Kategorie-Archiv: TIPPS

Regeln und Ratschläge

Wieviel Mathematik braucht ein Journalist?

Die Brücke, die unweit der Victoria Falls über den Sambesi führt, ist 128 Meter hoch. Sie war seit ihrer Einweihung 1905 ein wichtiges Verbindungsstück auf dem Weg von Süd- nach Nordafrika und spielte oft eine wichtige Rolle in der jüngeren Geschichte der Region (zum Beispiel noch 1975, als während des rhodesischen Bürgerkriegs in einem Eisenbahnwagen auf der Brücke Friedensverhandlungen geführt wurden).

Was tut man, wenn man als Tourist an einer solchen Brücke vorbeikommt?
Man springt an einem Bungee-Seil in die Tiefe.

Genau das tat auch die 22-jährige Erin Langworthy aus West-Australien am letzten Tag des Jahres 2011. Aber das Seil riss und Erin stürzte weiter, in das kühle, sonst nur von Krokodilen bevölkerte Wasser.

Bungee-Sprung von der Victoria-Falls-Brücke
Bungee-Sprung von der Victoria-Falls-Brücke

Foto: Spy007au

Lizenz: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erin Langworthy überlebte, und die Geschichte füllte unzählige Zeitungsspalten auf der ganzen Welt.

Für die Organisatoren und für Zambias Tourismusindustrie war es keine Erfolgsgeschichte. Man fürchtete, dass in Zukunft einige Menschen einen Bogen um die Attraktion machten (und immerhin waren bisher jeden Tag knapp 140 Menschen nur angereist, um sich für 90 Euro von der Brücke fallen zu lassen). Das führte dazu, dass der Minister für Tourismus sich wenige Tage darauf aufmachte, die Harmlosigkeit des Unternehmens zu beweisen und selbst einen Bungee-Sprung von der Brücke zu tun. (Info und Video im Web)

Dementsprechend gipfelten auch die Agenturmeldungen, die die deutschen Redaktionen verarbeiteten, in einem offiziellen Beschwichtigungsstatement:

Langworthy ist laut Sambias Tourimusminister Given Lubinda die erste, deren Seil gerissen ist. Seit zehn Jahren sprängen an der Stelle jedes Jahr 50 000 Menschen. Lubindadie: „Die Chance, dass das Seil reißt, liegt bei 1:500 000.“ (SWP)

Wie bitte?

Der Minister hat also zwei Dinge gesagt:
1. Seit zehn Jahren springen hier jedes Jahr 50 000 Menschen.
2. Die Wahrscheinlichkeit für einen Seilriss liegt bei 1:500 000.

Und die Redaktionen übernehmen das ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne Ironiesignal. Ohne darauf hinzuweisen, dass der Minister nichts anderes getan hat, als den einzigen Fall, den er kennt, durch die Zahl aller bisherigen Sprünge zu dividieren.
Das ergibt 1:500 000. Und natürlich stimmt das rückblickend für diese zehn Jahre und für dieses Bungee-Unternehmen aufs Haar. Aber sonst lässt sich nichts daraus schließen.

Trotzdem haben es Dutzende professioneller Internetdienste wiederholt:

„The probability of an incident is one in 500,000 jumps.“ (So z.B. die Webseiten von The Sun, The Guardian, Christian Science Monitor usw.)

Journalistinnen und Journalisten brauchen keine höhere Mathematik. Ihnen reicht, was sie in der Schule gelernt haben: die einfachen Grundrechenarten, Schätzen, simple Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Was ihnen zu wünschen wäre, ist die Lust, diese Kenntnisse auch anzuwenden.

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PS: Dieser Beitrag ist im Zusammenhang mit einer Hausaufgabe des letzten Schreibtraining-Seminars in Tübingen entstanden. Deshalb das nicht mehr taufrische Ausgangsbeispiel.

