Ist Merkel empört?

Wer sich um klare journalistische Sprache bemüht, hat eine große Hauptaufgabe: eigene und fremde Aussagen zu trennen.

Im Anschluss an die Regierungsklausur in Meseberg hat sich die deutsche Bundeskanzlerin zu den Ereignissen in der Ukraine geäußert. Sie sagte bei einer Pressekonferenz, die Regierung in Berlin sei empört darüber, wie in Kiew Gesetze durchgepeitscht wurden, welche demokratische Freiheiten, vor allem das der friedlichen Demonstrationen, infrage stellten. (nzz.ch, 24.1.2014)

Wie geben wir das wieder?

Reflexartig würde man schreiben: Merkel ist empört…

Damit wäre aber der Zitatcharakter nicht mehr erkennbar. Empörung ist ein innerer Zustand, und ob ein Politiker wirklich empört ist oder sich nur so gibt, lässt sich nicht überprüfen. Deshalb ist es korrekt, dass die Süddeutsche (und mit ihr überraschend viele andere Zeitungen) schreibt:

Die Kanzlerin […] zeigt sich empört darüber, wie der Präsident die Grundrechte missachte.

Sie zitiert. Sie distanziert sich klar. Nicht: ist empört, sondern: zeigt sich empört.

Auch im Nebensatz wird klar gemacht, dass zitiert wird:

…wie der Präsident die Grundrechte missachte.

Konjunktiv. Das ist zwar nicht besonders elegant, aber trennt die eigene von der fremden Meinung. Dass auch die Redaktion der Süddeutschen meint, dass Janukowitsch die Grundrechte missachte, kann angenommen werden. Es tut hier aber nichts zur Sache. Wer in dieser Frage nicht konsequent ist (und zum Beispiel sich nur dann zitiert, wenn er die Meinung nicht teilt), schwächt den eigenen journalistischen Standpunkt.