Die begehrte Notrufsäule

Zunächst ist es nur ein sprachkritischer Reflex. Man greift nach der Zeitung und liest auf der ersten Seite (Südwestpresse, 23.4.2014) die Überschrift:

Begehrteste Notrufsäule der Republik.

Wie kommt eine Redaktion gerade zu dieser Wortkombination? Notrufsäulen werden sind doch nicht Objekt einer Begierde. Wer eine Notrufsäule braucht, ist, wie der Name sagt, in Not – oder fühlt sich zumindest so.

Man erinnert sich an die 107-jährige Kurdin, deren Flucht die Südwestpresse frivol mit „belebenden Angeboten für Körper, Geist und Seele“ verglichen hat.

Notrufsäule

 
Ok, vielleicht ist das alles ganz harmlos. Vielleicht haben sich die Leute alle einen Jux gemacht, und es ist eines der leichten Themen, die wir so lieben. Deshalb verweist dieser kurze Text ja auch auf die Seite „Im Brennpunkt“. Da findet sich denn auch ein dpa-Artikel von immerhin 2000 Zeichen zum Thema:

Entlang der Autobahn: Helfer in Orange

Darunter steht ein kurzer Lead:

Warum Langenau? Die Notrufsäule beim Autobahnkreuz Elchingen wurde 2013 am meisten genutzt, bei Pannen oder Orientierungsproblemen.

Jetzt wollen wir’s aber wissen!

Wir hoffen, dass uns der Autor im Text endlich sagt, was dahinter steckt. Aber nein. Es ist ein ganz allgemeiner Text, hergestellt in irgendeinem dpa-Büro, auf der Basis von Informationen einer Hamburger Firma, die GDV heißt und bei der alle Notrufe eingehen. Das Thema „Langenau“ wird im Text noch zwei Mal erwähnt. Zuerst gleich im zweiten Abschnitt, nachdem das Thema eingeführt worden ist:

Die schmalen Helfer werden jedes Jahr tausendfach benutzt. Eine davon besonders häufig: Sie steht an der Autobahn 7 bei Langenau in Baden-Württemberg und trägt das Prädikat Deutschlands meistgenutzte Autobahn-Notrufsäule.

Und dann nochmals zwei Abschnitte später:

Kurz hinter dem Autobahnkreuz Ulm-Elchingen an der Ausfahrt Langenau wurden 125 Pannen- und Notrufe abgesetzt. Warum gerade dort besonders häufig Hilfe angefordert wird, ist nicht bekannt.

Der Rest ist ein nett aufbereitetes Textlein über die Zahl der Notrufsäulen und ihrer Nutzung in Deutschland im Jahr 2013.

Also: Warum sich die Zeitung herausnimmt, die Benutzer von Notrufsäulen nicht ernst zu nehmen, wird nicht gesagt. Auf ein Minimum an Recherche im Umkreis dieser „begehrten“ Notrufsäule wird verzichtet. Ein interessantes Thema, das nah an den wenigen Menschen sein könnte, die die Zeitung noch in die Hand nehmen, ist routinemäßig verwurschtet worden.

Meine Vermutung:

  1. Der dpa-Autor schreibt den Bericht anlässlich der diesjährigen Statistik der Firma GDV.
  2. Er fügt für die schwäbischen Abnehmer einen Regionalbezug ein, hat aber anderes zu tun, als nach Langenau zu fahren, um weiter zu recherchieren.
  3. Die Redakteure der Südwestpresse erkennen den Regionalbezug und platzieren einen Anreißer auf ihrer Frontseite – mit einem Bild und einer Grafik, die die GDV der Presse zur Verfügung stellt.
  4. Die Notrufsäule, um die es hier geht, steht ca. 15 km Luflinie von der Ulmer Redaktion der Südwestpresse entfernt. Auf die Idee, die Geschichte durch eigene Recherche anzureichern, kam keiner.