Kategorie-Archiv: Zitieren

Wörtliches Zitieren kann peinlich werden

Wie wird man einem Informanten gerecht? – Meistens nicht, indem man ihn wörtlich zitiert.

Es geht um ein Standard-Herbstthema: Wie bereite ich mich als Autofahrer darauf vor, dass die Straßen rutschig werden? – In diesem Fall wohl ein Abfall-Produkt vom ARD-Morgenmagazin.

Carrera gelb

(Zu dieser Illustration hat mich die SWR-Website inspiriert, von der ich aber kein Bild klauen wollte. Der Porsche ist ein Geschenk von einer Absolventin des Aufbaustudiengangs Medienwissenschaft-Medienpraxis.)

Der ARD-Jurist Kay Rodegra hat wahrscheinlich genau das gesagt, was im folgenden Abschnitt steht (aus der Internet-Präsenz des SWR). Aber ob er sich auch in dieser Form lesen will?

Bei Glatteis, Reifglätte, Schnee und Schneematsch muss mit Winterreifen gefahren werden, sonst riskiert man ein Bußgeld. Und womöglich sogar noch mehr Ärger mit der Polizei, warnt der ARD-Rechtsexperte und Rechtsanwalt Kay Rodegra:

„Die Polizei würde, wenn ich mit Sommerreifen unterwegs bin – und ich kriege ein Knöllchen für 60 Euro und einen Punkt, weil eben Schneematsch ist – dann ist es ja auch gefährlich, mit den Sommerreifen zu fahren und die Polizei würde sagen, jetzt bleibt das Auto rechts am Straßenrand stehen bis die Straße wieder trocken ist. Erst dann darf ich mit den Sommerreifen wieder nachhause fahren.“

Das Zitieren gesprochener Sprache bedeutet einen Medienwechsel. Im schriftlichen Medium muss der Stil behutsam den Regeln der geschriebenen Sprache angepasst werden – außer man wollte die Dynamik der mündlichen Situation einfangen oder den Sprecher als besonders spontan und salopp vorführen (was hier wohl beides nicht beabsichtigt ist).

Abstrakte und konkrete Gefährdungen

In Tübingen ist das Schreibtraining des Wintersemesters angelaufen. Und plötzlich wird mir deutlich, dass dieser Blog (dieses Blog) schon seit Monaten nichts Neues zu bieten hat. Das soll anders werden – und sei es auch nur, um Themen zu ergänzen, die im Seminar nicht ausführlich genug behandelt wurden.

Wenn es um öffentliche Sprache geht – insbesondere um journalistische Sprache – gibt es ein zentrales Thema: die Trennung von eigener und fremder Rede.

Es gehört zu den journalistischen Grundkompetenzen, dass man bei jeder Aussage deutlich macht, ob sie von einem selbst oder von einem Akteur stammt. Das ist nicht nur eine Frage der Verständlichkeit, sondern vor allem auch eine Frage des Rollenverständnisses. Wer den Slang eines Politikers unhinterfragt übernimmt, macht sich zum Parteigenossen dieses Politikers. Wer die Werbephrase eines Unternehmenssprechers im eigenen Text verwendet, wird zum Mitarbeiter seines Unternehmens.

Die Regel heißt ganz einfach: Ich muss mich von allen subjektiven Äußerungen und Ausdrücken meiner Quellen distanzieren. Dies funktioniert durch direkte Rede, indirekte Rede, Anführungszeichen usw.

Aber manchmal ist die Arbeit damit nicht getan.

Fremde Rede ist oft nicht nur subjektiv, sondern auch unverständlich

Man stelle sich eine Politikerin vor, die eine Stellungnahme abgibt, und diese Stellungnahme ist ganz einfach unverständlich. Dann reicht es nicht aus, mit Mitteln der Distanzierung (indirekte Rede, Anführungszeichen usw.) die Subjektivität zu kennzeichnen. Erst wenn Verständlichkeit hergestellt ist, ist die journalistische Handlung abgeschlossen. (In seltenen Fällen kann man auch zum Mittel des Kommentars greifen und etwa die Tatsache, dass jemand absichtlch unverständlich spricht, thematisieren.)

Nur zu oft greifen Journalisten in solchen Fällen zum Werkzeug des wörtlichen Zitats. Man gibt den Satz wörtlich wieder, packt ihn zwischen Anführungszeichen. Und dann ist doch gut. Oder?

