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Leidenschaftliches Geschichtenerzählen

 

Das muss echt spannend sein: Du bist Moderator der SWR-Talkshow „Leute“, und anstatt einen Gast aus dem realen Leben zu interviewen, wird dir ein Thema in eigener Sache aufs Auge gedrückt. Um welchen spannenden Tatbestand ging es an diesem 3. November 2014? Moderator Wolfgang Heim drückte es so aus:

Das SWR-Fernsehen startet heute mit seinem neuen Informationsangebot, mit seinen neuen Informationssendungen: „Landesschau“, „Landesschau aktuell“…

Ich dachte: Die gibt’s doch schon. Aber irgendwie ist es verständlich, dass es der Moderator nicht so richtig hingekriegt hat. Denn es geht um den kleinen Unterschied zwischen…

Landesschau vorher

 

(TV-Programm vom 30. Oktober 2014)

… und:

Landesschau nachher

 

(TV-Programm vom 3. November 2014)

Man beachte die erste Spalte, zweite Zeile: Die „Landesschau“ ist jetzt kürzer, die Sendung mit dem fast gleichen Namen, „Landesschau aktuell“, ist jetzt länger.

Man muss schon tief in die Kiste der pathetischen Sprachkunst greifen, um dem auf Anhieb etwas abzugewinnen. Hätte sich Heim nur bei seinem obersten Chef bedient, dann hätte er die historische Bedeutung erkannt:

„Der 3. November 2014 ist für den SWR und seine Zuschauerinnen und Zuschauer eine Zeitenwende. Zum einen ganz wörtlich genommen, denn es ändert sich ja die Sendezeit unseres Nachrichten-Flaggschiffs erstmals seit vielen Jahren. Vor allem aber werden unsere traditionsreichen Landesnachrichten auch inhaltlich in eine neue Zeit aufbrechen.“

So weit Intendant Peter Boudgoust.

Wolfgang Heim versuchte den Moderator der um 15 Minuten gekürzten Sendung zu einer kritischen Anmerkung zu verleiten. Dieser aber rettete sich gekonnt mit Ausrücken wie „Ansporn“ und „Chance“ („Die Chance besteht darin, dass wir uns noch mehr konzentrieren müssen“).

Die Geschichtenerzähler

Das Neue aber an den Sendungen – und zwar in den internen Richtlinien festgeschrieben – ist nach einhelliger Meinung dies:

(Moderator Heim:) Äh wie steht es da in diesem internen äh Leitfaden: man müsse ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler sein?
(Moderator Weber:) Äh Wolfgang, zuerst mal steht über diesem Leitfaden streng vertraulich, ja? Aber da wir unter uns sind: Es ist schon so, aber das ist eine Selbstverständlichkeit, ähm dass der Moderator regional kompetent ist und leidenschaftlich Geschichten erzählt. Und das müssen wir natürlich für uns in Anspruch nehmen, und deswegen machen wir den Job. Also insbesondere diese leidenschaftliche Geschichtenerzählen ähm das ist äh ein eine Sache, die wir noch mehr intensivieren wollen in der neuen Landesschau nämlich. (SWR-1, Leute, 4.11.2014)

Die Botschaft lautet: Wir müssen in Zukunft noch leidenschaftlicher Geschichtenerzählen, obwohl wir schon von Natur aus leidenschaftliche Geschichtenerzähler sind. Oder in den Worten der Kollegin von der kürzeren, jetzt doppelt so langen Sendung:

Unsere Zuschauer können sich darauf freuen, dass wir mehr Zeit haben in dieser halben Stunde, Hintergründe zu erklären, und wir können auch die Geschichten erzählen, weil hinter jeder Nachricht steckt auch ’ne Geschichte. („Making-of-„Video)

Storytelling – damit macht man auch das lahmste journalistische Boot wieder flott, ob man es jetzt als Flaggschiff versteht oder als ein anderes kriegerisches Gefährt:

(Moderator Heim:) Äh das das das leidenschaftliche Geschichtenerzählen?
(Moderator Weber:) Äh also ich glaube, das tun wir Moderatoren schon äh immer, würde ich jetzt mal behaupten für uns. (M: Ach so.) Aber äh insbesondere darauf, dass wir nicht äh Nachrichten vermelden, ähm sondern versuchen, immer zu schauen: Was hat das mit den Menschen in Baden-Württemberg zu tun? Können wir über die Menschen in Baden-Württemberg eben das erzählen, was tagtäglich passiert? Also uns immer Protagonisten suchen, anhand derer wir Geschichten erzählen, Stichwort: Persönlich.

Es ist ja gar nicht falsch, sich am Geschichtenerzählen zu orientieren (ob es sich als Verkaufsargument eignet, ist mir allerdings nicht so klar). Aber das Beunruhigende ist, wie viel man bei der Neugestaltung und Propagierung einer Sendung auf ein formales Prinzip – auf die Personalisierung – setzt. Und wie wenig man der Tatsache vertraut, dass die Menschen auch dann einschalten würden, wenn man ihnen sagte: Wir bringen das, was wichtig ist. Wir glauben, dass Sie diese aktuellen Informationen erfahren müssen.

Und noch kurz etwas zum allgegenwärtigen „Flaggschiff“

(zu hören im Zusammenhang mit: Tagesschau, Tagesthemen, Heute, heute-journal usw. usw.)

Flaggschiff, das Kriegsschiff eines Verbandes, auf dem der führende Admiral mit seinem Stab eingeschifft ist. Das F. ist durch ein Kommandozeichen (Admiralflagge) kenntlich gemacht. (Brockhaus, Band 6, 1968)

Wenn ich bei der Landesschau oder beim heute-journal oder beim Stern arbeitete – ich würde mich immer und überall dagegen wehren, dass mein friedliches journalistisches Produkt mit einem Kriegsschiff verglichen würde.

(Außer ich hätte die Abgeklärtheit des Donald Duck, dessen Mütze einst die Aufschrift Torpedobootzerstörer Niederschlesien trug.)

Und à propos „Zeitenwende“:

In jeder politischen Zeitenwende können Worte zu Schicksalen, öffentliche Meinungen zu Leidenschaften werden.

(Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, 2. Band, Kap. 5)