist, kann diese Aussage ohne Probleme in indirekte Rede übernommen werden:

Der Mann behauptete, die Bullen hätten ihn geschlagen.

Stellen wir uns jetzt aber vor, dass es ein aktuelles Ereignis ist. Ein journalistisches Medium berichtet darüber. Dann wird derselbe Satz in indirekter Rede problematisch. Bulle ist hier nicht eindeutig erkennbar als die Wortwahl des Akteurs. Und weil Bulle eine abwertende Bedeutung hat, heißt das: Der Journalist hat die Wertung übernommen.
Zwar zeigt die indirekte Rede (hätten) schon an, dass eine fremde Aussage wiedergegeben wird. Aber sie reicht nicht aus, um Kernausdrücke im Satz entsprechend zu kennzeichnen. In einem journalistischen Text ist der Satz deshalb erst korrekt, wenn eine zusätzliche Distanzierung vorgenommen wird:

Der Mann behauptete, die „Bullen“ hätten ihn geschlagen.

Eine konventionelle literarische Erzählung würde durch solche Anführungszeichen verfremdet. Im journalistischen Text dagegen ist sie notwendig.
Dies ist der Grund dafür, dass in vielen Meldungen und Berichte die indirekte Rede mit Anführungszeichen oder anderen Wendungen (z.B.: …wie er sich ausdrückt) ergänzt wird.

Beispiel zwei: die Zeit

Wenn ein Ereignis in der Vergangenheit spielt, hat das Deutsche mehrere Formen zur Verfügung. Im Journalismus ist es üblich, den ersten Satz einer Meldung ins Perfekt zu setzen, den Rest ins Präteritum (Imperfekt):

Erneut ist einer Riesen-Gummiente des niederländischen Künstlers Florentijn Hofman die Luft ausgegangen. Am Dienstag explodierte in einer taiwanesischen Hafenstadt eine 18 Meter hohe Version der klassischen gelben Badeente. (Nach heute.at, 31.12.2013)

Wenn eine Information über die Vorgeschichte folgt, steht diese normalerweise im Plusquamperfekt:

Schon im November war dort ein anderes Exemplar geplatzt.

Wenn wir jetzt noch einen Schritt zurückgehen, bietet sich nach klassischer Lehre wiederum nur das Plusquamperfekt an:

Der niederländische Künstler hatte diese Enten installiert, um die Menschen zu erfreuen und politische Spannungen zu mindern.

Aber im aktuellen journalistischen Text ist hier auch eine andere Zeitform möglich:

Der niederländische Künstler hat diese Enten installiert, um die Menschen zu erfreuen und politische Spannungen zu mindern.

Hier steht also wiederum Perfekt, wie wenn es sich um den Anfang einer neuen Meldung handelte.
Dies ist möglich, weil Journalist und Leser in derselben Welt und zur gleichen Zeit leben. Statt in der Logik des Textes zu bleiben (und Plusquamperfekt zu setzen), kann man diese Hintergrundinformation auf die Zeit der Berichterstattung beziehen.
Es gibt also zwei Möglichkeiten, die Zeitverhältnisse auszudrücken: entweder in der Logik des Textes oder in der Logik der aktuellen Berichterstattung. Die Logik des Textes sagt: Das Leben und Sterben der Ente gehört ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt), ihr Vorleben ins Plusquamperfekt. Die Logik der Berichterstattung sagt: Das Leben und Sterben der Ente gehört ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt), ihr Vorleben gehört erneut ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt).
Und dies alles nur, weil Journalist und Leser in derselben Welt leben und man den journalistischen Autor für Dinge behaften kann, die der journalistische Erzähler sagt.