Ach ja – falls ich es noch nie gesagt habe: Der wahre Grund des Untergangs des deutschen Journalismus ist die Faulheit. Und wer einen Satz, den er nicht verstanden hat, einfach so wiedergibt, schubst den deutschen Journalismus ein Stück weiter in Richtung Abgrund.

Ein Beispiel:

In Ottawa, Kanada, erschoss am 22. Oktoeber 2014 ein Mann einen Soldat, der beim Nationalen Kriegerdenkmal Wache hielt, betrat dann das Parlamentsgebäude und wurde dort nach einem längeren Schusswechsel von einem Sicherheitsmann erschossen.

Wie immer, wenn auf der Welt etwas passiert, fragten sich darauf Journalisten in Deutschland: Was bedeutet das für uns in Deutschland? Sie riefe im Innenministerium an und baten um eine Einschätzung der Gefährdungslage.

Die Antwort wurde dann etwa so zusammengefasst:

Das Attentat in der kanadischen Hauptstadt Ottawa hat vorerst keine Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Deutschland. (dpa/t-online, 23.10.2014)

(Eine merkwürdige Formulierung; Anschläge in Deutschland wären wohl weniger die Auswirkung des Attentats in Kanada, sondern beides wäre die Auswirkung eines ihnen zu Grunde liegenden Ereignisses. Aber lassen wir das.)

Auch die Südwestpresse hat in ihre Berichterstattung pflichtbewusst einen Hinweis auf die Stellungnahme des Innenministeriums eingebaut. Sie tat dies folgendermaßen:

Die deutschen Behörden sehen nach dem Anschlag von Ottawa keine erhöhte Gefährdungslage in Deutschland.
Die Bundesrepublik „steht nach wie vor im Fokus des dschihadistischen Terrorismus“, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums.
Daraus resultiere „eine abstrakt hohe Gefährdung für die innere Sicherheit, die jederzeit in Form von Anschlägen unterschiedlicher Dimensionen und Intensität real werden kann“. (SWP, 24. 10. 2014)

Frage Nummer 1: Wie hängen der erste und der zweite Satz zusammen? (Wäre z.B. ein „aber“ nützlich?)

Frage Nummer 2: Was bedeutet „eine abstrakt hohe Gefährdung“?

Frage Nummer 3: Wenn die Gefährdung jederzeit „real werden kann“ – bedeutet das, dass sie nicht real ist? (Nun gut – das ist spitzfindig. Also zurück zur Frage Nummer 2:)

Von einer „abstrakt hohen Gefährdung“ haben viele Zeitungen und Newsportale berichtet. Das wurde wahrscheinlich genau so gesagt. Was es bedeuten mag, ist zumindest für einen Nichtjuristen schwer zu ergründen. Und ich vermute, dass keiner der Journalisten so richtig verstanden hat, was gemeint war.

Abstrakt hoch?

Wikipedia unterscheidet zwischen abstrakten und konkreten Gefährdungsdelikten. Der betreffende Artikel ist aber leider nicht gerade leicht zu verstehen, u.a., weil ein Zusammenhang mit dem Begriff „Erfolgsdelikt“ hergestellt wird und der betreffende Artikel wiederum etwas viel juristische Vorkenntnisse verlangt.

Aber es ging ja gar nicht um ein Delikt, sondern nur um eine Gefährdung. Und das scheint ein noch weniger klarer Begriff zu sein. Wenn man es verstanden hat, könnte man es in indirekter Rede verständlich neu formulieren. Wenn man es nicht verstanden hat, müsste man zum Telefonhörer greifen. Da die Sprecherin zudem nicht einmal von einer abstrakten Gefährdung, sondern von einer abstrakt hohen Gefährdung gesprochen hat, wäre dies sicher angezeigt.

Da müsste man aber, wie gesagt, einer großen und sehr konkreten Gefährdung des deutschen Journalismus zu Leibe rücken: der Faulheit.

Hat Merkel wirklich gewarnt?

Verben der Redewiedergabe bauschen oft Unspektakuläres auf.

Angela Merkel hat mit dem ukrainischen Staatspräsidenten telefoniert:

Sie drückte ihre Bestürzung über die jüngsten Gewaltausbrüche in Kiew aus und verurteilte sie scharf. Die Bundeskanzlerin betonte, es liege in der Verantwortung des Staates, die freie Meinungsäußerung und friedliche Versammlungen zu schützen.

So schreibt es die Pressestelle Angela Merkel selbst sagte am Donnerstag, 23. Januar 2014.