Übrigens: Zum Thema Mathematik und Journalismus gibt es einige Klassiker, deren Lektüre ich sehr empfehle (Seite „Literatur“).

Eigene Rede – fremde Rede (3): Wenn direkte Rede wie indirekte klingt

Letzte Woche haben 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars „Schreibtraining“ Kommilitoninnen interviewt und sie nach Mitteln gegen Prüfungsangst gefragt.

So sind 25 kurze Texte entstanden. Darin kamen immer Zitate der Interviewten vor. Hier ein Ausschnitt:

„Angst lähmt dich“, erklärt Biologie- und Chemiestudentin Dina L. (25) und fügt lächelnd hinzu, „dass es keinen Sinn macht, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert“.

Ich habe die Passage: …dass es keinen Sinn macht… angestrichen und der Verfasserin dazu geschrieben, sie solle sich klar für direkte oder indirekte Rede entscheiden. Sie schrieb mir zurück, Dina L. habe dies wortwörtlich gesagt: „Man muss bedenken, dass es keinen Sinn macht, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert.“ Also sei die Passage dass es keinen Sinn macht… direkte Rede und deshalb gehörten die Anführungszeichen hin.

Warum geht es trotzdem nicht?

Weil diese Passage die formalen Merkmale indirekter Rede hat. Damit werden im Text gleichzeitig direkte und indirekte Rede signalisiert. Das irritiert den Leser.

Und hier die Erklärung Schritt für Schritt:

Im Interview sagt Dina also:

Man muss bedenken, dass es keinen Sinn macht, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert. Am einfachsten (mal abgesehen davon, ob es schön klingt oder nicht) wäre es, so zu zitieren:

… erklärt Dina und fügt lächelnd hinzu:“Man muss bedenken, dass es keinen Sinn macht, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert.“ (Direkte Rede.)

Da ist alles noch in Ordnung. Nur ist das Zitat etwas lang. Deshalb ist es verständlich, dass die Autorin den ersten Teil des Zitats weglässt:

… erklärt Dina und fügt lächelnd hinzu, „dass es keinen Sinn macht, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert.“

Von der Schreiberin aus gesehen ist das immer noch direkte Rede. Aber der Leser merkt das nicht mehr. Denn ein Satz, der mit dass anfängt, wird automatisch als Nebensatz interpretiert. Und weil Dina hier keinen Hauptsatz mehr macht, wird er als Nebensatz des Satzes der Journalistin (fügt lächelnd hinzu…) verstanden.

Um diese Interpretation zu verhindern, hat sie die Anführungszeichen gesetzt. Aber das reicht nicht. Es ist als Signal zu schwach, weil es viele Sätze mit: …fügt hinzu, dass… gibt. Zudem kommt bei der Redewiedergabe dass (ohne Konjunktiv) oft vor – besonders in der Umgangssprache:

Sie sagt, dass sie den Pulli morgen kauft.

Übliche Lösungen wären:

… erklärt Dina und fügt lächelnd hinzu, es mache keinen Sinn, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessere.“

… erklärt Dina und fügt lächelnd hinzu: „Es macht keinen Sinn, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert.“

So viel darf man ohne weiteres verändern. Tolerierbar wäre sogar die Form:

… erklärt Dina und fügt lächelnd hinzu: „Es macht keinen Sinn, aufgeregt zu sein. Das verbessert die Situation ja nicht.“

Ich würde sogar noch das akzeptieren:

… erklärt Dina und fügt hinzu: „Es macht keinen Sinn, aufgeregt zu sein.“ Sie lächelt: „Das verbessert die Situation ja nicht.“

Dafür hätte ich allerdings im Ernstfall gerne das OK der Gesprächspartnerin, weil es nicht mehr unbedingt ihr Stil ist. Aber den Text würde es lesbarer machen (weil die beiden Aussagen getrennt wären).

 

Eigene Rede – fremde Rede (2): Klarheit beim Zitieren

Es gibt prinzipiell drei Arten, journalistisch zu zitieren:

(1) direkte Rede, (2) indirekte Rede, (3) Redebericht.

