Mauerfall und Kitsch

42 Millionen Exemplare einer Jubiläumszeitung wurden in die deutschen Briefkästen gestopft. „Liebes Deutschland“, steht da in roter Schrift über dem Bild, von dem ich zuerst dachte, es dokumentiere den Zustand deutscher Autostraßen. Es ist aber ein Riss in der Berliner Mauer, hinterlegt mit einem hoffnungsvollen Blau, das wiederum aufgelockert wird von einem lyrischen Text in Weiß.

Bild-Sonderausgabe vom 9.11.2014
Bild-Sonderausgabe vom 9.11.2014

„Dies war einmal ein Stein, und er erzählt und seine Story,“ schreibt da Bild-Autor F.J.Wagner. „Dieser zerbrochene Mauerstein erzählt die Geschichte der glücklichen Deutschen“, lautet der letzte Satz dieser Instant-Poesie.

Eine Story. Eingerahmt von Werbe-Anzeigen für VW, UltraGrip 9 von Good Year und die Deutsche Bank.

Es wird uns zur Zeit viel Kitsch zugemutet, nicht nur in der Sonderausgabe von Bild. Die Reduktion der deutschen Teilung auf eine Linie luftiger Lichtbälle durch Berlin entfernt uns vielleicht weiter von der historischen Realität als die Tatsache, dass ein Bild-Leser oder eine Bild-Leserin im Telefon-Gewinnspiel („0,50 Euro/Anruf a.d. Festnetz, Mobil viel teurer!“) demnächst ein „historisches Mauerstück“ gewinnen kann (3,60 mal 1,20 mal 2,10, 2800 kg).

Die Freiheit, die sie meinen, ist „Freiheit aus Leidenschaft“ (so das Inserat der Deutschen Bank) oder die Freiheit des George H. W. Bush, der neben Michail Gorbatschow auf Seite 4 ein Grußwort platzieren durfte. Überschrift:

„Freiheit setzt sich immer durch.“

Man möge zur Kenntnis nehmen, dass sie sich an den meisten Orten nicht durchgesetzt hat, wo Bush interveniert ist: nicht in Somalia, nicht in Irak. Aber immerhin war er damals aktiv beteiligt und hat das Recht auf seine Phrasen. Viel weniger beteiligt war die Brillenkette fielmann, die sich ein halbseitiges Inserat geleistet hat:

Ein Tag der Freude. Jahre der Freiheit. 25 Jahre Mauerfall. Wir sind dankbar und glücklich über die Wiedervereinigung.

Dankbar und glücklich: Fielmann hat auf dem Gebiet der ehemaligen DDR weit über 100 Filialen errichten können.

Am klarsten bringt VW die Sache auf den Punkt. Auf zwei ganzseitigen Inseraten stehen zwei Sätze:

Wir sind das Volk.
Wir sind das Auto.