In den aktuellen Nachrichten heißt es:

Merkel warnt Janukowitsch vor weiterem Blutvergießen (faz.net, 22.1.2014)

Hat sie wirklich gewarnt? Das kann natürlich außer ihr und ihrem Gesprächspartner niemand sagen. An der Pressekonferenz hat sie selbst Folgendes gesagt:

Wir erwarten von der ukrainischen Regierung, dass sie die demokratischen Freiheiten, insbesondere die Möglichkeiten zur Demonstration, zu friedlichen Demonstrationen, sichert, dass sie Leben schützt, dass Gewaltanwendung äh nicht stattfindet…

Sie hat also eine Erwartung ausgedrückt. Und danach in ihrer eigenen Darstellung gesagt:

… und wir sind aufs Äußerste besorgt, und nicht nur besorgt, sondern auch äh empört darüber, in welcher Art und Weise Gesetze durchgepeitscht wurden, die diese Grundfreiheiten doch in Frage stellen.

Das ist keine Warnung. Auch das Folgende nicht:

Deshalb wird die Bundesrepublik Deutschland äh intensiv darauf hinwirken, dass das, was ein Grundrecht ist, nämlich das Demonstrationsrecht, von der ukrainischen Opposition genutzt werden kann.

Vielleicht ist das ein Versprechen. Eine Warnung ist das wohl auch nicht. Und zum Schluss pädiert und betont sie:r

Wir plädieren dafür, dass darüber auch Gespräche geführt werden zwischen der ukrainischen Regierung und der Opposition. Und ich betone noch einmal, dass es die Aufgabe jedweder Regierung ist, solche Möglichkeiten der freiheitlichen Meinungsäußerung auch sicherzustellen und dass dies zur Zeit nach unserer Auffassung innerhalb der Ukraine nicht äh möglich ist und nicht ausreichend möglich ist.

Wo ist da die Warnung?

Wir erwarten, wir sind besorgt, wir werden intensiv darauf hinwirken…– Das sind viele verschiedene Verben der politischen Verlautbarung. Eine Warnung ist etwas anderes. Dennoch schreiben Journalistinnen und Journalisten in solchen Fällen reflexartig: Merkel warnt…

Warum fragt eigentlich in solchen Fällen niemand, wovor hier gewarnt wird? Eine Warnung wäre es gewesen, wenn Merkel gesagt hätte:

Pass auf, wenn du weiter so vorgehst, wird etwas Schlimmes passieren.

Sie hat das ziemlich sicher nicht gesagt. Sie hat offenbar auch nicht gedroht, was sich etwa so angehört hätte:

Pass auf, wenn du weiter so vorgehst, werden wir dich…

Wahrscheinlich hat sie wenig Mittel für eine Drohung und sieht auch den Sinn für eine Warnung nicht ein. Laut ihren Worten hat sie ihm ins Gewissen geredet. Und laut einhelliger Meinung der Presse waren es ungewöhnlich deutliche Worte. Sachgemäß sind wohl die Meldungen, in denen einfach steht:

Merkel kritisiert Janukowitsch

Ob es außerhalb Deutschlands wahrgenommen wird, weiß kein Mensch. Wir aber merken uns ein kleines Verb der Redewiedergabe, das fast immer falsch verwendet wird, das Verb warnen.

Warnen wird oft verwechselt mit Drohen. Politikerinnen und Politiker tun dies meist absichtlich. Sie sagen warnen, wenn sie eigentlich drohen. Und die Berichterstatter übernehmen das. Wahrscheinlich hätte Merkel dem ukrainischen Präsidenten gerne gedroht. Das haben die Journalisten intuitiv gespürt. Und deshalb ist ihnen das Verb warnen ganz automatisch in die Finger geflossen.

Die Süddeutsche, die am 27. Januar 2014 auf die schwierige Interessenlage hinweist (Die EU will es sich mit Janukowitsch nicht gänzlich verscherzen), titelt deshalb treffend:

Drohen, aber nur ein bisschen

 

Ist Merkel empört?

Wer sich um klare journalistische Sprache bemüht, hat eine große Hauptaufgabe: eigene und fremde Aussagen zu trennen.

Im Anschluss an die Regierungsklausur in Meseberg hat sich die deutsche Bundeskanzlerin zu den Ereignissen in der Ukraine geäußert. Sie sagte bei einer Pressekonferenz, die Regierung in Berlin sei empört darüber, wie in Kiew Gesetze durchgepeitscht wurden, welche demokratische Freiheiten, vor allem das der friedlichen Demonstrationen, infrage stellten. (nzz.ch, 24.1.2014)

Wie geben wir das wieder?