…und Hunderte von Mischformen.

Wer in seinen Text Klarheit bringen will, sollte die drei Hauptformen beherrschen und von den Mischformen die Finger lassen.

Direkte Rede bedeutet: So, wie es gesagt wurde, steht’s zwischen Anführungszeichen.

Indirekte Rede ist eine Neuformulierung im Konjunktiv – möglichst so, wie es gesagt wurde.

Redebericht ist eine Wiedergabe der sprachlichen Handlung – verdichtet und in eigenen Worten.

Das soll hier anhand eines Beispiels (auf Grund der Sendung SWR Leute vom 15.11.2012) durchgespielt werden:

(1) Direkte Rede:

Dr. Manuel Vermeer, Sinologe und Unternehmensberater, erklärt deutschen Unternehmern, was sie in China erwartet. “Meine Aufgabe ist es, als Mediator unterwegs zu sein.“

Wir gehen davon aus, dass er genau das gesagt hat.

In einem Bericht über die Verständigungsschwierigkeiten zwischen Deutschen und Chinesen kann das eine längere Erklärung auf den Punkt bringen.

(2) Indirekte Rede:

Manuel Vermeer sagt, seine Aufgabe sei es, als Mediator unterwegs zu sein.

Das Problem ist nur, dass „unterwegs zu sein“ ein metaphorischer Ausdruck ist, der zwar ganz gut zum Interviewten passt; aber er ist stilistisch markiert. Im Berichttext wirkt er mit großer Sicherheit etwas merkwürdig. Denn die indirekte Rede nutzt den Wortschatz des Autors, nicht des Interviewten!

Also ist eine leichte Umschreibung besser:

Manuel Vermeer sagt, er sei Mediator.

(3) Redebericht

Diese letzte Version klingt sehr einfach. Zu einfach, als dass man diese drei Wörtchen als Zitat lesen möchte. Man ist versucht, sie etwas aufzupeppen und gleich die Erklärung einzubauen dass er so etwas Ähnliches wie ein Mediator meint:

Manuel Vermeer sagt, er sei eine Art Mediator.

Schon besser – nur hat er nicht „eine Art“ gesagt. Ohne Rückfrage ist diese Abschwächung nicht ganz fair. Deshalb gibt es eine Form der Redewiedergabe, die noch mehr Freiheit als die indirekte Rede erlaubt – den Redebericht:

Manuel Vermeer bezeichnet sich als Mediator.

Manuel Vermeer versteht seine Funktion als die eines Mediators.

Manuel Vermeer vergleicht seine Tätigkeit mit der eines Mediators.

Das zentrale Wort „Mediator“ bleibt bestehen. Alles andere ist neu formuliert. Hier wird nicht mehr wiedergegeben, sondern über die Rede berichtet.

Der Gag bei all dem ist also, dass die Grenze zwischen eigener und fremder Rede mit den drei Formen unterschiedlich klar gezogen wird: Direkte Rede trennt am saubersten. Schon in indirekter Rede ist die Grenze zwischen eigener und fremder Wortwahl nicht mehr klar. Im Redebericht ist schließlich alles eigene Rede des Journalisten.

Eigene Rede – fremde Rede (1): Klare Grenzen ziehen

Die wichtigste sprachliche Aufgabe im Journalismus ist die Trennung eigener und fremder Aussagen.

Ein Beispiel: Wer hat am Wochenende bei der Piratenpartei interne Querelen diagnostiziert?

Parteichef Schlömer kritisiert interne Querelen
(n-tv.de, 21.1.2013)

Das ist eine Überschrift nach der Niedersachsenwahl vom 20.1.2013. Die Piraten haben nur 2,1 Prozent der Stimmen erhalten. Der Parteichef glaubt die Gründe zu kennen: interne Querelen.

