Ein juristisches Thema – einfach und verständlich

Wenn es um Recht und Gerechtigkeit geht, sollten alle mitreden können. Dennoch gilt die Sprache der Juristen als besonders kompliziert. Juristische Texte sind für Normalbürger oft wenig verständlich. Um so schöner, wenn es gerade ein Artikel zu einem juristischen Thema ist, der als Paradebeispiel für Verständlichkeit dienen kann:

Mord und Totschlag – Maas will Strafrecht reformieren

Heribert Prantl und Robert Rossmann informieren auf der Titelseite der Süddeutschen in einem kurzen Text über ein spannendes Stück Strafrecht.

Mord und Totschlag:

Eine Menge an Verständlichkeitsproblemen entstehen dadurch, dass die juristische Fachsprache viele Begriffe enthält, die gleich klingen wie Alltagswörter aus unserer Umgangssprache. Als Journalist übernimmt man leicht einen solchen Begriff und übersieht, dass man ihn erklären muss. Mord ist ein solcher Stolperstein.

Sherlock Holmes und Professor Moriarty im Kampf an den Reichenbachfällen
Sherlock Holmes und Professor Moriarty im Kampf an den Reichenbachfällen. (Public Domain, zu finden bei Wikipedia.)

Wer diesen Text Schritt für Schritt liest, kann daraus lernen, wie man einen Hintergrundbericht verständlich schreibt.

1. Die Nachricht

Der Text beginnt mit einem Nachrichtensatz:

Bundesjustizminister Heiko Maas will die Paragrafen zu Mord und Totschlag ändern.

Damit haben wir den Küchenzuruf. Es ist alles drin, was in den ersten Satz einer Nachricht gehört. In elf Wörtern ist die Frage: Wer tut was? beantwortet.

2. Der Anlass

Der zweite Satz verweist auf den Anlass der Nachricht und auf ihre Quelle.

Der SPD-Politiker sagte der Süddeutschen Zeitung, bei den Tötungsdelikten im Strafgesetzbuch gebe es einen „gesetzgeberischen Regelungsbedarf“. Er strebe deshalb „noch in dieser Legislaturperiode“ eine Änderung an.

(Der SPD-Politiker sagte der Süddeutschen Zeitung… ist nicht nur eine Quellenangabe, sondern auch ein Hinweis in eigener Sache: Mit diesem Artikel auf der Titelseite soll das Interview mit dem Politiker, das im Innern der selben Ausgabe steht, verkauft werden.)

Zugegeben – diese Absichtserklärung hätte man auch ohne die hässlichen Politikerausdrücke wiedergeben können. Aber dann fangen sich die Autoren wieder auf. Sie sagen knapp, worum es geht:

Ziel sei es, Mord besser zu definieren.

3. Die Leserperspektive

Als einfacher Bürger und Krimileser fragt man sich: Warum das Ganze? – Deshalb wird jetzt die Perspektive gewechselt und die Sache gerade mit dieser Fragestellung weiter erklärt:

Maas sagte, viele Laien verstünden unter Mord eine geplante, genau überlegte Tötung – und unter Totschlag eine Tötung im Affekt.

Ist es denn nicht so? Mich hat dieser Satz überrascht. Deshalb habe ich weitergelesen:

Ungefähr so sei es auch bis 1941 geltendes Recht gewesen. Dann haben die Nationalsozialisten jedoch die Mordmerkmale geändert.

Es geht also um eine Altlast von den Nazis. Eine weitere juristische Altlast, fast 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Für mich ist das ein Köder, ein Satz, der mich motiviert, weiterzulesen.

4. Die Erklärung

Fast unmerklich ist die indirekte Rede in eigene Rede übergegangen. Vom Konjunktiv sei… im vorletzten Satz ging es über zum Indikativ haben… im nächsten Satz. Die Autoren zitieren nicht mehr. Sie sprechen selbst. Denn es ist ihre Aufgabe, den juristischen Sachverhalt zu erklären. Ein Minister ist keine akzeptable Quelle für Rechtsgeschichte. Er soll zu seinen eigenen Argumenten Auskunft geben; für die fachlichen Erklärungen sind die Journalisten zuständig.