Reflexartig würde man schreiben: Merkel ist empört…

Damit wäre aber der Zitatcharakter nicht mehr erkennbar. Empörung ist ein innerer Zustand, und ob ein Politiker wirklich empört ist oder sich nur so gibt, lässt sich nicht überprüfen. Deshalb ist es korrekt, dass die Süddeutsche (und mit ihr überraschend viele andere Zeitungen) schreibt:

Die Kanzlerin […] zeigt sich empört darüber, wie der Präsident die Grundrechte missachte.

Sie zitiert. Sie distanziert sich klar. Nicht: ist empört, sondern: zeigt sich empört.

Auch im Nebensatz wird klar gemacht, dass zitiert wird:

…wie der Präsident die Grundrechte missachte.

Konjunktiv. Das ist zwar nicht besonders elegant, aber trennt die eigene von der fremden Meinung. Dass auch die Redaktion der Süddeutschen meint, dass Janukowitsch die Grundrechte missachte, kann angenommen werden. Es tut hier aber nichts zur Sache. Wer in dieser Frage nicht konsequent ist (und zum Beispiel sich nur dann zitiert, wenn er die Meinung nicht teilt), schwächt den eigenen journalistischen Standpunkt.

Journalistische Sprache hat ihre eigenen Regeln

Wir haben unsere sprachliche Urteilskraft an literarischen Texten geschult. Im Journalismus gelten aber oft andere Regeln.
Der Grund dafür ist scheinbar banal: In literarischen Texten führt der Erzähler den Adressaten in eine Welt, die nicht mit seiner normalen Welt übereinstimmt. Im Journalismus gehören alle zu derselben Welt: Journalist und Erzähler, Leser und Adressat sowie alle Akteure, denen sie im Alltag oder im Text begegnen.

Der Journalist ist der Erzähler

Der Journalist und sein Publikum leben in derselben Welt – unabhängig davon, ob sie einander im Alltag oder im Text begegnen. Wir müssen, wenn wir uns mit journalistischen Texten befassen, die liebgewordene Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler hinterfragen.
Wir haben in der Schule gelernt, dass Karl May und Old Shatterhand nicht dieselben Personen sind. Und wenn Old Shatterhand im Roman flunkert, kann Karl May dafür nicht haftbar gemacht werden. (In Tat und Wahrheit hat Karl May selbst geflunkert, was aber Old Shatterhand wiederum egal ist.)
Wenn in einem Roman die CIA den amerikanischen Präsidenten ermordet, so kann der reale CIA dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden – ebenso wenig kann der Autor des Romans oder der Erzähler der Verleumdung bezichtigt werden.
Wenn derselbe Fall Gegenstand eines journalistischen Textes wird, hat dies völlig andere Konsequenzen – für die CIA und für den Autor.

Rubber_Duck_Florentijn_Hofman_Hong_Kong_2013d

 (Um eine solche Ente geht es weiter unten. – Foto: Antony Lau, Zenda.
Zu Quelle und Rechten siehe Wikipedia )

Merkwürdigerweise hat diese einfache Tatsache Konsequenzen für die journalistische Sprache – und zwar bis in die Niederungen der Grammatik.

Beispiel eins: die indirekte Rede

Das wichtigste sprachliche Thema im Journalismus ist die Trennung eigener und fremder Aussagen. Die Jounalistin, der Journalist hat eine Stimme in der öffentlichen Kommunikation. Sie kann neben der Stimme des Politikers, des Sportlers, des Pressesprechers bestehen. Für eine Gesellschaft ist es wichtig, ob ein Wort von einem dieser Akteure oder von einem Journalisten verwendet wurde.
Der Erzähler im Roman braucht sich nicht um diesen Unterschied nicht zu kümmern.
Man stelle sich vor, ein junger Mann wird von Polizisten angehalten. Später behauptet er, die Polizisten seien dabei tätlich geworden:

„Die Bullen haben mich geschlagen,“ behauptete der Mann.

Wenn dies Teil eines Romans ist, kann diese Aussage ohne Probleme in indirekte Rede übernommen werden:

Der Mann behauptete, die Bullen hätten ihn geschlagen.

Stellen wir uns jetzt aber vor, dass es ein aktuelles Ereignis ist. Ein journalistisches Medium berichtet darüber. Dann wird derselbe Satz in indirekter Rede problematisch. Bulle ist hier nicht eindeutig erkennbar als die Wortwahl des Akteurs. Und weil Bulle eine abwertende Bedeutung hat, heißt das: Der Journalist hat die Wertung übernommen.
Zwar zeigt die indirekte Rede (hätten) schon an, dass eine fremde Aussage wiedergegeben wird. Aber sie reicht nicht aus, um Kernausdrücke im Satz entsprechend zu kennzeichnen. In einem journalistischen Text ist der Satz deshalb erst korrekt, wenn eine zusätzliche Distanzierung vorgenommen wird:

Der Mann behauptete, die „Bullen“ hätten ihn geschlagen.

