Eigene Rede – fremde Rede (1): Klare Grenzen ziehen

Die wichtigste sprachliche Aufgabe im Journalismus ist die Trennung eigener und fremder Aussagen.

Ein Beispiel: Wer hat am Wochenende bei der Piratenpartei interne Querelen diagnostiziert?

Parteichef Schlömer kritisiert interne Querelen
(n-tv.de, 21.1.2013)

Das ist eine Überschrift nach der Niedersachsenwahl vom 20.1.2013. Die Piraten haben nur 2,1 Prozent der Stimmen erhalten. Der Parteichef glaubt die Gründe zu kennen: interne Querelen.

So, wie es hier steht, sind diese Querelen eine ebenso gesicherte Tatsache wie die 2,1 Prozent.

Sollte aber gar nicht gesichert sein, dass es diese Querelen gibt (oder am Sonntag Abend die Zeit für Recherchen einfach fehlen), dann muss man als Journalist klar machen: Das ist nicht meine Aussage, sondern diejenige des Politikers. Man trennt beides klar. Dafür gibt es von Alters her ein gutes Mittel: Anführungszeichen.

Welt.de hat ganz ähnlich getitelt, aber mit dieser klaren Abgrenzung:

Piraten-Chef Schlömer beklagt „interne Querelen“(welt.de, 21.1.2013)

Es gibt eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Schreibern und Lesern. Die besagt, dass der Journalist alles, was er als eigene Rede wiedergibt, durch Recherche gesichert ist. Wer das nicht tut, gefährdet seine Glaubwürdigkeit.

Natürlich gilt diese Regel auch für alle anderen Berufe, bei denen für die Öffentlichkeit formuliert wird. Zum Beispiel tut auch jeder, der eine Dissertation schreibt gut daran, sie zu befolgen.

Im Journalismus ist das Problem besonders gravierend, weil man als Journalist mit lauter Informationen überschwemmt wird, die längst ein anderer formuliert hat. Politiker, Werber, Pressesprecher, Kulturschaffende – sie alle produzieren nicht nur Ereignisse, sondern sie formulieren auch die Nachrichten darüber gleich selbst. Und weil sie daran selbst beteiligt sind, ist ihre Wortwahl parteiisch.

Als Journalistin oder Journalist muss laufend Informationen überprüfen: Welche Formulierungen kann ich übernehmen? Welche Ausdrücke muss ich neu fassen? Welche Aussagen und Wörter muss ich als Zitat kennzeichnen?

Wie gesagt, es täte jedem Beruf gut, wenn Texte so sorgfältig auf eigene und fremde Aussagen überprüft würden. Aber im Journalismus ist es besonders wichtig, weil sich einem da die Quellen direkt aufdrängen.

Nach der Niedersachsenwahl sagt FDP-Parteipräsident, er sei zum Rücktritt bereit.

oder

Rösler zu Rücktritt bereit

titeln da viele Nachrichten-Sites. Keiner weiß, ob das wirklich stimmt. Recht haben alle die, die dies deutlich machen, indem sie zum Beispiel schreiben:

FDP-Chef Rösler soll zum Rücktritt bereit sein (sueddeutsche.de)
Rösler angeblich zum Rücktritt bereit (Handelsblatt.com)

 

Wenn man der Sache nachgeht, liest man nämlich:

Es passiert hinter verschlossenen Türen. Die Liberalen ringen um ihre Zukunft. Parteichef Rösler bietet seinen Rücktritt an und schlägt Fraktionschef Brüderle als Nachfolger vor… (n-tv.de)

Wer weiß schon, was „hinter verschlossenen Türen“ wirklich gesagt wurde? Wer weiß, ob es nur ein Taktieren war? Vielleicht hat es Rösler geholfen, wenn sein Rücktrittsangebot weltweit verbreitet wurde. Was er wirklich beabsichtigt hatte, kann man nur ahnen. Um dies auszudrückn, hat die Sprache klare Formen entwickelt: von der direkten Rede bis zum umschreibenen Redebericht.