So, wie es hier steht, sind diese Querelen eine ebenso gesicherte Tatsache wie die 2,1 Prozent.

Sollte aber gar nicht gesichert sein, dass es diese Querelen gibt (oder am Sonntag Abend die Zeit für Recherchen einfach fehlen), dann muss man als Journalist klar machen: Das ist nicht meine Aussage, sondern diejenige des Politikers. Man trennt beides klar. Dafür gibt es von Alters her ein gutes Mittel: Anführungszeichen.

Welt.de hat ganz ähnlich getitelt, aber mit dieser klaren Abgrenzung:

Piraten-Chef Schlömer beklagt „interne Querelen“(welt.de, 21.1.2013)

Es gibt eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Schreibern und Lesern. Die besagt, dass der Journalist alles, was er als eigene Rede wiedergibt, durch Recherche gesichert ist. Wer das nicht tut, gefährdet seine Glaubwürdigkeit.

Natürlich gilt diese Regel auch für alle anderen Berufe, bei denen für die Öffentlichkeit formuliert wird. Zum Beispiel tut auch jeder, der eine Dissertation schreibt gut daran, sie zu befolgen.

Im Journalismus ist das Problem besonders gravierend, weil man als Journalist mit lauter Informationen überschwemmt wird, die längst ein anderer formuliert hat. Politiker, Werber, Pressesprecher, Kulturschaffende – sie alle produzieren nicht nur Ereignisse, sondern sie formulieren auch die Nachrichten darüber gleich selbst. Und weil sie daran selbst beteiligt sind, ist ihre Wortwahl parteiisch.

Als Journalistin oder Journalist muss laufend Informationen überprüfen: Welche Formulierungen kann ich übernehmen? Welche Ausdrücke muss ich neu fassen? Welche Aussagen und Wörter muss ich als Zitat kennzeichnen?

Wie gesagt, es täte jedem Beruf gut, wenn Texte so sorgfältig auf eigene und fremde Aussagen überprüft würden. Aber im Journalismus ist es besonders wichtig, weil sich einem da die Quellen direkt aufdrängen.

Nach der Niedersachsenwahl sagt FDP-Parteipräsident, er sei zum Rücktritt bereit.

oder

Rösler zu Rücktritt bereit

titeln da viele Nachrichten-Sites. Keiner weiß, ob das wirklich stimmt. Recht haben alle die, die dies deutlich machen, indem sie zum Beispiel schreiben:

FDP-Chef Rösler soll zum Rücktritt bereit sein (sueddeutsche.de)
Rösler angeblich zum Rücktritt bereit (Handelsblatt.com)

 

Wenn man der Sache nachgeht, liest man nämlich:

Es passiert hinter verschlossenen Türen. Die Liberalen ringen um ihre Zukunft. Parteichef Rösler bietet seinen Rücktritt an und schlägt Fraktionschef Brüderle als Nachfolger vor… (n-tv.de)

Wer weiß schon, was „hinter verschlossenen Türen“ wirklich gesagt wurde? Wer weiß, ob es nur ein Taktieren war? Vielleicht hat es Rösler geholfen, wenn sein Rücktrittsangebot weltweit verbreitet wurde. Was er wirklich beabsichtigt hatte, kann man nur ahnen. Um dies auszudrückn, hat die Sprache klare Formen entwickelt: von der direkten Rede bis zum umschreibenen Redebericht.