Eine konventionelle literarische Erzählung würde durch solche Anführungszeichen verfremdet. Im journalistischen Text dagegen ist sie notwendig.
Dies ist der Grund dafür, dass in vielen Meldungen und Berichte die indirekte Rede mit Anführungszeichen oder anderen Wendungen (z.B.: …wie er sich ausdrückt) ergänzt wird.

Beispiel zwei: die Zeit

Wenn ein Ereignis in der Vergangenheit spielt, hat das Deutsche mehrere Formen zur Verfügung. Im Journalismus ist es üblich, den ersten Satz einer Meldung ins Perfekt zu setzen, den Rest ins Präteritum (Imperfekt):

Erneut ist einer Riesen-Gummiente des niederländischen Künstlers Florentijn Hofman die Luft ausgegangen. Am Dienstag explodierte in einer taiwanesischen Hafenstadt eine 18 Meter hohe Version der klassischen gelben Badeente. (Nach heute.at, 31.12.2013)

Wenn eine Information über die Vorgeschichte folgt, steht diese normalerweise im Plusquamperfekt:

Schon im November war dort ein anderes Exemplar geplatzt.

Wenn wir jetzt noch einen Schritt zurückgehen, bietet sich nach klassischer Lehre wiederum nur das Plusquamperfekt an:

Der niederländische Künstler hatte diese Enten installiert, um die Menschen zu erfreuen und politische Spannungen zu mindern.

Aber im aktuellen journalistischen Text ist hier auch eine andere Zeitform möglich:

Der niederländische Künstler hat diese Enten installiert, um die Menschen zu erfreuen und politische Spannungen zu mindern.

Hier steht also wiederum Perfekt, wie wenn es sich um den Anfang einer neuen Meldung handelte.
Dies ist möglich, weil Journalist und Leser in derselben Welt und zur gleichen Zeit leben. Statt in der Logik des Textes zu bleiben (und Plusquamperfekt zu setzen), kann man diese Hintergrundinformation auf die Zeit der Berichterstattung beziehen.
Es gibt also zwei Möglichkeiten, die Zeitverhältnisse auszudrücken: entweder in der Logik des Textes oder in der Logik der aktuellen Berichterstattung. Die Logik des Textes sagt: Das Leben und Sterben der Ente gehört ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt), ihr Vorleben ins Plusquamperfekt. Die Logik der Berichterstattung sagt: Das Leben und Sterben der Ente gehört ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt), ihr Vorleben gehört erneut ins Imperfekt (1. Satz: Perfekt).
Und dies alles nur, weil Journalist und Leser in derselben Welt leben und man den journalistischen Autor für Dinge behaften kann, die der journalistische Erzähler sagt.

Wieviel Mathematik braucht ein Journalist?

Die Brücke, die unweit der Victoria Falls über den Sambesi führt, ist 128 Meter hoch. Sie war seit ihrer Einweihung 1905 ein wichtiges Verbindungsstück auf dem Weg von Süd- nach Nordafrika und spielte oft eine wichtige Rolle in der jüngeren Geschichte der Region (zum Beispiel noch 1975, als während des rhodesischen Bürgerkriegs in einem Eisenbahnwagen auf der Brücke Friedensverhandlungen geführt wurden).

Was tut man, wenn man als Tourist an einer solchen Brücke vorbeikommt?
Man springt an einem Bungee-Seil in die Tiefe.

Genau das tat auch die 22-jährige Erin Langworthy aus West-Australien am letzten Tag des Jahres 2011. Aber das Seil riss und Erin stürzte weiter, in das kühle, sonst nur von Krokodilen bevölkerte Wasser.

Bungee-Sprung von der Victoria-Falls-Brücke
Bungee-Sprung von der Victoria-Falls-Brücke

Foto: Spy007au

Lizenz: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erin Langworthy überlebte, und die Geschichte füllte unzählige Zeitungsspalten auf der ganzen Welt.

