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Storytelling, Teil 9:
 Erzählen ist besser als Faseln. Oder: Wie die Südwestpresse aus der Flucht einer Kurdin eine Seniorenfreizeit macht

Ein journalistischer Text ist eine Szene. In ihr kommen vor: Kommunikator, Akteur und Rezipient. Jeder Text wird dadurch charakterisiert, wie diese drei Figuren zueinander in Beziehung stehen.

Wer einen journalistischen Text schreibt, sollte überprüfen, wie er darin seine Rolle ausübt: Welche Beziehung stellst zum Akteur her, über den du schreibst (nah/distanziert, neutral/wertend usw.)?
Welche Beziehung stellst du zum Rezipienten her, für den du schreibst (mitteilend/überzeugend/belehrend usw.)

Im deutschen Journalismus ist es üblich geworden, dass man seine Beziehung zum Leser grundlegend verändert, sobald das Thema keine aktuelle politische Nachricht mehr ist. Plötzlich drängt es den Journalisten, den Leser mit seiner Meinung zu plagen. Man wird zum Philosophen oder zum politischen Kommentator. Statt einfach zu erzählen.

Oft demonstrieren dann die Texte nichts anderes als Gedankenlosigkeit.

Asylantrag mit 107

Asylantrag mit 107: Der Titel sagt es in weniger als 20 Zeichen: Eine 107-jährige Frau ist in Düsseldorf gelandet und hat einen Asylantrag gestellt.

Als ob das nicht interessant genug wäre, beginnt die Südwestpresse die Unterzeile mit der (in diesem Zusammenhang schon ans Infame grenzenden) Plattitüde:

Hochbetagte können hochaktiv sein (SWP, 18.3.2014)

Erstens ist das in diesem Zusammenhang absolut uninteressant. Zweitens ist die Geschichte, wie man später erfährt, meilenweit entfernt von einer Seniorenbelustigung:

Die Kurdin gehört zur verfolgten Religionsgemeinschaft der Yesiden und stammt aus einem Dorf nahe der Türkei. Mehr als sechs Monate war sie auf der Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg. Auf dem Mittelmeer kenterte das Boot, in dem sie nach Italien wollte. In letzter Minute wurde sie dann von der griechischen Polizei gerettet…

Wäre der (zusammen mit der Agentur epd mit seinem Namen zeichnende) Redakteur in seiner Ausbildung auf den Begriff „erzählen“ gestoßen – er hätte sich vielleicht etwas mehr im Hintergrund gehalten. Er wäre der Geschichte mit mehr Respekt begegnet und hätte ganz einfach berichtet, was zu berichten ist.

Belebend für Körper, Geist und Seele

Aber nein: Weil er sich dafür entschlossen hat, das Thema als unterhaltend zu behandeln, beginnt der Text auch gar nicht mit dem Ereignis, sondern mit einem Blick auf die deutsche Heimlandschaft:

Es soll ja Heime geben, die renommieren mit Bewohnern, die es in ihrer Obhut geschafft haben, 101 zu werden – dank oder trotz belebender Angebote für Körper, Geist und Seele. Sie dürfen neidisch nach Nordrhein- Westfalen blicken: In Düsseldorf landete gestern Deutschlands älteste Asylbewerberin, die 107-jährige Syrerin Sabria Khalaf, womit deren hier lebende Familie komplett ist: Sie seien „froh und glücklich, dass die Oma nun endlich bei uns ist“, befand eine der Enkelinnen.

Die Struktur des ganzen Artikels orientiert sich an den Geistesblitzen des Redakteurs:

– Nicht nur das Alter der Großmutter ist rekordverdächtig…
– Die Reise hat der Frau einiges abverlangt und ist alles andere als freiwillig…
– Weil in Deutschland selbst in den extremsten Fällen nichts ohne Papierkram geht…

Der Autor drängt sich in den Vordergrund. Merkwürdigerweise ist das die Regel, sobald das Thema als „leicht“ befunden wird. Und wie das Beispiel zeigt, wird das Thema als „leichtes“ behandelt, wenn die Heldin über 100 ist. Dass sie auf ihrem Abenteuerurlaub beinahe umgekommen ist, ist für die Ulmer Redaktion zweitranging

Am Schluss erfährt man, dass die alte Frau ihre Angehörigen besuchen wird. Es folgt ein letzter Kommentar.

… – aktiv mit 107. Dass noch mehr drin ist, zeigt eine Meldung der „Berliner Zeitung“: Vergangene Woche starb in Potsdam die bis dahin älteste Frau Deutschlands im Alter von 110 Jahren.

Aktiv mit 107, tot mit 110: Irgendwie sollen wir damit verstehen, dass für die Asylbewerberin noch mindestens drei Jahre „drin sind“.

Es ist aber noch viel mehr drin: In Deutschland sind Asylbewerber sogar so aktiv, dass sie sich mit Benzin übergießen und anzünden.

(Übrigens: Der Autor,  der für diesen Artikel verantwortlich zeichnet, wird in der Südwestpresse als Politikredakteur bezeichnet.)