Schlagwort-Archiv: DOSB

Seid misstrauisch, wenn einer Einfaches kompliziert sagt!

Wer sich absichtlich kompliziert ausdrückt, will vielleicht um den heißen Brei reden. Das Zaubermittel gegen Geschwurbel heißt Portionieren. Wer aus einem komplizierten Satz mehrere einfache Sätze macht, überblickt den Inhalt besser, deckt Unstimmigkeiten auf und hat eine gute Ausgangsbasis für verständlicheres Formulieren.

„Deutschland ist mal wieder dran“

Deutschland soll sich wieder als Austragungsort für die Olympischen Spiele bewerben. In Frage kommen die Städte Hamburg und Berlin. Bild am Sonntag interviewt Alfons Hörmann, den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes. Zuerst ganz einfach:

Herr Hörmann, alle Bewerbungen für Olympische Spiele in den letzten 20 Jahren gingen krachend daneben. Wie stehen die Chancen diesmal?
Alfons Hörmann (54): Wenn wir nicht der festen Überzeugung wären, dass wir gute Chancen haben, würden wir uns nicht bewerben. Der feste Glaube an den Sieg motiviert uns, anzutreten. Ich finde, Deutschland ist mal wieder dran.
Was muss besser laufen, damit wir uns nicht wieder blamieren?
Wir müssen mit der Stadt, die wir auswählen, den Bürgerentscheid gut vorbereiten. Wir sind schon jetzt viel kommunikativer unterwegs. Sowohl in Berlin als auch in Hamburg wird schon wesentlich mehr mit den Bürgern kommuniziert als das vor einem Jahr in München der Fall gewesen ist. (Bild am Sonntag, 2.11.2014)

Bis jetzt habe ich alles verstanden. Wenn man die Bürger entscheiden lassen will, muss man halt viel kommunizieren, damit die Bürger nicht falsch entscheiden. Dann aber folgt der gloriose Satz:

Die grundsätzliche Zustimmung von nahezu 80 Prozent in Berlin und Hamburg muss nun zu einer mehrheitlichen Zustimmung auch zum konkreten Bewerbungskonzept der gewählten Stadt werden.

Die grundsätzliche Zustimmung muss zur mehrheitlichen Zustimmung werden? Was soll das? Der Redner flüchtet sich in Substantivierungen. Der Sinn erschließt sich nicht direkt.

Substantivierungen werden gebraucht, wenn man nicht konkret werden will. Sie dienen zur Verschleierung. Aufgelöst heißt der Satz:

In Berlin und Hamburg haben nahezu 80 Prozent (der von Forsa befragten) zugestimmt.
Sie haben aber nicht dem konkreten Bewerbungskonzept ihrer Stadt zugestimmt.

Wenn man nur schon auf diese Weise umformuliert, wird klar: Hier fehlen Informationen. Welche? – Lasst uns googeln!

Für jede Meinung eine passende Mehrheit

Wer über besagte Umfrage mehr wissen will, kommt  irritierenderweise zu unterschiedlichen Darstellungen – scheinbar auf Grund derselben Zahlen:

Laut einer repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa gerade im Auftrag der Berliner Zeitung durchgeführt hat, gibt es nur eine hauchdünne Mehrheit für eine Berliner Bewerbung. 52 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, 46 Prozent dagegen. Olympia-Gegner wie auch Befürworter haben in den vergangenen Wochen betont, dass eine breite Akzeptanz der Bevölkerung unerlässlich sei für eine mögliche Bewerbung. Diese Bedingung ist demnach noch nicht erfüllt. (Berliner Zeitung, 7.8.2014)

Der DOSB dagegen stellt die Sache so dar:

Einer vom DOSB in Auftrag gegebenen repräsentativen Forsa-Umfrage von Anfang September 2014 zufolge würden es mehr als drei Viertel der Bürgerinnen und Bürger in den beiden Städten begrüßen, wenn Olympische und Paralympische Spiele wieder in Deutschland stattfänden: In Hamburg sind es 80 Prozent und in Berlin 79 Prozent. Dies entspricht auch dem Ergebnis anderer repräsentativer Umfragen in ganz Deutschland. (Mitteilung des DOSB vom 28.10.2014)

Die Lösung liegt darin, dass die Befragten zwei Mal antworten mussten: einmal zur Frage, ob sie Olympische Spiele in Deutschland wollen, und dann ob sie Olympische Spiele in der eigenen Stadt wollen. Olympia in Deutschland ist fein, Olympia in der eigenen Stadt viel weniger.

Das führt dann halt zu unterschiedlichen Texten, je nachdem, auf welcher Seite man steht. Und zum Geschwurbel im Interview. Zum Glück hat der DOSB eine klare Strategie, wie es der Präsident in seinem Interview in bewährter militärischer Phraseologie demonstriert:

Entscheidend wird zudem sein, dass wir unsere eigenen Reihen team- und erfolgsorientiert geschlossen halten.

Die Reihen geschlossen halten: Wenn es nur schon für Vorgänge innerhalb des DOSB diese kriegerische Metaphorik braucht, ist es mit dem festen Glauben an den Sieg wohl nicht so weit her.