Für die Organisatoren und für Zambias Tourismusindustrie war es keine Erfolgsgeschichte. Man fürchtete, dass in Zukunft einige Menschen einen Bogen um die Attraktion machten (und immerhin waren bisher jeden Tag knapp 140 Menschen nur angereist, um sich für 90 Euro von der Brücke fallen zu lassen). Das führte dazu, dass der Minister für Tourismus sich wenige Tage darauf aufmachte, die Harmlosigkeit des Unternehmens zu beweisen und selbst einen Bungee-Sprung von der Brücke zu tun. (Info und Video im Web)

Dementsprechend gipfelten auch die Agenturmeldungen, die die deutschen Redaktionen verarbeiteten, in einem offiziellen Beschwichtigungsstatement:

Langworthy ist laut Sambias Tourimusminister Given Lubinda die erste, deren Seil gerissen ist. Seit zehn Jahren sprängen an der Stelle jedes Jahr 50 000 Menschen. Lubindadie: „Die Chance, dass das Seil reißt, liegt bei 1:500 000.“ (SWP)

Wie bitte?

Der Minister hat also zwei Dinge gesagt:
1. Seit zehn Jahren springen hier jedes Jahr 50 000 Menschen.
2. Die Wahrscheinlichkeit für einen Seilriss liegt bei 1:500 000.

Und die Redaktionen übernehmen das ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne Ironiesignal. Ohne darauf hinzuweisen, dass der Minister nichts anderes getan hat, als den einzigen Fall, den er kennt, durch die Zahl aller bisherigen Sprünge zu dividieren.
Das ergibt 1:500 000. Und natürlich stimmt das rückblickend für diese zehn Jahre und für dieses Bungee-Unternehmen aufs Haar. Aber sonst lässt sich nichts daraus schließen.

Trotzdem haben es Dutzende professioneller Internetdienste wiederholt:

„The probability of an incident is one in 500,000 jumps.“ (So z.B. die Webseiten von The Sun, The Guardian, Christian Science Monitor usw.)

Journalistinnen und Journalisten brauchen keine höhere Mathematik. Ihnen reicht, was sie in der Schule gelernt haben: die einfachen Grundrechenarten, Schätzen, simple Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Was ihnen zu wünschen wäre, ist die Lust, diese Kenntnisse auch anzuwenden.

————————————

PS: Dieser Beitrag ist im Zusammenhang mit einer Hausaufgabe des letzten Schreibtraining-Seminars in Tübingen entstanden. Deshalb das nicht mehr taufrische Ausgangsbeispiel.

Übrigens: Zum Thema Mathematik und Journalismus gibt es einige Klassiker, deren Lektüre ich sehr empfehle (Seite „Literatur“).

Eigene Rede – fremde Rede (3): Wenn direkte Rede wie indirekte klingt

Letzte Woche haben 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars „Schreibtraining“ Kommilitoninnen interviewt und sie nach Mitteln gegen Prüfungsangst gefragt.

So sind 25 kurze Texte entstanden. Darin kamen immer Zitate der Interviewten vor. Hier ein Ausschnitt:

„Angst lähmt dich“, erklärt Biologie- und Chemiestudentin Dina L. (25) und fügt lächelnd hinzu, „dass es keinen Sinn macht, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert“.

Ich habe die Passage: …dass es keinen Sinn macht… angestrichen und der Verfasserin dazu geschrieben, sie solle sich klar für direkte oder indirekte Rede entscheiden. Sie schrieb mir zurück, Dina L. habe dies wortwörtlich gesagt: „Man muss bedenken, dass es keinen Sinn macht, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert.“ Also sei die Passage dass es keinen Sinn macht… direkte Rede und deshalb gehörten die Anführungszeichen hin.

Warum geht es trotzdem nicht?

Weil diese Passage die formalen Merkmale indirekter Rede hat. Damit werden im Text gleichzeitig direkte und indirekte Rede signalisiert. Das irritiert den Leser.

Und hier die Erklärung Schritt für Schritt:

Im Interview sagt Dina also:

Man muss bedenken, dass es keinen Sinn macht, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert. Am einfachsten (mal abgesehen davon, ob es schön klingt oder nicht) wäre es, so zu zitieren:

… erklärt Dina und fügt lächelnd hinzu:“Man muss bedenken, dass es keinen Sinn macht, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert.“ (Direkte Rede.)

Da ist alles noch in Ordnung. Nur ist das Zitat etwas lang. Deshalb ist es verständlich, dass die Autorin den ersten Teil des Zitats weglässt:

… erklärt Dina und fügt lächelnd hinzu, „dass es keinen Sinn macht, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert.“

Von der Schreiberin aus gesehen ist das immer noch direkte Rede. Aber der Leser merkt das nicht mehr. Denn ein Satz, der mit dass anfängt, wird automatisch als Nebensatz interpretiert. Und weil Dina hier keinen Hauptsatz mehr macht, wird er als Nebensatz des Satzes der Journalistin (fügt lächelnd hinzu…) verstanden.