Mit Bildern erzählen: Tipps zur Konzeption einer Bildstrecke

Eine Bildstrecke (auch: „Bildergalerie“, „Slideshow“) ist eine zusammenhängende Folge von Bildern. Im Web wird meistens jedes Bild einzeln angeklickt. (Vgl. z.B. die Bildstrecken bei Spiegel online. Das Ziel ist, dass ein Nutzer alle Bilder (und oft auch dazwischen geschaltete Werbung) sieht. Dies hängt unter anderem von den folgenden Faktoren ab:

  • Kohärenz: Die Bilder sollten inhaltlich zusammengehören und eine übergeordnete Aussage machen.
  • Neugier: Jedes Bild sollte Interesse für das nächste wecken.
  • Verschiedenheit: Jedes neue Bild sollte formal anders aussehen und anderes zeigen als das vorangehende.
  • Verständlichkeit: Jedes Bild sollte eine Bildunterschrift haben, die erklärt, was darauf zu sehen ist. Beachten Sie, dass der User jedes Bild einzeln sieht!
  • Spannung: Jede Bildunterschrift sollte so aufhören, dass sie eine Fortsetzung verspricht. Die letzte Bildunterschrift verweist auf ein anderes Angebot, zum Beispiel auf den Artikel, der zur Bildstrecke gehört.
  • Folgerichtigkeit: Das neue Bild sollte an der vorangegangenen Information anknüpfen, ohne sie zu wiederholen (und ohne nochmals auf das vorangegangene Bild Bezug zu nehmen).

Bildauswahl:

Die Bilder müssen auf die Nutzungsweise Rücksicht nehmen. Weil sie in Folge gesehen werden, müssen sie Abwechslung bieten.
Die Bilder müssen sich also optisch klar unterscheiden: andere Farbe, andere Einstellung, anderes Sujet, andere Perspektive usw. usw.
Ein eindrückliches Beispiel für die Folge dreier Bilder ist Gefangenenrevolte in Sri Lanka aus dem Tages-Anzeiger (9. 11. 2012 – sorry, leider nicht ohne Pop-Up zu verlinken).

Von Agenturen gelieferte Bilder bieten oft wenig Abwechslung. Vieles kann aber durch die beherzte Wahl eines Ausschnitts geleistet werden.

Auf die Geschichte achten: Bilder so auswählen, dass eine Erzählung, eine Erklärung, eine Argumentation usw. möglich wird. Das bedeutet, dass man auch gute Bilder weglässt, wenn sie nicht in die Reihe passen!
Auch wenn die Bilder ein großes Ereignis illustrieren (wie z.B. die Verwüstungen eines Hurrikans in Nordamerika), ist die Eingrenzung auf eine klare Aussage wichtig.

Bildunterschrift:

Die klassische Regel der Bildunterschrift gilt auch hier: Die BU erklärt, was auf dem Bild zu sehen ist.
Wenn Menschen auf dem Bild zu sehen sind, müssen diese benannt werden.
Verzichten Sie auf Kommentare und Spekulationen. Dass der Urlauber am Strand die Sonne genießt, sieht der User auch ohne Ihren Hinweis. Ich interessiert, wie dieser heißt und was er hier tut.
Schaffen Sie Cliffhanger, die auf das nächste Bild neugierig machen. („Karl Knall am Niendorfer Strand. Er hat einen besonderen Trick, seinen Strandkorb zu heizen.“ – Das nächste Bild zeigt eine Nahaufnahme der Heizung.) Es ist auch möglich, mit einem informativen, aber unvollständigen Satz aufzuhören…

Abstracts in der Wissenschaft

Wer einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht, muss ihm eine Zusammenfassung voranstellen. Dies wird fast von allen Redaktionen gefordert. In natur- und sozialwissenschaftlichen Fächern sind die Erwartungen an diese Textsorte sehr eng.

Ausgangspunkt ist für viele Publikationen das Publication Manual der apa (American Psychological Association). Wie man aber im Detail vorgehen soll, wird einem nur selten gesagt. Deshalb hier eine Anleitung. Wer sie ergänzen oder in Frage stellen möchte, ist eingeladen, die Kommentarfunktion zu benutzen.

 

1. Aufbau

Für den Aufbau kann das folgende Modell zur Orientierung dienen. Es ist ausführlich und kombiniert verschiedene existierende Modelle. Deshalb kann man je nach Fach und Methode auch einzelne Teile weglassen. Zudem wird es  immer Unterschiede geben, je nachdem, um welche Art des Vorgehens es sich handelt (z.B. um einen Bericht von einer empirischen Untersuchung oder um eine Abhandlung über die theoretischen Grundlagen des Fachs).