Prantl und Rossmann zitieren das Strafgesetzbuch – so, wie es von den Nazis formuliert worden ist:

Seitdem heißt es im Strafgesetzbuch, Mörder sei, „wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam (…) einen Menschen tötet“.

Und dann folgt der Kern des Problems:

Die Rechtsprechung zum Mord orientiert sich deshalb bis heute am Leitbegriff der „niedrigen Beweggründe“, der einen Tätertyp beschreibt, wie ihn sich die Juristen im Dritten Reich vorstellten.

Noch im Jahr 2014 wird also in der Rechtssprechung die Nazipsychologie verwendet:

In der Praxis ist der Unterschied zwischen einem Mord und einem Totschlag auch deshalb oft nicht genau zu ziehen. „Mord und Totschlag entsprechen so, wie sie in den Paragrafen 211 und 212 definiert sind, nicht der Systematik des Strafgesetzbuches“, sagte Maas. Es seien „täterbezogene Delikte“, das Strafgesetzbuch gehe „ansonsten aber von tatbezogenen Delikten aus“.

Und hier lassen die Autoren wieder den Minister zu Wort kommen. Weil es darum geht, diese Vorgaben zu bewerten, wird hier wieder zitiert:

Der geltende Mordparagraf beschreibe „also nicht, wann eine Tat ein Mord ist“. Stattdessen beschreibe er „einen Menschentypus mit moralisch aufgeladenen Gesinnungsmerkmalen wie ,niedrige Beweggründe‘ oder ,Heimtücke‘“. Das sei „noch immer die beklemmende Beschreibung eines Mörders, wie ihn sich die Nazis vorgestellt haben“.

Wahrscheinlich ist dies auch die Meinung der Autoren des Artikels. Aber da es eine subjektive Beurteilung ist, zitieren sie hier wieder den Minister. Immerhin ist er es ja, der den Anstoß zur Änderung der Paragrafen geben will:

Es sei „ein Verdienst der Gerichte, dass sie dieses schlechte Gesetz überhaupt anwendbar gemacht haben“, sagte Maas. Es sei jetzt Aufgabe des Gesetzgebers, „den Gerichten bessere Regelungen an die Hand zu geben“. Deswegen würden die Tötungsdelikte „einer grundlegenden Reform“ unterzogen.

5. Die Illustration

Nach einem kurzen Abschnitt über das weitere Verfahren, folgt ein drastisches, auch Laien einleuchtendes Beispiel:

Maas begründete die Reform auch mit dem sogenannten Haustyrannen-Dilemma. Ein Mann, der seine Frau erschlägt, kommt bisher womöglich mit Totschlag davon, also mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe. Die Ehefrau, die jahrzehntelang von ihrem Mann gequält worden ist, und den Haustyrannen vergiftet, bekommt aber automatisch „lebenslänglich“, da der Einsatz von Gift als heimtückisch gilt und damit immer als Mord geahndet werden muss. Der Minister will mit der Reform des Mordparagrafen auch dieses Dilemma lösen.

6. Ginge es noch attraktiver?

Der Artikel ist einfach und linear aufgebaut. Das Thema wird genannt, eingeordnet, erklärt, illustriert. Das macht ihn verständlich, aber natürlich könnte man ihn sich attraktiver vorstellen. Dass er diese sachliche Struktur hat, hängt damit zusammen, dass er auf der Titelseite steht und den Anspruch hat, eine Nachricht wiederzugeben.

Wenn dies nicht so wäre, hätten die Autoren die Informationen anders angeordnet. Sie wären mit einem attraktiven Sachverhalt eingestiegen (mit den niedrigen Beweggründen oder mit dem Haustyrannen-Dilemma) und hätten daraus das Problem entwickelt. Dennoch ist es auch hier gelungen, ein Thema einzugrenzen und auf einige wesentliche Aussagen zu reduzieren, so dass es informativ und verständlich rüberkommt.