Um diese Interpretation zu verhindern, hat sie die Anführungszeichen gesetzt. Aber das reicht nicht. Es ist als Signal zu schwach, weil es viele Sätze mit: …fügt hinzu, dass… gibt. Zudem kommt bei der Redewiedergabe dass (ohne Konjunktiv) oft vor – besonders in der Umgangssprache:

Sie sagt, dass sie den Pulli morgen kauft.

Übliche Lösungen wären:

… erklärt Dina und fügt lächelnd hinzu, es mache keinen Sinn, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessere.“

… erklärt Dina und fügt lächelnd hinzu: „Es macht keinen Sinn, aufgeregt zu sein, weil es die Situation nicht verbessert.“

So viel darf man ohne weiteres verändern. Tolerierbar wäre sogar die Form:

… erklärt Dina und fügt lächelnd hinzu: „Es macht keinen Sinn, aufgeregt zu sein. Das verbessert die Situation ja nicht.“

Ich würde sogar noch das akzeptieren:

… erklärt Dina und fügt hinzu: „Es macht keinen Sinn, aufgeregt zu sein.“ Sie lächelt: „Das verbessert die Situation ja nicht.“

Dafür hätte ich allerdings im Ernstfall gerne das OK der Gesprächspartnerin, weil es nicht mehr unbedingt ihr Stil ist. Aber den Text würde es lesbarer machen (weil die beiden Aussagen getrennt wären).

 

Eigene Rede – fremde Rede (2): Klarheit beim Zitieren

Es gibt prinzipiell drei Arten, journalistisch zu zitieren:

(1) direkte Rede, (2) indirekte Rede, (3) Redebericht.

…und Hunderte von Mischformen.

Wer in seinen Text Klarheit bringen will, sollte die drei Hauptformen beherrschen und von den Mischformen die Finger lassen.

Direkte Rede bedeutet: So, wie es gesagt wurde, steht’s zwischen Anführungszeichen.

Indirekte Rede ist eine Neuformulierung im Konjunktiv – möglichst so, wie es gesagt wurde.

Redebericht ist eine Wiedergabe der sprachlichen Handlung – verdichtet und in eigenen Worten.

Das soll hier anhand eines Beispiels (auf Grund der Sendung SWR Leute vom 15.11.2012) durchgespielt werden:

(1) Direkte Rede:

Dr. Manuel Vermeer, Sinologe und Unternehmensberater, erklärt deutschen Unternehmern, was sie in China erwartet. “Meine Aufgabe ist es, als Mediator unterwegs zu sein.“

Wir gehen davon aus, dass er genau das gesagt hat.

In einem Bericht über die Verständigungsschwierigkeiten zwischen Deutschen und Chinesen kann das eine längere Erklärung auf den Punkt bringen.

(2) Indirekte Rede:

Manuel Vermeer sagt, seine Aufgabe sei es, als Mediator unterwegs zu sein.

Das Problem ist nur, dass „unterwegs zu sein“ ein metaphorischer Ausdruck ist, der zwar ganz gut zum Interviewten passt; aber er ist stilistisch markiert. Im Berichttext wirkt er mit großer Sicherheit etwas merkwürdig. Denn die indirekte Rede nutzt den Wortschatz des Autors, nicht des Interviewten!

Also ist eine leichte Umschreibung besser:

Manuel Vermeer sagt, er sei Mediator.

(3) Redebericht

Diese letzte Version klingt sehr einfach. Zu einfach, als dass man diese drei Wörtchen als Zitat lesen möchte. Man ist versucht, sie etwas aufzupeppen und gleich die Erklärung einzubauen dass er so etwas Ähnliches wie ein Mediator meint:

Manuel Vermeer sagt, er sei eine Art Mediator.

Schon besser – nur hat er nicht „eine Art“ gesagt. Ohne Rückfrage ist diese Abschwächung nicht ganz fair. Deshalb gibt es eine Form der Redewiedergabe, die noch mehr Freiheit als die indirekte Rede erlaubt – den Redebericht:

Manuel Vermeer bezeichnet sich als Mediator.

Manuel Vermeer versteht seine Funktion als die eines Mediators.

Manuel Vermeer vergleicht seine Tätigkeit mit der eines Mediators.