1.1 Einleitung

Thema

Man weiß wenig über X…
Im Bereich X wird schon länger geforscht….

Motivation

Aber die Frage Y ist immer noch unbeantwortet…
Noch immer fehlt eine Antwort auf die Frage…

Ziel

Das Ziel dieser Untersuchung ist…
In dieser Untersuchung wurde der Frage nachgegangen…

1.2 Verfahren

Art des Vorgehens

Diese Frage soll experimentell/theoretisch/anhand historischer Quellen (usw.)  geklärt werden.

Methoden

Die folgende Methode wurde angewandt…
Die dabei gewählte Versuchsanordnung, die …

1.3 Resultate

Ergebnis (spezifisch)

[Konkrete Resultate der Untersuchung]
[Übersetzung der Resultate:] Dies bedeutet, dass…

 

1.4 Diskussion

Evaluation der Untersuchung

Es zeigt sich also, dass…
Damit ist erwiesen, dass…

Schlussfolgerungen/Ausblick

Die Ergebnisse zeigen, dass in Zukunft …
Diese Studie verbessert die bisherige …

2. Schreibprozess:

Das Abstract wird (wie jede Art der Zusammenfassung/Einleitung/Vorrede usw.) am Schluss geschrieben – also wenn der ganze Artikel fertig ist.

Fangen Sie an, indem Sie jeden Abschnitt bzw. jedes Kapitel des Artikels in zwei bis drei Sätzen zusammenfassen.

Überprüfen Sie das Resultat dann anhand des allgemeinen Modells unter 1. Ergänzen Sie, was fehlt. Streichen Sie, was zum Verständnis der Hauptaussage nicht nötig ist.

 

3. Beurteilungskriterien

Kurz: Ein Abstract soll über den Inhalt informieren. Es entscheidet, ob der Artikel gelesen und weiter verwendet wird. Deshalb ist es nur nützlich, wenn es kurz ist. Gewöhnlich wird die Länge von der Redaktion vorgegeben. (Die apa fordert zur Zeit maximal 250 Wörter).

Vollständig: Ein Abstract lässt sich im Idealfall als Nachricht lesen, ohne dass der Artikel konsultiert werden muss.

Präzise: Die Hauptinformationen werden mit der gleichen Genauigkeit wie im Artikel wiedergegeben. Die Sprache (Terminologie) ist die gleiche. (Keine Umgangssprache, keine Umschreibungen.)

Fair: Wenn Vorarbeiten anderer eine Voraussetzung für die Studie waren, soll dies erwähnt werden.

Klar strukturiert: Das Abstract sollte die unter 1. genannten Bestandteile enthalten (mit Abweichungen je nach Wissenschaftsdisziplin und Vorgehensweise). Es muss sich aber auch am Aufbau des Artikels orientieren.

Verständlich: Das Abstract muss leicht lesbar sein. Es muss dem Bedürfnis des Lesers, sich schnell zu orientieren, entgegenkommen. (Vgl. Regen zur Verständlichkeit geschriebener Texte.)

Überzeugend: Das Abstract sollte möglichst klar sagen, was in der Studie herausgefunden wurde – ohne Vermutungen, Vagheiten, Relativierungen.

4. Links

Auf Websites von Hochschulen und Instituten finden sich Anleitungen zum Verfassen von Abstracts, die zum Teil allgemeiner, zum Teil spezieller gehalten sind. Ich habe mich bei den folgenden orientiert:

http://research.berkeley.edu/ucday/abstract.html

(Hier werden auch Beispiele zitiert.)

http://blog.apastyle.org/apastyle/2011/11/brevity-is-the-soul-of-lingerie-and-abstracts.html

my.ilstu.edu/~jhkahn/APAsample.pdf