Das zentrale Wort „Mediator“ bleibt bestehen. Alles andere ist neu formuliert. Hier wird nicht mehr wiedergegeben, sondern über die Rede berichtet.

Der Gag bei all dem ist also, dass die Grenze zwischen eigener und fremder Rede mit den drei Formen unterschiedlich klar gezogen wird: Direkte Rede trennt am saubersten. Schon in indirekter Rede ist die Grenze zwischen eigener und fremder Wortwahl nicht mehr klar. Im Redebericht ist schließlich alles eigene Rede des Journalisten.

Eigene Rede – fremde Rede (1): Klare Grenzen ziehen

Die wichtigste sprachliche Aufgabe im Journalismus ist die Trennung eigener und fremder Aussagen.

Ein Beispiel: Wer hat am Wochenende bei der Piratenpartei interne Querelen diagnostiziert?

Parteichef Schlömer kritisiert interne Querelen
(n-tv.de, 21.1.2013)

Das ist eine Überschrift nach der Niedersachsenwahl vom 20.1.2013. Die Piraten haben nur 2,1 Prozent der Stimmen erhalten. Der Parteichef glaubt die Gründe zu kennen: interne Querelen.

So, wie es hier steht, sind diese Querelen eine ebenso gesicherte Tatsache wie die 2,1 Prozent.

Sollte aber gar nicht gesichert sein, dass es diese Querelen gibt (oder am Sonntag Abend die Zeit für Recherchen einfach fehlen), dann muss man als Journalist klar machen: Das ist nicht meine Aussage, sondern diejenige des Politikers. Man trennt beides klar. Dafür gibt es von Alters her ein gutes Mittel: Anführungszeichen.

Welt.de hat ganz ähnlich getitelt, aber mit dieser klaren Abgrenzung:

Piraten-Chef Schlömer beklagt „interne Querelen“(welt.de, 21.1.2013)

Es gibt eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Schreibern und Lesern. Die besagt, dass der Journalist alles, was er als eigene Rede wiedergibt, durch Recherche gesichert ist. Wer das nicht tut, gefährdet seine Glaubwürdigkeit.

Natürlich gilt diese Regel auch für alle anderen Berufe, bei denen für die Öffentlichkeit formuliert wird. Zum Beispiel tut auch jeder, der eine Dissertation schreibt gut daran, sie zu befolgen.

Im Journalismus ist das Problem besonders gravierend, weil man als Journalist mit lauter Informationen überschwemmt wird, die längst ein anderer formuliert hat. Politiker, Werber, Pressesprecher, Kulturschaffende – sie alle produzieren nicht nur Ereignisse, sondern sie formulieren auch die Nachrichten darüber gleich selbst. Und weil sie daran selbst beteiligt sind, ist ihre Wortwahl parteiisch.

Als Journalistin oder Journalist muss laufend Informationen überprüfen: Welche Formulierungen kann ich übernehmen? Welche Ausdrücke muss ich neu fassen? Welche Aussagen und Wörter muss ich als Zitat kennzeichnen?

Wie gesagt, es täte jedem Beruf gut, wenn Texte so sorgfältig auf eigene und fremde Aussagen überprüft würden. Aber im Journalismus ist es besonders wichtig, weil sich einem da die Quellen direkt aufdrängen.

Nach der Niedersachsenwahl sagt FDP-Parteipräsident, er sei zum Rücktritt bereit.

oder

Rösler zu Rücktritt bereit

titeln da viele Nachrichten-Sites. Keiner weiß, ob das wirklich stimmt. Recht haben alle die, die dies deutlich machen, indem sie zum Beispiel schreiben:

FDP-Chef Rösler soll zum Rücktritt bereit sein (sueddeutsche.de)
Rösler angeblich zum Rücktritt bereit (Handelsblatt.com)

 

Wenn man der Sache nachgeht, liest man nämlich:

Es passiert hinter verschlossenen Türen. Die Liberalen ringen um ihre Zukunft. Parteichef Rösler bietet seinen Rücktritt an und schlägt Fraktionschef Brüderle als Nachfolger vor… (n-tv.de)

Wer weiß schon, was „hinter verschlossenen Türen“ wirklich gesagt wurde? Wer weiß, ob es nur ein Taktieren war? Vielleicht hat es Rösler geholfen, wenn sein Rücktrittsangebot weltweit verbreitet wurde. Was er wirklich beabsichtigt hatte, kann man nur ahnen. Um dies auszudrückn, hat die Sprache klare Formen entwickelt: von der direkten Rede bis zum umschreibenen Redebericht.